Tagesheiliger, Spruch des Tages





Nachfolge Christi 2020

von Thomas v. Kempen




25.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 19
Vom Ertragen der Unbilden und wer als wahrer Dulder sich bewährt

1. Was ist’s, das du redest, Sohn? Lass ab zu klagen, wenn du Mein und anderer Heiligen Leiden betrachtet hast. Noch hast du nicht bis auf’s Blut kämpfen müssen! Gering ist, was du leidest, im Vergleich mit denen, die so vieles gelitten haben, so gewaltig angefochten, so schwer geplagt, so vielfältig geprüft und geübt worden sind. Du musst dir also die schwereren Leiden anderer zu Gemüte führen, damit du deine viel geringeren leichter ertragest. Und wenn dir deine Leiden nicht so gering scheinen, so siehe zu, ob dies nicht von deiner Ungeduld herrührt. Mögen sie jedoch klein oder groß sein, suche sie nur alle geduldig zu ertragen.
2. Je besser du dich zum Leiden anschickst, desto weiser handelst du, und desto größer ist der Lohn; auch wirst du es leichter ertragen, wenn du mit Mut und durch Übung dich fleißig darauf gerüstet hast. Sprich nicht: Das kann ich von einem solchen Menschen nicht ertragen, und so etwas darf ich nicht dulden; denn er hat mir großen Schaden getan, und bürdet mir etwas auf, woran ich niemals gedacht habe; aber von einem anderen wollte ich es gern dulden und sehen, wie es sich ertragen lasse. Töricht ist ein solcher Gedanke, der die Tugend der Geduld ganz außer Acht lässt und nicht erwägt, von wem diese gekrönt werden soll, sondern mehr die Personen und die erlittenen Beleidigungen in’s Auge fasst.
3. Der ist kein wahrer Dulder, der nur so viel leiden will, als ihm gut dünkt, und von wem es ihm gefällt. Ein wahrer Dulder aber merket nicht darauf, von was für einem Menschen ob von seinem Vorgesetzten, oder von Einem seines Gleichen, oder von einem Geringeren, ob von einem Guten oder Frommen, oder von einem Verkehrten und Unwürdigen er in der Geduld geübt werde: sondern er nimmt alles Widrige ohne Unterschied, so viel und so oft und von welchem Geschöpfe es ihm auch zugefügt werden mag, dankbar aus der Hand Gottes an, und hält es für einen großen Gewinn. Denn bei Gott kann nichts, wie klein es auch sei, unvergolten bleiben, wenn es um Seinetwillen erduldet wurde.
4. Sei also gerüstet zum Kampfe, wenn du den Sieg erringen willst. Ohne Kampf kannst du die Krone der Geduld nicht erlangen. Willst du nicht leiden, so magst du auch nicht gekrönt werden. Begehrst du aber gekrönt zu werden, so kämpfe mannhaft und halte geduldig aus. Ohne Arbeit kommt man nicht zur Ruhe, und ohne Kampf nicht zum Siege. Lass mir, o Herr, durch Deine Gnade möglich werden, was mir von Natur unmöglich scheint. Du weißt, dass ich nur wenig ertragen kann und bei der geringsten Widerwärtigkeit schnell mutlos werde. Lass mir jede Übung in Trübsal um Deines Namens willen lieblich und erwünscht sein; denn leiden und geplagt werden um Deinetwillen, ist meiner Seele sehr heilsam.



24.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 18
Dass man zeitliches Elend nach dem Beispiel Christi mit Gleichmut ertragen soll

1. Sohn, Ich bin vom Himmel herab gekommen um deines Heiles willen; Ich habe dein Elend auf Mich genommen, nicht aus Zwang, sondern von Liebe getrieben, damit du Geduld lernen, und das Elend dieser Zeit ohne Murren tragen möchtest. Denn von der Stunde Meiner Geburt an bis zum Tode am Kreuze habe ich Schmerz und Angst gehabt. Ich litt bitteren Mangel an zeitlichen Gütern; Ich hörte häufige Klagen über Mich; Ich ertrug Schmach und Schande mit Sanftmut; Ich erntete für Wohltaten Undank, für Meine Wunden Lästerungen, für Meine Lehre Widerspruch und Tadel.
2. Herr, weil Du so geduldig warst in Deinem Leben und dadurch vorzüglich den Auftrag Deines Vaters erfülltest: so ist es billig, dass ich ärmster Sünder geduldig leide nach Deinem Willen, und so lange Du willst, die Bürde dieses vergänglichen Lebens zu meinem Heil ertrage. Denn obwohl das gegenwärtige Leben schwer drückt, so ist es doch durch Deine Gnade sehr verdienstlich, und durch Dein Beispiel und durch die Fußstapfen Deiner Heiligen uns Schwachen erträglicher und heiterer geworden. Aber es ist auch viel tröstlicher, als ehemals im alten Bunde, da die Himmelspforte verschlossen blieb, und der Weg zum Himmel dunkler schien, indem so wenige das Himmelreich zu suchen bemüht waren. Daher konnten selbst die, welche damals gerecht waren und auf Erlösung harrten, vor Deinem Leiden und dem Schuldopfer Deines heiligen Todes in das himmlische Reich nicht eingehen. O welchen Dank bin ich Dir schuldig, dass Du mir und allen Gläubigen den rechten und geraden Weg zu Deinem ewigen Reiche hast zeigen wollen. Denn Dein Leben ist unser Weg, und durch heilige Geduld kommen wir zu Dir, Der Du unsere Krone bist. Wenn Du nicht vorangegangen wärest und uns gelehrt hättest: wer würde Dir zu folgen sich bestreben? Ach, wie viele würden ferne un
d zurückbleiben, sähen sie Dein herrliches Beispiel nicht vor sich! Siehe, noch sind wir lau, obgleich wir Deine vielen Zeichen und Lehren gehört haben: was würde erst geschehen, wenn Dein Himmelsstrahl uns nicht zu Deiner Nachfolge leuchtete?



23.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 17
Dass man alle Sorge Gott anheimstellen soll

1. Sohn, lass Mich mit dir tun, was Ich will! Ich weiß, was dir heilsam ist. Du denkst wie ein Mensch, und urteilst in vielem, wie es menschliche Neigung dir eingibt.
Herr, es ist wahr, was Du sagst: Deine Sorgfalt für mich ist größer, als alle Sorge, die ich für mich tragen kann. Denn der hängt allzu sehr vom Zufall ab, welcher nicht all seine Sorge auf Dich wirft. Herr! Wenn nur mein Wille immer recht und fest auf Dich gerichtet bleibt, so tue mit mir, was Dir wohlgefällt. Denn was Du mit mir tun magst, kann nicht anders als gut sein.
2. Willst Du, dass ich in Finsternis wandle, so sei gepriesen, und willst Du, dass ich im Lichte sei, so sei auch dafür gepriesen. Würdigst Du mich eines Trostes, so sei gepriesen, und willst Du Trübsal über mich verhängen, so sei ebenso allezeit gepriesen!
Sohn, also muss es um dich stehen, wenn du mit Mir wandeln willst. Du musst ebenso bereitwillig sein zum Leiden, als zur Freude. Du musst ebenso gern hungrig und arm sein, als satt und reich.
3. Herr, um Deinetwillen will ich gern leiden, was Du auch über mich kommen lassen mögest. Mit gleicher Freude will ich aus Deiner Hand Gutes und Böses, Süßes und Bitteres, Fröhliches und Trauriges hinnehmen, und für alles, was mir widerfährt, Dank sagen. Bewahre mich vor aller Sünde, und ich werde weder Tod noch Hölle fürchten. Wenn Du mich nur in Ewigkeit nicht verwirfst, und mich nicht auslöschest aus dem Buche des Lebens: so mag mir nimmer schaden, was auch für Trübsal über mich komme.



22.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 16
Dass wahrer Trost in Gott allein zu suchen ist

1. Alles, was ich nur zu meinem Troste wünschen oder denken kann, erwarte ich nicht hier, sondern dort. Wenn ich auch alle Tröstungen dieser Welt allein hätte und alle Ergötzungen genießen könnte, so ist doch gewiss, dass sie nur von kurzer Dauer sein würden. Darum, meine Seele, wirst du nicht vollkommen getröstet, noch erquickt werden können, außer in Gott, dem Tröster der Armen und dem Beschützer der Demütigen. Harre nur ein wenig, meine Seele, harre der göttlichen Verheißung, und du wirst Überfluss haben an allen Gütern im Himmel. Wenn du aber mit ungeordneter Begierde das Gegenwärtige verlangst, so wirst du jener ewigen und himmlischen Güter verlustig werden. Gebrauche das Zeitliche und trachte nach dem Ewigen. Nimmer kannst du durch irgend ein zeitliches Gut gesättigt werde, weil du zu dergleichen Genuss nicht erschaffen bist.
2. Und besäßest du auch alle Güter der Welt, so könntest du doch nicht glücklich und selig sein; sondern in Gott, der alles geschaffen hat, besteht dein ganzes Glück und deine Seligkeit. Diese Seligkeit ist freilich keine solche, wie sie von den törichten Kindern dieser Welt angesehen und gerühmt wird, sondern wie sie die frommen Christgläubigen erwarten, wovon schon manchmal einen Vorgeschmack die haben, die reinen Herzens und voll heiligen Geistes sind, die, deren Wandel im Himmel ist. Eitel und kurz ist aller menschliche Trost. Wahren und seligmachenden Trost gibt innerlich die Wahrheit. Der fromme Christ hat seinen Tröster, Jesum, überall und immer bei sich, und spricht zu Ihm: Sei Du bei mir, Herr Jesu, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Das sei mein Trost, gern allen menschlichen Trost entbehren zu wollen. Und wenn auch Dein Trost mir mangeln sollte, so sei Dein Wille und Deine gerechte Prüfung mein höchster Trost. – Denn Du wirst nicht immer zürnen, noch in Ewigkeit drohen.



21.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 15
Wie man bei allem, was man wünscht, sich verhalten und sprechen soll

1. Sohn, bei allem, was du wünschest, sprich: Herr, wenn es Dir wohlgefällt, geschehe das so. Herr, wenn es zu Deiner Ehre gereicht, geschehe das in Deinem Namen. Herr, wenn Du siehst, dass es mir gut und heilsam ist, so verleihe mir zugleich, dass ich es zu Deiner Ehre gebrauche.
Weißt du aber, dass es mir schädlich sein würde, und nicht zum Heil meiner Sache dienlich: so nimm von mir ein solches Verlangen. Denn nicht jedes Verlangen ist vom Heiligen Geiste, auch wenn es dem Menschen recht und gut scheint. Es ist schwer, richtig zu beurteilen, ob ein guter Geist oder ein böser dich treibe, dieses oder jenes zu wünschen, oder auch, ob du von deinem eigenen Geiste angetrieben werdest. Viele sind am Ende betrogen worden, die anfänglich von einem guten Geiste geführt zu werden schienen.
2. Darum muss man immer mit Gottesfurcht und Demut des Herzens wünschen und bitten, was immer Begehrenswertes dem Gemüte vorkommt; und vorzüglich sollst du, mit völliger Hingebung deiner selbst, mir alles anheimstellen und sprechen: Herr, Du weißt, wie es besser ist; es geschehe dies oder jenes, wie Du willst. Gib, was Du willst und wie viel Du willst, und wann Du willst. Mach‘s mit mir, wie Du weißt und wie es Dir besser gefällt und wie es zu Deiner größeren Ehre gereicht. Stelle mich, wohin du willst, und tue mit mir in allem nach Deinem Wohlgefallen. Ich bin in Deiner Hand, drehe und wende mich um und um. Siehe, ich bin Dein Knecht und zu allem bereit; denn ich verlange nicht, mir zu leben, sondern Dir: o möchte es würdig und vollkommen geschehen.
Gebet:
Verleihe mir, o gütigster Jesu, Deine Gnade, dass sie mit mir sei und mit mir arbeite, und bei mir bis an’s Ende verharre. Gib, dass ich allezeit begehre und wünsche, was Dir am angenehmsten ist und am meisten gefällt. Dein Wille sei der meinige, und mein Wille richte sich immer nach dem Deinigen, und stimme mit ihm bestens überein. Mein Wollen und Nichtwollen sei eins mit Deinem, und immer müsse ich nichts anderes wollen und nicht wollen, als was Du willst und nicht willst.
Gib, dass ich allem absterbe, was in der Welt ist, und dass ich um Deinetwillen gern verachtet und unbekannt sei in dieser Zeitlichkeit. Gib, dass ich Dich über alle Dinge liebe, und in Dir allein den Frieden meines Herzens suche. Du bist allein der wahre Frieden des Herzens, Du seine einzige Ruhe, und außer Dir ist nichts als Qual und Unruhe. In diesem Frieden, ja in ihm allein, das ist, in Dir, dem einen höchsten und ewigen Gute, will ich schlafen und ruhen. Amen.



20.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 14
Von Betrachtung der verborgenen Gerichte Gottes, damit wir uns im Guten nicht überheben

1. Du donnerst über mir Deine Gerichte, o Herr und mit Furcht und Schrecken erschütterst Du alle meine Gebeine, und tief erbebt meine Seele. Bestürzt stehe ich da, und erwäge, dass selbst die Himmel nicht rein sind vor Deinem Angesicht. Wenn du an den Engeln Bosheit gefunden, und auch ihrer nicht geschont hast: was wird mit mir werden? Sterne sind vom Himmel gefallen, und ich Staub, was nehme ich mir heraus? Die, deren Werke löblich schienen, fielen in die Tiefe hinab, und die das Brot der Engel aßen, sah ich an den Träbern der Schweine sich ergötzen!
2. Keine Heiligkeit gibt es also, wenn Du, Herr, Deine Hand abziehest. Keine Weisheit nützt, wenn du zu leiten aufhörst. Keine Stärke hilft, wenn du zu beschirmen ablässest. Keine Keuschheit ist sicher ohne deinen Schutz. Keine eigene Wachsamkeit frommt, wenn Dein heiliges Auge nicht wacht. Denn uns selbst überlassen, versinken wir und kommen um; wenn Du uns aber heimsuchst, so erheben wir uns und leben. Wir sind unbeständig, aber durch Dich werden wir befestiget; wir sind lau, aber durch Dich werden wir entzündet.
3. O wie demütig und gering muss ich von mir selbst denken! Wie für nichts muss ich es achten, wenn ich etwas Gutes zu haben scheine! O wie tief muss ich mich unterwerfen deinen unergründlichen Gerichten, o Herr, da ich finde, dass ich nichts anderes bin, als nichts und abermal nichts! O unermessliche Last! O undurchschwimmbares Meer, wo ich nichts an mir finde, als in allem Nichts! Wo ist also ein Schlupfwinkel für Ruhm? Wo das Vertrauen auf vermeinte Tugend? Verschlungen ist alles eitle Rühmen in dem Abgrund Deiner Gerichte über mich!
4. Was ist alles Fleisch vor Deinem Angesicht? – Mag sich der Ton wohl rühmen gegen den Töpfer, der ihn bildet? Wie kann sich der in eitler Rede erheben, dessen Herz in Wahrheit Gott unterworfen ist? Wen die Wahrheit demütig gemacht hat, den kann die ganze Welt nicht übermütig machen; noch wird durch aller Lobredner Mund der bewegt, welcher all seine Hoffnung auf Gott gegründet hat. Denn auch die, welche Dich loben, sieh, sind allzumal nichts;
sie werden verschwinden, wie der Schall ihrer Worte; aber die Wahrheit des Herrn bleibet in Ewigkeit.



19.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 13
Vom Gehorsam eines Demütigen nach dem Beispiel Jesu Christi

1. Sohn, wer sich dem Gehorsam zu entziehen sucht, der entzieht sich selbst der Gnade, und wer für sich etwas Besonderes haben will, verliert das Gemeinsame. Wer nicht gern und willig seinem Vorgesetzten sich unterwirft, zeigt, dass ihm sein Fleisch noch nicht vollkommen gehorche, sondern noch oft widerspenstig sei und murre. Lerne daher ohne Verzug, deinem Oberen dich unterwerfen, wenn du dein eigen Fleisch unterjochen willst. Denn schneller wird der äußere Feind überwunden, wenn der innere Mensch unter Zucht steht. Es gibt keinen lästigeren und schlimmeren Feind deiner Seele, als du dir selbst bist, wenn du mit dem Geiste nicht recht übereinstimmst. Du musst durchaus in Wahrheit dich selbst verachten, wenn du über Fleisch und Blut die Oberhand gewinnen willst. Weil du noch eine allzu unordentliche Liebe zu dir selbst hast, darum bangt es dir, dem Willen Anderer dich vollkommen zu ergeben.
2. Aber was ist es denn Großes, wenn du, der du Staub und nichts bist, um Gottes willen einem Menschen dich unterwirfst; da Ich, der Allmächtige und Allerhöchste, Der Ich Alles aus nichts erschaffen, Mich um deinetwillen demütig den Menschen unterworfen habe? Ich bin der Demütigste und Niedrigste von allen geworden, damit du deinen Stolz durch meine Demut überwinden möchtest. Lerne gehorchen, du Staub! Lerne dich demütigen, du Lehm und Erde, und unter den Füßen aller dich krümmen! Lerne deinen Willen brechen und dich in allem unterwerfen!
3. Entbrenne wider dich selbst, und dulde nicht, daß Hochmut in dir aufkomme; sondern zeige dich so unterwürfig und klein, dass alle über dich hingehen und wie Straßenkot dich treten können! Was hast du zu klagen, du eitler Mensch? Wie kannst du, befleckter Sünder, denen, die dich schmähen, widersprechen, der du so oft Gott beleidiget und vielfältig die Hölle verdient hast? Aber Mein Auge hat deiner geschonet, weil deine Seele kostbar war vor Meinem Angesicht, damit du erkennen möchtest Meine Liebe, und immer dankbar bliebest für Meine Wohltaten, und der wahren Unterwerfung und Demut dich stets befleißigtest, und geduldig die eigene Verachtung ertrügest.



18.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 12
Von der Unterwerfung in der Geduld
und dem Kampfe gegen die Begierden

1. Herr, mein Gott, ich sehe ein, dass mir Geduld sehr vonnöten ist; denn in diesem Leben ereignet sich viel Widerwärtiges. Wie ich es auch meines Friedens halber ordnen mag, so kann doch mein Leben nicht ohne Kampf und Schmerz sein.
2. So ist’s, Mein Sohn! Aber Ich will nicht, dass du nach einem solchen Frieden trachtest, welcher von allen Anfechtungen frei ist oder Widerwärtiges nicht erfährt. Vielmehr sollst du erst dann glauben, den Frieden gefunden zu haben, wenn du durch allerlei Trübsale geübt und durch viele Widerwärtigkeiten bewährt bist. Sagst du aber, du könnest nicht so viel leiden: wie wirst du dann das Feuer des Reinigungsortes aushalten? Von zwei Übeln muss man immer das kleinste wählen. Damit du also den zukünftigen Strafen der Ewigkeit entgehen mögest, so befleißige dich, die Leiden dieser Zeit um Gottes willen mit Gleichmut zu ertragen. Glaubst du denn, die Weltkinder hätten nichts oder nur wenig zu leiden? Das wirst du nicht finden, selbst wenn du die Verzärteltsten aufsuchtest. Du sprichst: Ja, aber sie haben doch viele Ergötzlichkeiten und folgen ihrem eigenen Willen, weswegen sie ihre Trübsale nicht hoch anschlagen.
3. Gesetzt nun auch, sie hätten, was sie wünschen; aber wie lange, meinst du, wird das währen? Siehe, wie Rauch werden sie vergehen, die in der Welt Überfluss haben, und nicht eine Erinnerung an die vergangenen Freuden wird ihnen bleiben. Aber auch, so lange sie noch leben, haben sie keine Ruhe darin ohne Bitterkeit, Überdruss und Furcht. Denn gerade das, woraus sie sich Freude schöpfen, wird ihnen auch häufig zur Quelle des Schmerzes und der Pein. Hieran geschieht ihnen ganz recht, denn da sie ungeordnet Vergnügungen suchen und ihnen nachgehen, so können sie dieselben nicht ohne Scham und Bitterkeit befriedigen.
4. O wie kurz, wie täuschend, wie unordentlich und schändlich sind alle diese Genüsse! Aber das sehen solche Menschen vor Trunkenheit und Blindheit nicht ein, sondern rennen, gleich den unvernünftigen Tieren, um einer geringen Lust des vergänglichen Lebens willen in den Tod der Seele. Du also, mein Sohn! Folge nicht deinen Begierden, und brich deinen Willen.
Freue dich in dem Herrn, und Er wird dir geben, was dein Herz wünschet.
5. Denn wenn du wahrhaft erfreut und überschwänglich von Mir getröstet werden willst, siehe, so wird die Verachtung aller weltlichen Dinge und die Entsagung aller niedrigen Freuden dein Segen sein und dir reichlicher Trost gewährt werden. Und je mehr du dich allem Troste der Kreatur entziehest, um so süßeren und kräftigeren Trost wirst du in Mir finden. Aber anfänglich wirst du nicht dazu gelangen ohne einige Traurigkeit und manchen harten Kampf. Die alte eingewurzelte Gewohnheit wird sich dagegen sträuben, aber sie wird zuletzt doch durch eine bessere Gewöhnung überwunden werden. Murren wird das Fleisch, aber es wird am Ende doch durch des Geistes Eifer gezügelt werden. Reizen und erbittern wird dich die alte Schlange; aber durch Gebet wird sie verscheucht, überdies auch durch nützliche Beschäftigung der Haupteingang ihr versperrt werden.



17.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 11
Dass man die Wünsche des Herzens prüfen und mäßigen soll

1. Sohn, du musst noch vieles lernen, was du noch nicht recht gelernt hast. Was ist dieses, o Herr? Dass du dein Verlangen ganz nach Meinem Wohlgefallen richtest und dich selbst nicht liebtest, sondern Meinen Willen eifrig zu vollbringen dich bestrebtest. Oft entzünden dich Begierden und treiben dich heftig; doch überlege, ob du um Meiner Ehre oder deines Nutzens willen mehr angeregt wirst. Bin Ich die Ursache, so wirst du wohl zufrieden sein, wie Ich es auch ordnen mag, ist aber dabei etwas von Selbstsucht im Spiele, sieh, so ist es dies, was dich hindert und beschwert.
2. Darum hüte dich, dass du nicht allzu sehr auf ein, ohne Meinen Rat, von dir selbst hervorgerufenes Verlangen trauest, damit nicht etwa nachher dich gereue oder gar missfalle, was dir zuerst gefiel und wofür du eifertest, als ob es das Bessere wäre. Denn nicht jeder Neigung, die gut scheint, darf man sofort folgen, aber auch nicht jede widrige Empfindung sogleich fliehen. Es ist bisweilen zuträglich, selbst bei guten Bestrebungen und Wünschen den Zügel zu gebrauchen, damit du nicht durch Ungestüm in Geisteszerstreuung geratest; damit du nicht Anderen durch Zuchtlosigkeit Ärgernis gebest, oder auch durch den Widerstand Anderer plötzlich bestürzt werdest und fallest.
3. Zuweilen jedoch muss man Gewalt brauchen und dem sinnlichen Begehren mannhaft entgegen treten, und nicht darauf achten, was das Fleisch wolle, sondern vielmehr gerade darauf hinarbeiten, dass es auch wider Willen dem Geiste sich unterwerfe. Und so lange muss es kasteiet und zur Unterwürfigkeit gezwungen werden, bis es zu allem willig ist, bis es gelernt hat, sich an Wenigem genügen zu lassen, am Einfachen Vergnügen zu finden und bei keiner Widerwärtigkeit zu murren.



16.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 10
Dass es süß sei, die Welt zu verachten und Gott zu dienen

1. Ich will jetzt wiederum reden, Herr, und nicht schweigen; ich will reden vor den Ohren meines Gottes, meines Herrn und meines Königs, Der in der Höhe wohnt! O wie groß, Herr, ist die Fülle Deiner Süßigkeit, die Du verborgen (aufbehalten) hast denen, so Dich fürchten! Aber was bist Du denen, die Dich lieben und Dir von ganzem Herzen dienen? Wahrhaft unaussprechlich ist die Süßigkeit Deiner Beschauung, die Du reichlich mitteilst denen, so Dich lieben. Du hast mir die Süßigkeit Deiner Liebe allermeist darin bewiesen, dass Du mich, da ich nicht war, geschaffen, und da ich weit von dir in der Irre ging, zurück geführt hast, damit ich Dir diente, und Dich, wie du geboten, liebte.
2. O du Brunnquell der ewigen Liebe, wie soll ich Dich würdig preisen? Wie sollte ich Deiner vergessen können, der Du an mich Unwürdigen dachtest, auch da noch dachtest, als ich schon ganz verdorben und verloren war? Über alles Hoffen hast Du an Deinem Knechte Barmherzigkeit getan, und über alles Verdienst ihm Gnade und Freundschaft bewiesen. Was soll ich Dir wieder geben für solche Gnade? Denn es ist nicht allen verliehen, dass sie alles verlassen, der Welt entsagen und das klösterliche Leben wählen. Ist es denn etwas Großes, dass ich dir diene, dem alle Kreatur zu dienen schuldig ist? Das soll mir nicht groß dünken, Dir zu dienen; mehr aber erscheint mir das groß und wunderbar, dass Du mich, der ich so arm und unwürdig bin, würdigtest zum Knechte anzunehmen und Deinen geliebten Knechten beizugesellen.
3. Siehe, alles ist Dein, was ich habe, und womit ich Dir diene. Doch ist es umgekehrt, Du dienest vielmehr mir, als ich Dir. Siehe, Himmel und Erde, welche Du zum Dienste des Menschen geschaffen hast, sind bereit, und tun täglich, was Du ihnen geboten hast. Und das ist noch wenig; denn selbst die Engel hast Du zum Dienste des Menschen verordnet. All dieses aber übersteigt das, dass Du Dich Selbst herabgelassen, dem Menschen zu dienen, und ihm verheißen hast, Dich selbst ihm darzugeben.
4. Was soll ich Dir geben für all’ diese tausendfältigen Gaben?
O dass ich Dir dienen könnte mein ganzes Leben lang! Fürwahr, Du bist würdig allen Dienstes,
aller Ehre und ewigen Lobes! Du bist wahrlich mein Herr, und ich bin Dein armer Knecht, der aus allen Kräften Dir zu dienen verpflichtet ist und in Deinem Lobe nie ermüden darf. So will, so verlange ich es, und was mir abgeht, das ersetze Du!
5. Große Ehre, großer Ruhm ist es, Dir zu dienen, und alles um Deinetwillen zu verachten. Denn große Gnade werden die haben, die sich freiwillig Deinem heiligen Dienste unterwerfen. Die werden die süßesten Tröstungen des Heiligen Geistes finden, welche aus Liebe zu Dir aller fleischlichen Lust entsagten. Große Freiheit des Geistes werden die erlangen, die um Deines Namens willen den schmalen Weg gehen und sich aller weltlichen Sorge entziehen.
6. O angenehmer und lieblicher Dienst Gottes, wodurch der Mensch wahrhaft frei und heilig wird! O heiliger Stand der geistlichen Dienerschaft, welcher den Menschen den Engeln gleich, Gott wohlgefällig, den bösen Geistern schrecklich und allen Gläubigen wert macht. O liebenswürdige und allzeit wünschenswerte Dienstbarkeit, wodurch man das höchste Gut verdient und eine Freude erwirbt, die ohne Ende bleiben wird.



15.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 9
Dass man alles auf Gott, als auf das letzte Ziel beziehen soll

1. Sohn, Ich muss dein höchstes und letztes Ziel sein, wenn du wahrhaft wünschest, selig zu werden. Durch diese Richtung wird dein Begehren gereinigt werden, das sich nur zu oft sündhaft zu dir selbst und zu den Kreaturen hinneigt. Denn wenn du dich selbst in irgend etwas suchst, so nimmst du alsbald in dir ab und verdorrest. Darum beziehe Alles hauptsächlich auf Mich, weil Ich es bin, der alles gegeben hat. Betrachte das Einzelne so, wie es aus Mir, dem höchsten Gute, ausfließt: und deshalb muss auch alles auf Mich, als auf seinen Ursprung, zurückgeführt werden.
2. Aus Mir schöpft Klein und Groß, Arm und Reich, als aus der lebendigen Quelle Wasser des Lebens und die Mir freiwillig und gern dienen, nehmen Gnade um Gnade von mir. Wer aber außer Mir Ruhm suchen oder an irgend einem besonderen Gut sich ergötzen will, der wird in der wahren Freude nicht bestehen, noch in seinem Herzen erweitert, sondern vielfach gehindert und beengt werden. Darum darfst du dir selbst nichts Gutes zuschreiben, noch irgend einem Menschen Tugend beimessen: sondern alles gibt Gott, ohne den der Mensch nichts hat. Ich habe alles gegeben, Ich will dich ganz haben und forderte mit großer Strenge Danksagung.
3. Das ist die Wahrheit, die alle eitle Ruhmsucht austreibt. Und gehet die himmlische Gnade und die wahre Liebe bei dir ein, so wird kein Neid, kein Widerspruch des Herzens und keine Eigenliebe dich mehr einnehmen. Denn die göttliche Liebe überwindet alles und erweitert alle Kräfte der Seele. Wenn du wahrhaft weise bist, so wirst du in Mir allein dich freuen, auf Mich allein hoffen; denn niemand ist gut, als Gott allein, Der über alles gelobt und in allem gepriesen werden muss.



14.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 8
Von der Geringschätzung seiner selbst in den Augen Gottes

1. Darf ich reden zu meinem Herrn, da ich Staub und Asche bin? Wenn ich mich für mehr halten würde, siehe, so stehest Du wider mich und meine Missetaten geben der Wahrheit Zeugnis und ich vermag nicht zu widersprechen. Wenn ich mich aber erniedrige, und für nichts halte und aller Selbstschätzung entsage und mich als das, was ich wirklich bin, als Staub achte: so wird mir geneigt Deine Gnade und nahe meinem Herzen Dein Licht sein und jede Selbstschätzung, wie gar klein sie auch sei, wird in dem Tale meiner Nichtigkeit versinken und untergehen ewiglich. Da zeigst Du auch mir, was ich bin, was ich war und von wannen ich gekommen bin; denn nichts bin ich und wusste es nicht. Überlässest Du mich mir selbst, siehe, so bin ich nichts als Schwachheit durch und durch: sobald Du aber mich wieder anblickst, werd’ ich flugs stark und erfüllt mit neuer Freude. Und gar wunderbar ist’s, dass ich so plötzlich erhoben und so gütig von Dir umfangen werde, ich, den eigene Schwere stets in die Tiefe hinabzieht.
2. Das tut Deine Liebe, die mir unverdient zuvorkommt und in so vielen Nöten mir beisteht, auch vor schweren Gefahren mich behütet und in Wahrheit mich unzähligen Übeln entreißt. Da ich böslich mich selbst liebte, verlor ich mich und da ich Dich allein suchte und Dich herzlich liebte, fand ich Dich und mich zugleich und versenkte mich aus Liebe zu Dir noch tiefer in mein Nichts. Denn Du, o Holdester, tust an mir über alles Verdienst, ja über alles Bitten und verstehen.
3. Gepriesen seist Du, mein Gott, dass, obgleich ich alles Guten unwert bin, doch Deine Huld und unbegrenzte Güte nimmer aufhört, wohlzutun auch den Undankbaren und denen, die sich weit abgewendet haben von Dir. Bekehre uns zu Dir, damit wir dankbar, demütig und fromm sind; denn Du bist unser Heil, Du unsere Kraft und Stärke!



13.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 7
Von dem Verbergen der Gnade unter dem Schirme der Demut

1. Sohn, es ist nützlicher und sicherer für dich, die Gnade der Andacht zu verbergen, sich ihrer nicht zu überheben, auch nicht viel davon zu sprechen, noch viel Gewicht darauf zu legen, sondern vielmehr dich selbst zu verschmähen und zu fürchten, als sei sie einem Unwürdigen zu Teil geworden. Du darfst auch an diesem Gefühle nicht zu fest hängen, da es gar bald in das Gegenteil umschlagen kann. Im Besitz der Gnade bedenke, wie elend und arm du ohne dieselbe zu sein pflegst. Auch liegt darin nicht so viel Wachstum des geistlichen Lebens, wenn du die Gnade der Tröstung hast, sondern wenn du ihre Entziehung mit Demut und Entsagung geduldig erträgst, so dass du alsdann im Eifer zum Gebet nicht erkaltest, noch deine übrigen Werke, die du sonst zu tun pflegest, gänzlich unterlässest; sondern, nach bestem Wissen und Vermögen, gerne tust, was dir obliegt; auch wegen Dürre und Ängstlichkeit der Seele, die du fühlst, dich nicht gänzlich vernachlässigest.
2. Es gibt viele, die alsbald ungeduldig und träg werden, wenn es ihnen nicht nach Wunsch von statten gehe. Denn nicht immer steht es in der Macht des Menschen, wie er wandle oder seinen Gang richte: sondern Gottes Sache ist es, zu geben und zu trösten, wenn Er will und wie viel Er will und wem Er will, so wie es Ihm gefällt und nicht mehr. Einige haben in ihrem religiösen Eifer sich selbst zu Grunde gerichtet, weil sie mehr tun wollten, als sie vermochten und weil sie das Maß ihrer geringen Kraft nicht in Anschlag brachten, sondern mehr dem Triebe des Herzens, als dem Urteile der Vernunft folgten. Und weil sie sich größerer Dinge vermaßen, als Gott wohlgefällig war, so sind sie der Gnade alsbald verlustig geworden. Hilflos wurden und in Niedrigkeit blieben die, so bis in den Himmel steigen wollten, damit sie, gedemütigt und verarmt, lernen möchten, nicht mit eigenen Flügeln zu fliegen, sondern unter Meinen Fittichen zu harren. Welche in den Wegen des Herrn noch Neulinge und unerfahren sind, können leicht betrogen und irre geführt werden, wenn sie sich nicht nach dem Rate der Erfahrenen richten.
3. Wollen sie aber ihrem Sinne mehr folgen, als andern Geübteren glauben, so steht ihnen ein geringer Ausgang bevor, sofern sie sich anders von ihrer Meinung nicht abbringen lassen. Selten besitzen die, welche sich selbst für weise halten, Demut genug, um sich von anderen zurechtweisen zu lassen. Besser ist mäßiges Wissen mit Demut und geringer Einsicht, als große Schätze von Kenntnissen mit eitler Selbstgefälligkeit. Besser ist es für dich, weniger zu haben, als viel, worauf du stolz werden könntest. Nicht vorsichtig genug handelt, wer sich ganz der Freude überlässt, unein Gedenk seiner vorigen Dürftigkeit und der lauteren Furcht des Herrn, welche die empfangene Gnade zu verlieren fürchtet. Auch dem fehlt noch an Meisterschaft, der zur Zeit der Trübsal und bei jeder Bedrängnis sich zu verzagt benimmt und nicht die Zuversicht zu mir bewahrt, die er haben sollte.
4. Wer zur Zeit des Friedens allzu sicher sein will, den findet man zur Zeit des Kampfes oft gar zu kleinmütig und furchtsam. Vermöchtest du immer demütig und bescheiden in dir zu bleiben und deinen Geist gehörig zu mäßigen und zu regieren: so würdest du nicht so leicht in Gefahr geraten und Ärgernis nehmen. Das ist ein guter Rat; dass du, wenn dich der Geist der Inbrunst ergriffen hat, erwägest, wie es mit dir stehen werde, wenn das Licht dich verlässt? Und wenn dieser Fall wirklich eingetreten ist, so bedenke, dass das Licht wiederkehren könne, das Ich dir zur Warnung, Mir aber zur Verherrlichung auf eine Weile entzogen habe.
5. Eine solche Prüfung ist dir oft heilsamer, als wenn dir alles stets nach Wunsch und Willen geschähe. Denn die Verdienste sind nicht darnach zu schätzen, ob einer viele Offenbarungen oder Tröstungen habe oder ob er bewandert sei in der heiligen Schrift oder auf eine höhere Stufe gestellt; sondern darnach, ob er in der wahren Demut gegründet und von göttlicher Liebe erfüllt sei; ob er die Liebe Gottes allzeit lauter und redlich suche; ob er sich selbst für nichts achte und in Wahrheit verschmähe, ja sich mehr freue, auch von andern verachtet und gedemütigt, als geehrt zu werden.



12.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 6
Von der Bewährung des wahrhaft Liebenden

1. Sohn, du bist noch kein starker und erfahrener Liebhaber. Warum, o Herr? Weil dich eine geringe Widerwärtigkeit von dem Angefangenen abbringt und du allzu begierig nach Trost suchst. Ein starker Liebhaber steht fest in den Versuchungen und trauet nicht den listigen Vorspiegelungen des Feindes. Wie ich ihm im Glück gefalle, so missfall‘ ich ihm auch im Unglück nicht.
2. Der erfahrene Liebhaber sieht nicht so sehr auf die Gabe des Liebenden, als auf die Liebe des Gebers. Er achtet mehr auf die Gesinnung, als auf den Ausdruck dieser Gesinnung, und höher als alle Gaben stellt er den Geliebten. Der edle Liebhaber fordert Befriedigung nicht in der Gabe, sondern in Mir, Der Ich ihm über alle Gaben gehe. Darum ist nicht alles verloren, wann du manchmal minderes Wohlgefallen an Mir oder Meinen Heiligen findest, als du möchtest. Jene fromme und süße Empfindung, die du zuweilen hast, ist eine Wirkung der gegenwärtigen Gnade und ein gewisser Vorgeschmack der himmlischen Heimat, worauf man sich nicht allzu sehr stützen darf, weil sie kommt und geht. Kämpfen aber gegen die aufsteigenden bösen Regungen des Gemüts und die Einflüsterungen des Teufels verachten: das ist ein Merkmal der Tugend und großen Verdienstes.
3. Lass dich also nicht verwirren durch fremdartige Einbildungen, die über irgend eine Sache sich einschleichen. Halte fest deinen Vorsatz und die gerade Richtung auf Gott. Es ist auch keine Täuschung, wenn du manchmal plötzlich entzückt wirst und dann gleich wieder in die alten Torheiten des Herzens zurückfällst. Denn diese leidest du mehr wider Willen, als dass du sie liebst und so lange sie dir missfallen und du ihnen widerstrebst, ist es Verdienst und kein Schaden.
4. Wisse, daß der alte Feind immer darnach trachtet, dein Verlangen nach dem Guten zu hindern und dich von jeder frommen Übung abzuziehen, nämlich von der Verehrung der Heiligen, von dem fruchtbaren Gedächtnisse meines Leidens, von der heilsamen Erinnerung an deine Sünden, von der Wachsamkeit über das eigene Herz und von dem festen Vorsatze, in der Tugend fortzuschreiten. Er gibt viele böse Gedanken ein, um dir Ekel und Schrecken zu machen und dich von dem Gebet und dem Lesen heiliger Schriften abzuziehen. Ihm missfällt eine demütige Beichte und wenn er es könnte, würde er dich auch von der Kommunion abwendig machen. Glaube ihm nicht und kümmere dich nicht um ihn, ob er dir gleich oft listig Fallstricke legt. Ihm rechne es zu, wenn böse und unreine Gedanken in dir aufsteigen und sprich zu ihm: Hebe dich hinweg, du unsauberer Geist; schäme dich, Elender! Ganz unrein bist du, weil du mir Solches in meine Ohren flüsterst. Weiche von mir, du ärgster Verführer, du sollst keinen Teil an mir haben, sondern Jesus wird mit mir sein, als ein starker Held, und du wirst beschämt dastehen. – Lieber will ich sterben und alle Pein leiden, als dir zu Willen sein. – Schweig und verstumme, ich will dich nicht weiter hören, so viele Plagen du mir auch noch antun magst. Der Herr ist mein Licht und mein Heil; wen sollt’ ich fürchten? Wenn Heerschaaren sich gegen mich lagerten, so wird mein Herz sich doch nicht fürchten. Der Herr ist mein Helfer und mein Erlöser. Kämpfe als ein wackerer Kriegsmann und wenn du auch bisweilen aus Schwachheit strauchelst, so raffe dich auf von dem Falle mit vermehrter Kraft, im Vertrauen auf meine reichlichere Gnade; hüte dich aber sehr vor eitlem Dünkel und Hochmut. Dadurch werden viele in Irrtum gestürzt, und fallen manchmal in eine fast unheilbare Blindheit. Möge dich dieser Sturz der Stolzen, die sich törichterweise selbst vermessen, zur Vorsicht und zur beständigen Demut führen.



11.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 5
Von der wunderbaren Wirkung der göttlichen Liebe

1. Ich preise dich, himmlischer Vater, Vater meines Herrn Jesu Christi, dass Du mich Armen würdigest, meiner zu gedenken. O Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, ich sage Dir Dank, dass Du mich allen Trostes Unwürdigen doch bisweilen mit Deinem Troste erquickest. Ich preise Dich ohne Unterlass und lobe Dich mit Deinem eingeborenen Sohne samt dem Heiligen Geiste, dem Tröster, von nun an bis in Ewigkeit. Ei, mein Herr und Gott, Du Heiliger, Der Du mich liebest, wenn Du in mein Herz kommst, so wird mein ganzes Innere frohlocken! Du bist mein Ruhm und meines Herzens Wonne, Du meine Hoffnung und meine Zuflucht am Tage meiner Trübsal.
2. Aber weil ich noch schwach bin in der Liebe und unvollkommen in der Tugend, so bedarf ich Stärke und Trost von Dir; darum suche mich oft heim und unterweise mich in heiliger Zucht. Mache mich frei von bösen Begierden und heile mein Herz von allen unordentlichen Trieben, damit ich, geheilet und gereinigt im Innern, geschickt werde zur Liebe, stark zum Leiden, standhaft zum Ausharren.
3. Die Liebe ist ein großes Ding und gewiss ein herrliches Gut, das allein leicht macht alles Schwere und mit Gleichmut duldet alles, was ungleich ist. Denn sie trägt das Schwere ohne Beschwerde und macht alles Bittere süß und schmackhaft. Die edle Liebe zu Jesu treibt zu großen Taten und weckt das Verlangen nach stets wachsender Vollkommenheit. Die Liebe strebt aufwärts und lässt sich nicht zurückhalten durch niedere Dinge. Die Liebe will frei sein und jeder weltlichen Neigung fremd, damit ihr inneres Schauen nicht beschränkt, damit sie durch keinen zeitlichen Vorteil umgarnt oder durch einen Nachteil zu Boden gedrückt werde. Nichts ist süßer als die Liebe, nichts stärker, nichts höher, nichts weiter, nichts anmutiger, nichts völliger noch besser im Himmel und auf Erden. Denn die Liebe ist aus Gott geboren und kann nur in Gott, erhaben über alle geschaffenen Dinge, Ruhe finden.
4. Der Liebende fliegt, läuft und freuet sich; frei ist er und lässt sich nicht halten. Er gibt alles für alles und hat alles in allem, weil er, über alles erhaben, in dem Einen Höchsten ruhet, aus welchem alles Gute fließt und hervorgeht. Nicht sieht er auf die Gaben, sondern über alle Güter erhebt er sich zum Gebet. Die Liebe kennt oft kein Maß, sondern ihre Brunst übersteigt oft alles Maß. Die Liebe fühlt keine Last; sie achtet keine Mühe; sie strengt sich über Kräfte an und schützet nicht die Unmöglichkeit vor, weil sie alles zu können und zu dürfen meint. Darum ist sie zu allem tüchtig und vollführt und bringt vieles zu Stande, während der, welcher keine Liebe hat, ermattet hinsinkt.
5. Die Liebe wachet und selbst schlafend schläft sie nicht. Ermüdet wird sie nicht lässig, eingeengt nicht beengt, erschreckt nicht erschrocken, sondern gleich einer lebendigen Flamme und brennenden Fackel bricht sie hervor und dringt unaufhaltsam durch. Wer liebt, weiß, was diese Stimme ruft. Ein lauter Ruf in den Ohren Gottes ist selbst das brennende Verlangen der Seele, die da spricht: Mein Gott, meine Liebe! Du ganz mein und ich ganz Dein!
6. Erweitere mich in der Liebe, dass ich lerne mit dem innersten Munde des Herzens schmecken, wie süß es sei, zu lieben und in der Liebe zu zerschmelzen und zu verschwimmen. Möchte die Liebe mich halten, wenn ich über mich hinausgehe vor übergroßer Inbrunst und Bewunderung. Möchte ich singen der Liebe Gesang! Möchte ich Dir, meinem Geliebten, in die Höhe folgen! In Deinem Lob vergehe meine Seele, im Jubel der Liebe! Lieben möcht‘ ich Dich mehr, als mich selbst und mich nur um Deinetwillen und alle in dir, die wahrhaft dich lieben, wie es gebeut der Liebe Gesetz, die aus dir hervorstrahlt.
7. Die Liebe ist rasch und aufrichtig, fromm, anmutig und lieblich, stark, geduldig, treu, vorsichtig, langmütig, mannhaft und sucht nimmer das ihre. Denn wo einer das seine sucht, da fällt er von der Liebe. Die Liebe ist umsichtig, demütig und gerade, nicht weichlich, nicht leichtfertig, nicht auf das Eitle gerichtet; sie ist nüchtern, keusch, beständig, ruhig und bewacht ihre Sinne. Die Liebe ist unterwürfig und gehorsam den Obern, sich selber gering und verächtlich, Gott ergeben und dankbar, auf ihn allezeit vertrauend und hoffend, auch wenn Er sich ihr entzieht, weil sich’s ohne Schmerz nicht in der Liebe lebt.
8. Wer nicht bereit ist, alles zu dulden und dem Geliebten zu Willen zu stehen, der verdient nicht den Namen eines Liebenden. Der Liebende muss alles Harte und Bittere um des Geliebten willen gern annehmen und darf sich durch nichts Widerwärtiges von ihm abwendig machen lassen.




10.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 4
Dass man in der Wahrheit und Demut vor Gott wandeln soll

1. Sohn, wandle vor Mir in Wahrheit und in Einfalt des Herzens suche Mich allezeit. Wer vor Mir in der Wahrheit wandelt, wird sicher sein vor bösen Anfällen und die Wahrheit wird ihn befreien von Verführern und von den Verleumdungen der Gottlosen. Wenn dich die Wahrheit frei gemacht hat, wirst du wahrhaft frei sein und dich nicht kümmern um das eitle Geschwätz der Menschen. Herr, es ist wahr: Wie du sagst, so fleh’ ich, dass es mit Mir geschehe. Deine Wahrheit lehre mich; sie behüte mich und bewahre mich bis zum seligen Ende. Sie befreie mich von jeder bösen Begier und jeder unordentlichen Liebe und ich werde wandeln mit Dir in großer Freiheit des Herzens.
2. Ich will dich lehren, spricht die Wahrheit, was recht ist und wohlgefällig vor Mir. Bedenke deine Sünden mit großem Missfallen und Herzeleid und wähne nie, dass du um guter Werke willen etwas seiest. Du bist fürwahr ein Sünder und von vielen Leidenschaften beherrscht und umstrickt. Von dir selber trachtest du immer dem Richtigen nach; du fällst schnell, wirst schnell besiegt, schnell beunruhigt, schnell zerstreut. Du besitzest nichts, dessen du dich rühmen dürftest, aber vieles, um dessentwillen du dich gering achten musst; denn du bist viel schwächer, als du begreifen magst.
3. Darum scheine dir nichts groß von allem, was du tust. Nichts dünke dir wichtig, nichts wertvoll und bewunderungswürdig, ja nicht einmal des Namens wert; nichts erhaben, nichts löblich und wünschenswert, als was ewig ist. Es gefalle dir über alles die ewige Wahrheit; es missfalle dir allezeit deine übergroße Unwürdigkeit. Nichts fürchte, tadle und fliehe so sehr, als deine Fehler und Sünden, welche dir mehr missfallen sollen, als aller zeitliche Verlust und Schaden. Einige wandeln nicht aufrichtig vor Mir, sondern wollen aus Vorwitz und Vermessenheit Meine Geheimnisse wissen und die Tiefen der Gottheit ergründen, versäumen aber dabei sich und ihr Heil. Diese fallen oft in große Versuchungen und Sünden wegen ihres Stolzes und Vorwitzes; denn Ich bin wider sie.
4. Fürchte die Gerichte Gottes, erzittere vor dem Zorne des Allmächtigen. Maße dir nicht an, die Werke des Allmächtigen zu ergründen, sondern erforsche lieber deine Missetaten und siehe zu, wie viel Böses du getan und wie viel Gutes du unterlassen hast. Manche tragen ihre Andacht bloß in Büchern, manche in Bildern, manche aber in äußern Zeichen und Stellungen. Einige haben Mich im Munde, aber wenige im Herzen. Es gibt andere, die erleuchtet im Verstande und gereinigt im Herzen, allzeit nach dem Ewigen ringen, von irdischen Dingen ungern hören, den Bedürfnissen der Natur nur mit Betrübnis dienen und diese fühlen, was der Geist der Wahrheit in ihrem Innern spricht. Denn Er lehret sie das Irdische verachten und das Himmlische lieben, die Welt verschmähen und Tag und Nacht sich nach dem Himmel sehnen.




09.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 3
Dass man Gottes Wort demütig hören soll und dass viele es nicht erwägen.

1. Höre, Sohn, Meine Worte, Worte voll Lieblichkeit, die alle Wissenschaft der Philosophen und der Weisen dieser Welt weit übertreffen. Meine Worte sind Geist und Leben und nicht nach menschlichem Sinne zu erwägen. Du darfst sie nicht zur eitlen Ergötzung missbrauchen, sondern musst sie schweigend anhören und mit aller Demut und großer Begierde aufnehmen. Und ich sprach: „Selig ist, den Du unterweisest, o Herr, und den Du belehrest von Deinem Gesetze, dass Du ihm Linderung gewährest in bösen Tagen und er nicht trostlos sei auf Erden.“
(Ps. 93,12.)
2. Ich, spricht der Herr, habe gelehret die Propheten von Anfang an, und bis auf diesen Tag lass ich nicht ab, zu allen zu reden; aber viele sind für Meine Stimme taub und verstockt. Die meisten hören die Welt lieber, als Gott; sie folgen lieber den Gelüsten ihres Fleisches, als dem Willen Gottes. Die Welt verheißt Zeitliches und Geringes, und man dienet ihr mit großer Begier; ich verheiße das Höchste und Ewiges und die Herzen der Menschen bleiben starr. Wer dienet und gehorchet Mir in allen Stücken mit solcher Sorgfalt, wie man der Welt und ihren Herren dienet. Schäme dich, Sidon, spricht das Meer. Und wenn du nach dem Grunde fragst, so höre, warum? Um eine mäßige Pfründe läuft man einen weiten Weg, um des ewigen Lebens willen heben viele kaum einmal den Fuß auf. Einen geringen Vorteil sucht man; um ein einziges Stück Geld streitet man sich bisweilen auf die schändlichste Weise; um ein eitles Ding und ein kleines Versprechen scheuet man nicht, sich Tag und Nacht abzumühen.
3. Aber, o Schande! Für ein unwandelbares Gut, für ein unschätzbares Kleinod, für die höchste Ehre und für endlose Herrlichkeit sich nur ein wenig anzustrengen, dazu ist man zu faul und träge. Schäme dich also, du fauler und mürrischer Knecht, daß die Weltkinder bereitwilliger sind in ihrem Verderben, als du zum Leben! Jene freuen sich mehr der Eitelkeit, als du der Wahrheit. Allerdings werden sie manchmal von ihrer Hoffnung betrogen; aber Meine Verheißung täuscht keinen, noch lässt sie den, der Mir trauet, leer von sich. Was Ich verheißen habe, werde Ich geben; was Ich zugesagt habe, werde ich erfüllen, sofern Einer bis an’s Ende getreu verharret in Meiner Liebe. Ich bin’s, der die Guten belohnt und die Frommen streng prüfet.
4. Schreibe Meine Worte in dein Herz und erwäge sie fleißig; denn zur Zeit der Versuchung werden sie dir sehr nötig sein. Was du nicht verstehest, da du es liesest, das wirst du am Tage der Heimsuchung deutlich erkennen. Auf zwiefache Art pfleg’ Ich Meine Auserwählten heimzusuchen, durch Prüfung nämlich und durch Tröstung. Und zweimal nehm’ Ich sie täglich in die Schule, einmal, dass Ich ihre Fehler strafe, das andermal, dass Ich sie zum Wachstum in den Tugenden ermuntere. Wer Meine Worte hat und verachtet sie, der hat Einen, der ihn am jüngsten Tage richten wird. Gebet um die Gnade der Andacht.
5. Herr, mein Gott, all mein Gut bist Du! Und wer bin ich, dass ich mich unterstehe, mit Dir zu reden? Ich bin dein allerärmster Knecht und ein verächtlich Würmlein, ja noch viel ärmer und verächtlicher, als ich weiß und aussprechen kann. Gedenke doch, o Herr, dass ich nichts bin, nichts habe und nichts vermag. Du allein bist gut, gerecht und heilig; du vermagst alles, du gewährst alles, du erfüllest alles und lässest nur den Sünder leer. Gedenke Deiner Erbarmungen und erfülle mein Herz mit Deiner Gnade, der Du nicht willst, dass Deine Werke leer seien.
6. Wie kann ich aushalten in diesem elenden Leben, wenn mir nicht deine Gnade und Barmherzigkeit Stärke verleiht? Wende dein Antlitz nicht von mir; schiebe deine Heimsuchung nicht auf; entziehe mir nicht deinen Trost; damit meine Seele nicht werde vor dir wie Erdreich ohne Wasser. Herr, lehre mich thun deinen Willen, lehre mich würdig und demüthig vor dir wandeln; denn du bist meine Weisheit, der du mich in Wahrheit kennest und gekannt hast, bevor die Welt ward und bevor ich in der Welt geboren wurde.



08.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 2
Die Wahrheit redet im Innern, ohne dass man laute Worte vernimmt

1. Rede, o Herr! Denn dein Knecht höret.“ (1 Sam. 3,9) „Dein Knecht bin ich, gib mir Verstand, daß ich erkenne deine Zeugnisse. (Ps 118,125) Neige mein Herz zu den Worten Deines Mundes; wie Tau fließe Deine Rede. Es sprachen einst die Kinder Israel zu Moses: „Rede du mit uns, wir wollen hören, und lass Gott nicht mit uns reden, wir möchten sonst sterben.“ (2 Mos 20,19) Nicht also, Herr, nicht also bitte ich, sondern ich flehe vielmehr mit dem Propheten Samuel demütig und inbrünstig: „Rede, Herr, denn Dein Knecht höret.“ Weder Moses, noch ein anderer Prophet soll zu mir reden, sondern vielmehr Du rede, mein Gott und Herr, der Du begeisterst und erleuchtest alle Propheten; denn Du allein kannst, ohne sie, mich vollkommen belehren; und ohne Dich werden sie alle nichts schaffen.
2. Worte mögen sie wohl ertönen lassen; aber den Geist verleihen sie nicht. Sie reden schön; aber wenn du schweigest, entzünden sie das Herz nicht. Buchstaben teilen sie mit; aber das Verständnis eröffnest Du! Geheimnisse tragen sie vor; aber Du schließest den Sinn der Geheimnisse auf. Gebote geben sie; Du aber hilfst sie vollbringen. Den Weg zeigen sie; aber Du stärkest zum Wandeln. Sie wirken nur äußerlich; Du aber unterrichtest und erleuchtest die Herzen. Sie begießen; Du aber gibst das Gedeihen. Sie haben Worte; aber Du gibst zum Hören das Verstehen.
3. Also nicht Moses rede zu mir, sondern Du, mein Herr und mein Gott, Du ewige Wahrheit, damit ich nicht etwa sterbe und ohne Frucht bleibe, wenn ich nur äußerlich ermahnt und nicht im Innern entzündet würde; damit es mir nicht zur Verdammnis gereiche, wenn ich das Wort zwar gehört, aber nicht getan, erkannt, aber nicht geliebt, geglaubt, aber nicht bewahrt habe. Rede darum, o Herr, Dein Knecht höret; denn Du hast Worte des ewigen Lebens! Rede zu mir, was meine Seele tröste und mein ganzes Leben bessere, Dir aber zum Lob und Ruhm und zur Ehre ewiglich gereiche.



07.02.2020
Drittes Buch
Kapitel 1
Von dem innerlichen Zuspruche Christi an die gläubige Seele

1. „Ich will hören, was der Herr, mein Herr, in mir spricht.“ (Ps 85,9) Selig die Seele, die den Herrn in sich reden hört, und aus seinem Munde des Trostes Worte empfängt. Selig die Ohren, welche das leise Wehen Gottes vernehmen und auf die Einflüsterungen dieser Welt nicht achten. Ja, ganz selig die Ohren, welche nicht auf die von außen kommende Stimme, sondern auf die im Innern lehrende Wahrheit hören. Selig die Augen, welche der Außenwelt verschlossen, für das Innere aber aufgetan sind. Selig, die in’s Innere dringen und sich durch tägliche Übungen mehr und mehr geschickt machen, die himmlischen Geheimnisse zu erfassen. Selig, welche sich Gott zu widmen begehren, und sich von jedem Hindernisse der Welt losreißen! Merke dies, meine Seele, und verschließe die Türe deiner Sinnlichkeit, dass du könnest hören, was in dir der Herr, dein Gott, rede.
2. Das sagt dein Geliebter: Dein Heil bin Ich, dein Friede und dein Leben. Halte dich zu Mir und du wirst Friede haben. Lass fahren alles Vergängliche, suche das Ewige. Was ist alles Zeitliche anders, als verführerisch? Und was helfen alle Geschöpfe, wenn du von Gott verlassen bist? Darum entsage allem und sei deinem Schöpfer treu und wohlgefällig, damit du die wahren Glückseligkeit zu ergreifen vermögest.


06.02.2020
Zweites Buch
Kapitel 12
Von dem königlichen Wege des hl. Kreuzes

1. Hart scheint vielen die Rede: „Verleugne dich selbst, nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach.“ (Mt 16,24) Aber viel härter wird jenes letzte Wort zu hören sein: „Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.“ (Mt 25,41) Die aber jetzt das Wort vom Kreuze gern hören und befolgen, die werden dann die Ankündigung der ewigen Verdammnis nicht fürchten dürfen. Dieses Zeichen des Kreuzes wird am Himmel sein, wenn der Herr zum Gerichte kommen wird. Dann werden alle Diener des Kreuzes, die dem Gekreuzigten im Leben nachfolgten, zu Christo, ihrem Richter, mit großer Zuversicht hintreten.
2. Was fürchtest du dich also, das Kreuz auf dich zu nehmen, durch das man zum Himmelreiche eingeht? Im Kreuze ist Heil, im Kreuze Leben, im Kreuze Schutz vor den Feinden, im Kreuze Fülle himmlischer Wonne, im Kreuz Stärke des Gemüts, im Kreuz Freude des Geistes, im Kreuz die höchste Tugend, im Kreuze Vollendung der Heiligkeit. Es ist kein Heil für die Seele, keine Hoffnung des ewigen Lebens, außer im Kreuze. Nimm darum dein Kreuz auf dich und folge Jesu nach und du wirst eingehen in das ewige Leben. Er ging voran, trug Sein Kreuz und starb für dich am Kreuze, damit du auch dein Kreuz tragest und am Kreuze zu sterben begehrest. Denn wenn du mit Ihm gestorben bist, so wirst du auch gleichermaßen mit Ihm leben; und bist du ein Genosse Seiner Pein gewesen, so wirst du es auch Seiner Herrlichkeit sein.
3. Sieh, im Kreuz besteht alles und im Sterben liegt alles; und es ist kein anderer Weg zum Leben und zum wahren inneren Frieden, als der Weg des heiligen Kreuzes und der täglichen Abtötung. Wandle, wo du willst, suche, was du magst, und du wirst nicht finden einen höheren Weg oben, noch einen sicheren unten, als den des heiligen Kreuzes. Richte und ordne alles nach deinem Wollen und Absehen und du wirst finden, dass man immer etwas leiden müsse, gern oder ungern: und so wirst du immer Kreuz antreffen. Denn du wirst entweder Leibesnot oder Seelennot haben.
4. Zuweilen wirst du von Gott verlassen, ein andermal von dem Nächsten geplagt werden und was noch weit schlimmer ist, oft wirst du dir selbst zur Last sein. Und doch wirst du durch kein Mittel, durch keinen Trost dich befreien oder erleichtern können, sondern du musst, so lange Gott es will, aushalten. Denn Gott will, daß du Trübsal ohne Tröstung leiden lernest und dass du dich Ihm gänzlich unterwerfest und demütiger werdest durch Trübsal. Niemand empfindet Christi Leiden so herzlich, wie der, dem Ähnliches zu leiden auferlegt wird. Das Kreuz ist also stets bereitet und wartet überall auf dich. Du kannst ihm nicht entfliehen, wohin du auch gehst; denn wohin du auch kommen magst, bringst du dich selbst mit und wirst immer dich selbst finden. Wende dich nach oben, wende dich nach unten, wende dich nach außen, wende dich nach innen, und allenthalben wirst du Kreuz finden; denn es ist notwendig, dass du überall Geduld behaltest, wenn du inneren Frieden haben und die ewige Krone verdienen willst. Trägst du das Kreuz gern, so wird es auch dich tragen und wird dich zum erwünschten Ziele führen, wo nämlich das Leiden ein Ende nehmen wird, obwohl es hienieden nicht sein mag. Wenn du es aber ungern trägst, so machst du dir eine Last und beschwerst dich selbst um so mehr und dennoch musst du es tragen. Ja, wirfst du ein Kreuz ab, so wirst du ohne Zweifel ein anderes finden und vielleicht ein schwereres. Glaubst du dem zu entrinnen, dem noch kein Sterblicher entgehen konnte? Welcher der Heiligen ist in der Welt ohne Trübsal gewesen? Denn Jesus Christus, unser Herr, war, so lange er lebte, nicht eine Stunde ohne Leidensschmerz. „Es musste“, spricht er, „Christus leiden und auferstehen von den Toten und so eingehen in seine Herrlichkeit.“ (Luk 24,26) Und warum suchest du einen andern Weg, als diesen königlichen Weg, welcher ist der Weg des heiligen Kreuzes?
5. Das ganze Leben Christi war Kreuz und Marter, und du suchest dir Ruhe und Freude? Du irrest, du irrest, wenn du etwas anderes suchst, als Trübsal zu leiden; denn dieses menschliche Leben ist voller Elend und ringsher mit Kreuzen gezeichnet. Und je höher einer im Kreuze fortgeschritten ist, um so schwereres Kreuz findet er oft, weil seine Pilgerschaft ihm um so peinlicher wird, je mehr die Sehnsucht nach der Heimat wächst.
6. Dennoch ist der so vielfach Bedrängte nicht ohne lindernden Trost, weil er fühlt, daß ihm die größte Frucht aus dem Ertragen seines Kreuzes zuwachse. Denn indem er sich ihm freiwillig unterwirft, verwandelt sich alle Last der Trübsal in Zuversicht auf Gott. Und je mehr das Fleisch durch Drangsal geschwächt wird, desto mächtiger wird der Geist durch innerliche Gnade gekräftigt. Ja, bisweilen wird er durch das Verlangen nach Trübsal und Widerwärtigkeit aus Liebe zur Gleichförmigkeit mit dem Kreuze Christo so sehr gestärkt, daß er gar nicht ohne Schmerz und Trübsal sein möchte, weil er Gott um so wohlgefälliger zu sein glaubt, je mehr und je Schwereres er für ihn ertragen könne. Das ist nicht des Menschen Verdienst, sondern die Gnade Christi, die so viel vermag und wirket in dem gebrechlichen Fleische, daß der Mensch das, was er von Natur stets verabscheut und flieht, mit Inbrunst des Geistes ergreift und liebgewinnt.
7. Es ist nicht der Natur des Menschen gemäß, das Kreuz zu tragen, ja es lieben, den Leib züchtigen und dienstbar machen, Ehren fliehen, Schmähungen gern ertragen, sich selbst verachten und verachten lassen, Widriges und Verlust erleiden und auf kein Glück in dieser Welt Anspruch machen. Wenn du nur dich selbst im Auge hast, so wirst du nichts der Art aus dir vermögen; vertrauest du aber auf den Herrn, so wird dir Kraft vom Himmel gegeben, und Welt und Fleisch deiner Herrschaft unterworfen werden. Ja sogar den Feind, den Teufel, wirst du nicht fürchten, wenn du mit dem Glauben gewappnet und mit Christi Kreuz gezeichnet bist.
8. Schicke dich also an, als ein guter und treuer Knecht Christi, mannhaft zu tragen das Kreuz deines Herrn, der aus Liebe für dich sich kreuzigen ließ. Rüste dich, viel Widerwärtigkeiten und mancherlei Ungemach in diesem armseligen Leben zu erdulden; denn wo du auch sein magst, so wird es dir ergehen und so wirst du fürwahr es überall finden, wo du dich immer verbergest. So muss es sein, und es gibt kein anderes Mittel, der Anfechtung von Übeln und dem Schmerze zu entgehen, als dass du dich geduldest. Trinke den Kelch des Herrn mit Liebe, wenn du sein Freund sein und Teil an ihm haben willst. Die Tröstungen stelle Gott anheim; er mache es damit nach seinem Wohlgefallen. Du aber schicke dich an, Trübsale zu ertragen und halte sie für die größten Tröstungen; denn „die Leiden dieser Zeit sind nicht wert die Herrlichkeit, die an uns geoffenbaret werden soll“ (Röm 8,18), auch wenn du allein sie alle zu erdulden vermöchtest.
9. Bist du dahin gelangt, daß dir die Trübsal süß ist und schmeckt um Christi willen; dann glaube, dass es gut mit dir stehe, weil du das Paradies auf Erden gefunden hast. So lange dir das Leiden schwer fällt und du ihm zu entfliehen suchst, so lange steht es übel mit dir, und überall hin wird die geflohene Trübsal dir folgen.
10. Wenn du gefasst bist auf das, worauf du es sein sollst, nämlich auf's Leiden und Sterben: so wird es bald besser werden und du wirst Frieden finden. Selbst wenn du mit Paulus entzückt würdest bis zum dritten Himmel, so wärest du deswegen doch nicht gesichert, Widerwärtiges tragen zu müssen. „Ich“, spricht Jesus, „will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen.“ (Apostelgeschichte 9,16) Leiden also musst du, wenn du Jesum lieben und ohne Unterlass Ihm dienen willst.
11. O dass du würdig wärest, etwas um Jesu willen zu leiden! Wie großer Ruhm bliebe dir davon! Welche Freude für alle Heiligen Gottes! Welch erbaulicher Anblick für deine Mitchristen würde es sein! Denn die Geduld empfehlen alle, wiewohl nur wenige dulden wollen. Billig solltest du um Christi willen gern Mäßiges leiden, da viele weit Schwereres leiden um der Welt willen.
12. Das halte für ausgemacht, dass dein Leben ein Sterben sein muss. Und je mehr einer sich selbst abstirbt, desto mehr beginnt er Gott zu leben. Niemand ist geschickt, das Himmlische zu erfassen, er habe sich denn entschlossen, um Christi willen Widerwärtigkeiten zu ertragen. Nichts Gott Wohlgefälligeres, nichts dir selbst Heilsameres gibt es in dieser Welt, als freudig für Christum leiden. Und wenn dir die Wahl gelassen wäre, so müsstest du mehr wünschen, für Christum Widriges zu leiden, als mit vielen Tröstungen erquickt zu werden, weil du so Christo ähnlicher wärest und allen Heiligen gleichförmiger. Denn unser Verdienst und das Wachstum unsers Gnadenstandes besteht nicht in vielen Annehmlichkeiten und Tröstungen, sondern vielmehr im Ertragen großer Beschwerden und Trübsale.
13. Wäre für das Heil der Menschen irgend etwas besser und erträglicher gewesen, als Leiden: so hätte es uns Christus gewiss durch Wort und Beispiel gezeigt. Denn sowohl die Jünger, die Ihm nachfolgten, als auch alle, die Ihm zu folgen begehren, ermahnte er offenbar, das Kreuz auf sich zu nehmen und spricht: „Wer Mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach.“ (Mt 16,24) Darum, wenn Alles durchlesen und erforscht worden, sei dieses der endliche Schluss: „dass wir durch eitel Trübsal eingehen müssen in das Reich Gottes“ (Apostelgesch. 14,22)



05.02.2020
Zweites Buch
Kapitel 11
Von der kleinen Zahl der Liebhaber des Kreuzes Christi

1. Jesus hat jetzt viele Liebhaber Seines himmlischen Reichs, aber wenige Träger Seines Kreuzes. Er hat viele, die nach Trost, aber wenige, die nach Trübsal verlangen. Er findet viele Genossen Seines Trostes, aber wenige Seiner Enthaltsamkeit. Alle wünschen, mit Ihm sich zu freuen, Wenige wollen für Ihn etwas leiden. Viele folgen Jesu bis zum Brechen des Brotes, aber wenige bis zum Trinken des Leidenskelches. Viele verehren Seine Wunden, Wenige folgen ihm zur Schmach des Kreuzes. Viele lieben Jesum nur so lange, als ihnen keine Widerwärtigkeiten zustoßen. Viele loben und preisen Ihn so lange, als sie von Ihm Trost empfangen; wenn aber Jesus sich verbirgt und sie nur eine kleine Weile verlässt, so verfallen sie in Klagen oder in allzu große Niedergeschlagenheit.
2. Die aber Jesum um Seinetwillen, und nicht ihres eigenen Trostes halber lieben, die preisen Ihn in jeder Trübsal und Herzensangst, wie in der Fülle des Trostes. - Auch wenn Er ihnen jeden Trost versagte, würden sie Ihm doch immer Lob und Dank opfern.
3. O wie viel vermag die reine Liebe zu Jesus, die nicht mit Eigennutz und Sehnsucht vermischt ist! Sind nicht alle die Mietlinge zu nennen, die immer neue Tröstungen suchen? Erweisen sich denn die, welche stets auf Vorteile und Gewinn für sich sinnen, nicht mehr als Liebhaber ihrer selbst, als Christi? Wo findet man einen, der Gott ohne Lohn dienen möchte?
4. Selten ist ein so geistlich gesinnter Mensch, der von allem sich entäußert hätte. Denn einen wahren Armen im Geiste und von aller Kreatur abgezogenen: wer mag ihn finden? Er ist ein Kleinod, das man fernher und von den äußersten Enden der Erde holen muss - Wenn der Mensch all sein Hab und Gut gäbe, so ist es noch nichts. Und wenn er die härteste Buße täte, so ist es noch wenig. Und wenn er alle Erkenntnis hätte, so ist er noch weit davon. Und wenn er selbst große Tugend und die glühendste Andacht hätte, so fehlt ihm noch viel, nämlich das eine, was not ist! Was ist dieses? Dass er alles verlasse und dann sich selbst, und gänzlich von sich ausgehe und gar nichts von Eigenliebe behalte; und wenn er alles getan, was er zu tun schuldig war, fühle, dass er nichts getan habe. Er schlage auch das nicht hoch an, was man etwa hoch achten könnte, sondern er nenne sich aufrichtig einen unnützen Knecht, wie die Wahrheit spricht: “Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte.“ (Luk. 17,10) Alsdann wird er wahrhaft arm und bloß im Geiste sein und mit dem Propheten sprechen können: Einsam und arm bin ich.“ (Ps. 24,16) Dennoch ist niemand reicher, niemand mächtiger, niemand freier, als der, der sich und Alles zu verlassen und sich unten an zu setzen weiß.



04.02.2020
Zweites Buch
Kapitel 10
Von der Dankbarkeit für die Gnade Gottes

1. Warum suchst du Ruhe, da du zur Arbeit geboren bist? Schicke dich an, mehr zur Geduld, als zu Tröstungen und zum Kreuztragen mehr, als zur Fröhlichkeit. Denn welches von den Weltkindern empfinge nicht gerne Tröstung und geistliche Freude, wenn es sie nur immer haben könnte? Denn die geistlichen Tröstungen gehen über alle Ergötzlichkeiten der Welt und Vergnügungen des Fleisches. Denn alle Ergötzlichkeiten der Welt sind entweder eitel oder schändlich; die geistlichen Freuden aber sind allein angenehm und ehrbar, Töchter der Tugend und von Gott in reine Seelen gegossen. Doch jene göttlichen Tröstungen vermag Niemand stets nach seiner Neigung zu genießen, weil die Zeit der Anfechtung nicht lange ausbleibt.
2. Ein mächtiges Hindernis aber für die Heimsuchung von oben ist die falsche Freiheit der Seele und das große Selbstvertrauen. Gott tut wohl, dass Er die Gnade des Trostes verleiht, aber der Mensch handelt schlecht, wenn er nicht das Ganze Gott mit Danksagung zurückgibt. Und darum können die Gnadengaben nicht in uns einströmen, weil wir gegen den Urheber undankbar sind und nicht das Ganze zur Urquelle zurückströmen lassen. Denn stets wird dem, der würdig dafür dankt, Gnade zu Teil und dem Stolzen wird entzogen, was dem Demütigen gegeben wird.
2. Ich will keinen Trost, welcher mich der Zerknirschung überhebt, noch begehre ich eine Beschaulichkeit, welche zum Stolze führt. Denn nicht alles Hohe ist heilig, noch alles Süße gut, noch jedes Verlangen rein, noch alles, was uns wert ist, Gott wohlgefällig. Gern empfange ich die Gnade, durch welche ich immer demütiger und gottesfürchtiger, sowie zur Selbstverleugnung bereitwilliger werde. Wer durch die Gabe der Gnade belehrt und durch die Geißelschläge der Gnadenentziehung geprüft ist, der wird sich selbst nichts Gutes zuzuschreiben wagen, sondern vielmehr bekennen, daß er arm und nackt ist. Gib Gott, was Gottes ist, und dir schreibe zu, was dein ist, das heißt, Gott bringe Dank dar für seine Gnade; dir aber lege allein die Schuld bei und fühle, daß dir wohlverdiente Strafe dafür gebühre.
3. Setze dich immer unten an und du wirst erhöhet werden, denn die Erhöhung hat zur Bedingung die Erniedrigung. Die höchsten Heiligen vor Gott sind in ihren Augen die Niedrigsten und je verherrlichter, desto demütiger in sich. Voll Wahrheit und himmlischer Glorie, sind sie nicht begierig nach eitler Ehre. In Gott gegründet und befestiget, können sie auf keinerlei Weise übermütig sein. - Und sie, die alles Gott zuschreiben, was sie Gutes empfangen haben, suchen keine Ehre von einander, sondern wollen nur den Ruhm, der allein von Gott ist und wünschen, dass Gott in ihnen und in allen Heiligen über alles gepriesen werde; und hierauf ist ihr beständiges Streben gerichtet.
4. Sei also dankbar für das Geringste und du wirst würdig sein, Größeres zu empfangen. Das Kleinste sei dir eben so viel als das Größte und das noch so Verachtete halte für ein besonderes Geschenk. Wenn man die Hoheit des Gebers betrachtet, so erscheint keine Gabe klein oder allzu gering; denn was von dem Allerhöchsten gegeben wird, ist nicht klein. Auch wenn Er straft und schlägt, muss es dir angenehm sein, weil alles zu unserm Heile dient, was er über uns kommen lässt. Wer die Gnade Gottes zu bewahren wünscht, der sei dankbar, wenn er sie empfängt, geduldig, wenn sie ihm entzogen wird.



03.02.2020
Zweites Buch
Kapitel 9
Von der Entbehrung alles Trostes

1. Es ist nicht schwer, menschlichen Trost zu verachten, wenn göttlicher da ist. Aber groß und sehr groß ist es, sowohl menschlichen als göttlichen Trostes entbehren zu können und zur Ehre Gottes die Verbannung des Herzens gern ertragen zu wollen; und in nichts sich selber zu suchen, noch auf eigenes Verdienst zu sehen. Was ist es so Großes, wenn du heiter und ergeben bist zum Annähern der Gnade? Allen ist dies eine erwünschte Stunde. Gar sanft fährt der, den die Gnade Gottes trägt. Und was Wunder, wenn der keine Last fühlt, der getragen wird von dem Allmächtigen und geleitet von dem höchsten Führer?
2. Wir haben doch gern etwas zum Troste und schwer entäußert der Mensch sich selbst ganz. Der heilige Blutzeuge Laurentius samt seinem Priester überwand die Welt, weil er alles, was in der Welt ergötzlich schien, verschmähte und es aus Liebe zu Christo mit Geduld ertrug, dass Gottes höchster Priester, Sixtus, den er überaus lieb hatte, auch von Ihm genommen ward. Aus Liebe zum Schöpfer überwand er also die Liebe zum Menschen und statt menschlichen Trostes wählte er lieber das göttliche Wohlgefallen. So lerne auch du einen Verwandten oder lieben Freund aus Liebe zu Gott missen. Und nimm es nicht zu schwer, wenn dich ein Freund verlässt, da du ja weißt, daß wir uns alle endlich von einander trennen müssen.
3. Viel und lange muss der Mensch in seinem Inneren kämpfen, bevor er lernt, sich selbst vollkommen besiegen und sein ganzes Herz auf Gott richten. Wenn der Mensch auf sich selbst sieht, gleitet er leicht zu menschlichen Tröstungen herab. – Aber der echte Liebhaber Christi und eifrige Tugendfreund verfällt nicht auf solche Tröstungen und sucht nicht solche sinnliche Erquickungen, sondern will lieber harte Übungen und schwere Arbeiten um Christi willen ertragen.
4. Wenn dir daher geistlicher Trost von Gott gewährt wird, so nimm mit Dank an, aber bekenne, daß er ein Geschenk Gottes ist, nicht dein Verdienst. Doch überhebe dich nicht, freue dich nicht allzu sehr, noch bilde dir darauf etwas ein; sondern sei nur um so demütiger wegen des Geschenks und vorsichtiger, denn jede Stunde wird vorübergehen und Anfechtung folgen.
Wenn dir der Trost entzogen wird, so verzweifle nicht sogleich, sondern mit Demut und Geduld erwarte die himmlische Heimsuchung; denn Gott ist mächtig, dir noch reichlicheren Trost wieder zu schenken. Dies ist denen, die Gottes Wege erfahren haben, gar nichts Neues, noch Fremdes, weil bei den großen Heiligen und bei den alten Propheten oft solcher Wechsel wahrgenommen wird.
5. Darum sagte einer (Ps 29,7), der gerade im Genusse der Gnade stand: “Ich sprach in meinem Überflusse, ich werde nicht wanken in Ewigkeit.“ Was er aber, da die Gnade fern war, in sich erfuhr, bekennt er gleich darauf in folgenden Worten: “Du hast Dein Angesicht von mir abgewendet und ich bin erschüttert worden.“ (Ps 29,8) Dennoch verzweifelt er nicht, sondern betet nur um so inständiger und spricht: “Zu dir, Herr, will ich rufen und zu meinem Gott will ich flehen.“ (Ps 29,9) Zuletzt erlangt er die Frucht seines Gebetes und bezeugt, daß er erhört ward, mit den Worten: “Der Herr hat gehört und hat Sich meiner erbarmet; der Herr ist mein Helfer geworden.“ (Ps 29,10) Aber worin? “Verwandelt“, spricht er, “hast Du mein Weinen mir in Freude und hast mich umgeben mit Wonne!“ (Ps. 29,11.) Wenn es also geschehen ist mit großen Heiligen, so dürfen wir Armen und Schwachen nicht verzweifeln, wenn wir bisweilen eifrig und bisweilen kalt sind; denn der Geist kommt und geht wieder nach Seinem Wohlgefallen. Deswegen sagt der selige Hiob (Kap 7,18): “Du suchest ihn heim am Morgen und prüfest ihn unversehens.“
6. Worauf kann ich also hoffen oder auf was kann ich vertrauen, als allein auf die große Barmherzigkeit Gottes und allein auf die Hoffnung der himmlischen Gnade? Denn mögen auch gute Menschen, oder fromme Brüder, oder treue Freunde, oder heilige Bücher, oder schöne Abhandlungen oder liebliche Gesänge und Hymnen da sein: so hilft doch das alles nur wenig und gewährt geringen Trost, wenn ich der Gnade ermangele und meiner eigenen Armut überlassen bin. Dann gibt es kein besseres Mittel, als Geduld und gänzliche Selbstentäußerung mit der Hingabe an Gott.
7. Noch nie habe ich einen so fromm und gottselig gefunden, dass er nicht zu weilen einen Abgang der Gnade gehabt oder eine Verminderung seines Eifers gespürt hätte. Kein Heiliger war je so hoch entzückt oder erleuchtet, dass er nicht früher oder später versucht worden wäre. Denn keiner ist der Anschauung Gottes würdig, der nicht um Gottes willen geübt ward in Trübsal. Denn die vorausgehende Versuchung pflegt ein Zeichen der nachfolgenden Tröstung zu sein. Nur dem in Versuchungen Bewährten wird himmlischer Trost verheißen. “Wer überwindet“, spricht der Herr, “dem werde ich zu essen geben vom Holze des Lebens.“ (Offenb 2,7)
8. Der göttliche Trost aber wird darum gegeben, dass der Mensch stärker sei, Widerwärtigkeiten zu ertragen. Auch folgt die Versuchung, damit er sich des Guten nicht überhebe. Der Teufel schläft nicht und das Fleisch ist noch nicht tot; darum lass nicht ab, dich zum Kampfe zu rüsten: denn zur Rechten und zur Linken sind Feinde, die nimmer ruhen.



02.02.2020
Zweites Buch
Kapitel 8
Von dem vertraulichen Umgange mit Jesu

1. Wenn Jesus da ist, ist alles gut, und nichts scheint schwer; wenn Er dagegen nicht da ist, ist alles hart. Wenn Jesus nicht im Innern spricht, so ist der Trost gering; spricht aber Jesus nur ein Wort, so hat man Trost in Fülle. Stand nicht Maria Magdalena alsbald auf von der Stelle, wo sie weinte, als Martha ihr sagte: “Der Meister ist da und rufet dich?“ (Joh 11,28) Selige Stunde, wenn Jesus von den Tränen zur Freude des Geistes ruft! Wie bist du so dürre und hart ohne Jesum! Wie töricht und eitel, wenn du außer Jesu noch etwas begehrst. Ist dieses nicht ein größerer Schaden, als wenn du die ganze Welt verlörest?
2. Was kann die Welt dir bieten ohne Jesum? Ohne Jesum sein, ist Höllenpein, mit Jesum sein, Himmelswonne. Wenn Jesus mit dir ist, so kann kein Feind dir schaden. Wer Jesum findet, findet einen guten Schatz, ja einen Schatz über alle Schätze. Und wer Jesum verliert, verliert nur zu viel und mehr als die ganze Welt. Der Allerärmste ist, wer ohne Jesum lebt und der Allerreichste, wer wohl mit Jesus steht.
3. Es ist eine große Kunst, mit Jesu umzugehen wissen und Jesum festhalten können, ist große Klugheit. Sei demütig und sanftmütig und Jesus wird mit dir sein. Sei fromm und stille und Jesus wird bei dir bleiben. Du kannst Jesum schnell vertreiben und Seine Gnade verlieren, wenn du dich dem Äußerlichen zuneigen willst. Und wenn du Ihn vertrieben und verloren hast, zu wem willst du fliehen und wen dann zum Freunde suchen? Ohne Freund kannst du nicht wohl bestehen und wenn Jesus nicht vor allen dein Freund ist, so wirst du gar traurig und ohne Trost sein. Du handelst also töricht, wenn du auf irgend einen anderen vertraust oder deine Freude an ihm hast. Lieber die ganze Welt zum Feinde, als Jesum beleidigen. Darum sei dir von allen, die du liebest, Jesus der Liebste.
4. Alle sollst du lieben um Jesu willen, Jesum aber um Seiner Selbst willen. Jesus Christus allein ist besonders zu lieben; denn Er allein wird vor allen Freunden gut und treu erfunden. Um Seinetwillen und in Ihm seien Freunde sowohl, als Feinde dir lieb und für sie alle steige dein Gebet zu Ihm auf, dass alle Ihn erkennen und lieben mögen. Begehre nie für dich Lob oder Liebe; denn das gebührt allein Gott, Der nicht Seines Gleichen hat. Verlange nicht, dass irgend jemand sich mit dir in seinem Herzen beschäftige und auch du sollst dir nichts mit der Liebe eines Anderen zu schaffen machen; sondern Jesus allein sei in dir und in jedem guten Menschen.
5. Sei rein und frei im Innern, ohne dich an irgend eine Kreatur zu hängen. Du musst bloß sein und ein reines Herz zu Gott bringen, wenn du verkosten und sehen willst, wie freundlich der Herr ist. Und dahin wirst du fürwahr nicht gelangen, wenn nicht Seine Gnade dir zuvorgekommen ist und sie dich hingezogen hat, dass du, abgeschieden und frei von allen andern Dingen, dich allein mit dem Einzigen verbindest. Denn wenn Gottes Gnade zu dem Menschen kommt, so wird er kräftig zu allem und wenn sie von ihm weicht, dann wird er arm und schwach und gleicht einem zur Bestrafung aufbewahrten Missetäter. Darüber darf er aber den Mut nicht verlieren, noch verzweifeln, sondern muss nach Gottes Willen mit Gleichmut ausharren und alles, was über ihn kommt, zur Ehre Jesu Christi ertragen; denn auf den Winter folgt ja der Sommer, auf die Nacht der Tag und auf das Ungewitter heiterer Himmel.



01.02.2020
Zweites Buch
Kapitel 7
Von der Liebe Jesu über Alles

1. Wohl dem, der das weiß, was es sei, Jesum lieb haben und sich selbst um Jesu willen verachten. Man muss das Geliebte um des Geliebten willen verlassen, weil Jesus allein über Alles geliebt sein will. Die Liebe der Kreatur ist trügerisch und unbeständig, die Liebe Jesu treu und ohne Wanken. Wer der Kreatur anhangt, fällt mit dem Hinfälligen, wer Jesum umfängt, wird feststehen in Ewigkeit. Ihn liebe und erhalte dir zum Freunde, der, wenn Alle dich verlassen, dich nicht verlassen, noch gestatten wird, daß du am Ende verloren gehest. Von Allen mußt du dich einst trennen, du magst wollen oder nicht.
2. Halte dich zu Jesu im Leben und Sterben und seiner Treue überlasse dich, der, wenn Alle treulos werden, dir allein helfen kann. Dein Geliebter ist der Art, daß er keinen Fremden zulassen will; sondern er allein will dein Herz haben und als König auf eigenem Throne sitzen. Wenn du dich aller Liebe zur Kreatur zu entschlagen wüßtest, so würde Jesus gern bei dir wohnen. Du wirst finden, daß fast Alles verloren ist, was du außer Jesu auf Menschen bauest. Vertraue und stütze dich nicht auf das vom Winde bewegte Rohr, weil “alles Fleisch, Gras und alle Herrlichkeit des Fleisches wie des Grases Blume abfällt.“ (Jes. 40,7.)
3. Ach wie bald wirst du dich getäuscht sehen, wenn du nur auf den äußern Schein der Menschen siehst. Denn wenn du deinen Trost und Gewinn bei Andern suchst, so wirst du sehr oft Schaden leiden. Wenn du in Allem Jesum suchst, so wirst du Jesus allenthalben finden. Suchest du aber dich selbst, so wirst du auch dich selbst finden, aber zu deinem Verderben. Denn der Mensch, wenn er Jesum nicht sucht, schadet sich selbst mehr, als die ganze Welt und alle seine Widersacher ihm schaden können.



31.01.2020
Zweites Buch
Kapitel 6
Von der Freudigkeit eines guten Gewissens

1. Der Ruhm eines guten Menschen ist das Zeugnis eines guten
Gewissens. Habe ein gutes Gewissen und du wirst immer Freudigkeit haben. Ein gutes Gewissen kann sehr viel tragen und ist auch unter Widerwärtigkeiten sehr freudig. Ein böses Gewissen hat immer Furcht und Unruhe. Du wirst sanft ruhen, wenn dein Herz dir keine Vorwürfe macht. Freue dich nie, als wenn du Gutes getan hast. Die Bösen haben niemals wahre Freudigkeit, noch fühlen sie inneren Frieden, denn “die Gottlosen haben keinen Frieden“, spricht der Herr. (Jes. 57,21) Und wenn sie sagen: Wir sind in Frieden, keine Übel werden über uns kommen und wer wird es wagen, uns zu schaden? So glaube ihnen nicht! Denn plötzlich wird entbrennen der Zorn Gottes und ihre Worte werden zunichte werden und ihre Anschläge werden vergehen.
2. Sich rühmen der Trübsal, fällt dem Liebenden nicht schwer; denn das ist sich rühmen des Kreuzes Christi. Ein kurzer Ruhm, der von Menschen gegeben und empfangen wird. Der Welt Ruhm hat stets Leid im Gefolge. Die Guten haben ihren Ruhm im Gewissen und nicht in dem Munde der Menschen. Die Freude der Gerechten ist von Gott und in Gott, und ihre Lust an der Wahrheit. Wer wahren und ewigen Ruhm begehrt, kümmert sich nicht um zeitlichen; und wer zeitlichen Ruhm sucht oder nicht von Herzen verachtet, der zeigt, dass er den himmlischen weniger liebt. Wahre Seelenruhe besitzt der, der weder Lob noch Tadel achtet.
3. Leicht zufrieden und ruhig wird der sein, dessen Gewissen rein ist. Du bist nicht besser, wenn du gelobt, noch schlechter, wenn du getadelt wirst. Was du bist, das bist du, und du kannst nicht größer genannt werden, als du vor Gott bist. Achtest du darauf, was du innerlich und bei dir selbst bist, so wird es dich nicht kümmern, was die Menschen von dir sprechen. Der Mensch sieht ins Gesicht, Gott aber ins Herz. Der Mensch betrachtet die Werke, Gott aber wägt die Absichten. Immer recht tun und wenig von sich halten, ist das Merkmal einer demütigen Seele. Keinen Trost bei irgend einer Kreatur suchen, ist das Zeichen großer Reinheit und innerer Zuversicht.
4. Wer kein äußeres Zeichen für sich sucht, der beweist, dass er sich Gott gänzlich ergeben hat.
“Denn nicht wer sich selbst lobt, ist bewährt“, sagt der heilige Paulus, “sondern den Gott lobt.“ (2 Kor 10,18) Im Innern wandeln mit Gott und sich durch das Äußere nicht reizen lassen, das ist der Zustand des innerlichen Menschen.



30.01.2020
Zweites Buch
Kapitel 5
Von der Selbstbetrachtung

1. Wir dürfen uns selbst nicht zu viel trauen, weil uns oft die Gnade und das Verständnis abgeht! Nur ein schwaches Licht ist in uns, und das verlieren wir schnell durch Nachlässigkeit. Oft merken wir gar nicht, dass wir innerlich so blind sind. Oft handeln wir schlimm und entschuldigen uns noch schlimmer. Zuweilen treibt uns Leidenschaft und wir halten es für Eifer. Kleine Fehler an Andern tadeln wir und die größeren an uns bemerken wir kaum. Schnell genug fühlen und erwägen wir, was wir von Anderen zu leiden haben; aber was Andere von uns erdulden müssen, beachten wir nicht. Wer das Seine wohl und recht erwäge, der würde keine Ursachen haben, einen Anderen so streng zu richten.
2. Der innerliche Mensch stellt die Sorge für sich selbst allen Sorgen voran und wer sich selbst sorgfältig beobachtet, der wird leicht von Anderen schweigen. Du wirst niemals innerlich und fromm sein, wenn du nicht über fremde Angelegenheiten schweigest und insbesondere auf dich selbst siehst. Wenn du dein Augenmerk ganz auf dich und Gott richtest, so wird dich wenig bewegen, was du außer dir wahrnimmst. Wo bist du, wenn du nicht bei dir selbst bist? Und wenn du alles durchlaufen hast, was hast du gewonnen, wenn du dich dabei aus dem Auge verlorst? Wenn du Frieden haben willst und wahre Einigkeit, so musst du alles hinten an setzen und dich allein vor Augen haben.
3. Somit wirst du viel gewinnen, wenn du dich frei erhältst von jeder zeitlichen Sorge. Viel verlieren wirst du, wenn du auf etwas Zeitliches Wert legst. Nichts sei dir groß, nichts hoch, nichts angenehm, nichts willkommen, denn Gott allein oder was von Gott ist. Halte alles für eitel, was dir immer für Trost von irgend einer Kreatur kommt. Die Gott liebende Seele schätzt alles, was unter Gott ist, gering. Gott allein, der Ewige und Unermessliche, der alles erfüllt, ist der Seele Trost und des Herzens wahre Freude.



29.01.2020
Zweites Buch
Kapitel 4
Von dem reinen Herzen und einfältiger Meinung

1. Auf zwei Flügeln erhebt sich der Mensch von dem Irdischen, durch Einfalt nämlich und durch Reinheit. Einfalt muss sein in der Absicht, Reinheit in der Gesinnung. Einfalt sucht Gott, Reinheit findet und ergreift Ihn. Keine gute Handlung wird dich hieran hindern, wenn du innerlich frei bist von ungeordneter Neigung. Innerlich frei bist du nur dann, wenn du nichts Anderes, als Gottes Wohlgefallen und des Nächsten Nutzen beabsichtigst und suchest. Wenn dein Herz ohne Falsch wäre, dann würde dir jedes Geschöpf ein Spiegel des Lebens und ein Buch heiliger Lehre sein. Es ist kein Geschöpf so klein und gering, dass es Gottes Güte nicht abspiegelte.
2. Wenn du innerlich gut und rein wärest, so würdest du alles ohne Hindernisse sehen und wohl fassen. Ein reines Herz durchdringt Himmel und Hölle. Wie einer innerlich ist, so urteilt er äußerlich. Wenn Freude in der Welt ist, so besitzt sie gewiss nur das reine Herz. Und wenn Trübsal und Angst irgendwo ist, so kennt sie das böse Gewissen am besten.
3. Wie das Eisen, ins Feuer gebracht, den Rost verliert und durch und durch glühend wird: so wird der Mensch, der sich ganz zu Gott wendet, seiner Schlacken ledig und in einen neuen Menschen wandelt. Wenn der Mensch anfängt, lau zu werden, so scheut er geringe Mühe und empfängt gern äußeren Trost; wenn er aber beginnt, sich ganz zu überwinden, und mannhaft auf dem Wege Gottes zu wandeln, dann achtet er das gering, was ihm zuvor eine schwere Last zu sein schien.


28.01.2020
Zweites Buch
Kapitel 3
Von dem guten friedfertigen Menschen

1. Zuerst habe Frieden mit dir selbst und dann wirst du auch anderen ein Bote des Friedens sein können. Ein friedfertiger Mensch nützt mehr, als ein hochgelehrter. Ein leidenschaftlicher Mensch kehrt auch das Gute in Böses und glaubt leicht das Böse. Ein guter, friedfertiger Mensch wendet Alles zum Besten. Wer gut in Frieden ist, denkt von niemand Arges; wer aber mit sich zerfallen und aufgeregt ist, der wird von mancherlei Verdacht getrieben; er ruhet weder selbst, noch lässt er andere in Ruhe. Oft sagt er, was er nicht sagen sollte und unterlässt, was ihm zu tun nützlicher wäre. Er sieht auf das, was andere zu tun gehalten sind und vernachlässiget, wozu er selbst gehalten ist. Eifere darum zuerst über dich selbst und dann wirst du mit Recht auch über deinen Nächsten eifern können.
2. Deine Handlungen weißt du wohl zu entschuldigen und zu beschönigen; aber die Entschuldigungen anderer willst du nicht gelten lassen. Gerechter wäre es, dass du dich beschuldigtest und deinen Bruder entschuldigtest. Willst du, dass man dich ertrage, so ertrage auch den andern. Siehe, wie fern bist du noch von der wahren Liebe und Demut, die über niemanden zürnen oder unwillig werden kann, als nur über sich. Es ist keine Kunst, mit Guten und Sanftmütigen umzugehen; denn das gefällt allen von Natur aus und ein jeglicher hat gern Frieden und liebt die mehr, die gleichen Sinnes mit ihm sind. Aber mit Harten und Gottlosen, mit Rohen oder uns Widerwärtigen friedlich leben können, das ist eine große Gnade und ein sehr löbliches und männliches Werk.
3. Es gibt, welche sich selbst in Frieden halten und auch mit Andern Frieden haben. Und es gibt solche, die weder Frieden haben, noch andere in Frieden lassen; sie sind anderen lästig, aber sich selbst noch lästiger. Endlich gibt es auch Solche, die in sich den Frieden bewahren und andere zum Frieden zu führen trachten. Aber unser ganzer Frieden in diesem elenden Leben ist mehr in demütiges Ertragen des Widerwärtigen zu setzen, als in Gefühllosigkeit gegen dasselbe. Je besser einer zu ertragen versteht, desto größeren Frieden wird er bewahren. Ja, ein Solcher ist ein Besieger seiner selbst und Herr der Welt, Freund Christi und Erbe des Himmels.



27.01.2020
Zweites Buch
Kapitel 2
Von der demütigen Unterwerfung

1. Achte es nicht groß, wer für dich oder wider dich sei, sondern sorge dafür, daß Gott in allem, was du tust, mit dir sei. Bewahre nur ein gutes Gewissen, so wird dich Gott in Seinen Schutz nehmen, denn wem Gott beistehen will, dem vermag keines Menschen Bosheit zu schaden. Wenn du zu schweigen und zu dulden weißt, so wirst du sicherlich die Hilfe Gottes erfahren. Er weiß am besten Zeit und Weise, dich zu erretten und darum musst du dich Ihm ganz überlassen. Gottes Sache ist es, zu helfen und von aller Not zu befreien. Oft hilft es sehr zur Bewahrung größerer Demut, dass andere unsere Fehler wissen und rügen.
2. Wenn der Mensch seiner Mängel wegen sich demütiget, dann besänftigt er andere leicht und stellt, die ihm zürnen, ohne Beschwerde zufrieden. Den Demütigen beschützet und errettet Gott, den Demütigen liebt und tröstet Er; zu dem Demütigen neigt Er sich hin; dem Demütigen gibt Er reichlich große Gnade und erhöht ihn nach seiner Erniedrigung zur Herrlichkeit. Dem Demütigen offenbart Er Seine Geheimnisse und locket und ziehet ihn freundlich zu sich. Der Demütige, wenn ihn auch Schmach trifft, ist ganz gut in Frieden, denn er stehet in Gott und nicht in der Welt. Wähne nicht, vorwärts gekommen zu sein, so lange du nicht tief fühlst, daß du nicht geringer bist als alle.



26.01.2020
Zweites Buch
Kapitel 1
Von dem innerlichen Leben

1. “Das Reich Gottes ist inwendig in euch!“ spricht der Herr. (Luk 17,21) Wende dich von ganzem Herzen zu dem Herrn und verlass‘ diese elende Welt und deine Seele wird Ruhe finden. Lerne das Äußere verachten und dem Innerlichen dich hingeben und du wirst das Reich Gottes in dich kommen sehen. Denn das Reich Gottes ist Friede und Freude im heiligen Geist und wird den Gottlosen nicht gegeben. Christus wird zu dir kommen und dir Seinen Trost bringen, wenn du Ihm in deinem Innern eine würdige Wohnung bereitet hast! All Seine Herrlichkeit und Zier ist im Innern und da gefällt Er Sich. Dem innerlichen Menschen gewährt Er häufige Heimsuchung, süßes Gespräch, lieblichen Trost, reichen Frieden und ganz innigliche Vertraulichkeit.
2. Wohlan, gläubige Seele, bereit‘ deinem Bräutigam dein Herz, Der zu dir kommen und Wohnung bei dir machen will. Denn also spricht Er: “Wer Mich liebet, der wird Mein Wort halten, und Mein Vater wird ihn lieben und Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ (Joh 14,23) So gib denn Christo Raum und verweigere allem Übrigen den Eingang. Wenn du Christum hast, so bist du reich und hast genug. Er selbst wird dein Versorger und in allem dein treuer Bruder sein, so dass du nicht auf Menschen zu hoffen brauchst. Denn die Menschen verändern sich bald und vergehen schnell: Christus aber bleibet in Ewigkeit und stehet bis an’s Ende treulich bei.
3. Du sollst kein großes Vertrauen auf einen gebrechlichen und sterblichen Menschen setzen, auch wenn er dir nützlich und teuer wäre; auch darfst du darüber nicht sonderlich trauern, dass er zuweilen dir zuwider spricht oder handelt. Die heute mit dir sind, können morgen gegen dich sein und umgekehrt, oft ändern sie sich wie der Wind. Setze dein ganzes Vertrauen auf Gott, und Er selbst sei deine Furcht und deine Liebe. Er wird dich verantworten und es wohl machen, wie es am besten für dich sein mag. Du hast hier nicht die bleibende Stätte und wo du auch sein magst, bist du ein Pilger und Fremdling; und du wirst nimmer Ruhe haben, sofern du nicht mit Christo auf’s innigste verbunden bist.
4. Was schauest du hier umher, da dies der Ort deiner Ruhe nicht ist? In dem, was himmlisch ist, soll deine Wohnung sein und, wie im Vorübergehen, ist alles Irdische anzusehen. Alle Dinge vergehen und du zugleich mit ihnen. Siehe zu, dass du dich nicht an sie hängest, damit du nicht gefangen werdest und zu Grunde gehest. Auf den Allerhöchsten sei dein Denken und auf Christum dein Flehen ohne Unterlass gerichtet. Wenn du Hohes und Himmlisches nicht zu betrachten weißt, so ruhe im Leiden Christi und wohne gern in Seinen Wunden. Denn wenn du andächtig zu den Wunden und den kostbaren Leidensmalen Jesu fliehest, so wirst du große Stärkung in der Trübsal empfinden und dich nicht viel um die Schmähungen der Menschen kümmern und die Lästerworte der Verleumdung leicht ertragen.
5. Christus war auch auf Erden von den Menschen verachtet und in der größten Not, unter Spott und Hohn, von Bekannten und Freunden verlassen. Christus wollte leiden und verachtet werden und du wagst es, dich über etwas zu beklagen? Christus hatte Widersacher und Feinde und du willst alle zu Freunden und Wohltätern haben? Wie soll deine Geduld die Krone erlangen, wenn dir nichts Widerwärtiges begegnet? Dulde mit Christus und für Christus, wenn du mit Christus herrschen willst.
6. Wenn du einmal vollkommen eingegangen wärest in das Innere Jesu und nur ein wenig von Seiner überschwänglichen Liebe gefühlt hättest: so würdest du nach deinem eigenen Vorteile oder Nachteile nicht ängstlich fragen, sondern dich vielmehr über die erlittene Schmach freuen; denn die Liebe Jesu macht, dass der Mensch sich selbst verschmähe. Ein Liebhaber Jesu und der Wahrheit und ein wahrhaft innerlicher und von unordentlichen Neigungen freier Mensch kann sich ungehindert zu Gott wenden und sich über sich selbst im Geiste erheben und wonnig ruhen.
7. Wer alle Dinge erkennt, wie sie sind, nicht wie sie genannt oder geschätzt werden: der ist wahrhaft weise und mehr von Gott als von Menschen gelehrt. Wer innerlich zu leben und die äußern Dinge nur ein wenig zu schätzen versteht, der kann an allen Orten und zu allen Zeiten Andachtsübungen anstellen. Der innerliche Mensch sammelt sich bald wieder, weil er sich niemals ganz in das Äußere verliert. Ihn hindert weder die äußere Arbeit noch ein gerade notwendiges Geschäft, sondern er schickt sich in die Zeit und Umstände nach ihrer Beschaffenheit. Wer innerlich wohlbeschaffen und geordnet ist, der kümmert sich nicht um das wunderliche und verkehrte Treiben der Menschen. Gerade nur so viel wird der Mensch gehindert und zerstreut, als er von den Dingen in sich aufnimmt.
8. Wenn es recht mit dir stände und du ganz gereinigt wärest, so würde dir alles zum Besten dienen. Darum missfällt dir vieles und verwirrt dich oft, weil du dir selbst noch nicht völlig abgestorben und von allem Irdischen geschieden bist. Nichts befleckt und verstrickt das Herz des Menschen mehr, als die unlautere Liebe zu den Kreaturen. Wenn du auf äußeren Trost Verzicht leistest, so wirst du Himmlisches schauen und in deinem Innern oft frohlocken können.



25.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 25
Von der eifrigen Besserung unseres ganzen Lebens

1. Sei wachsam und fleißig im Dienste Gottes und bedenke oft: wozu du gekommen bist und warum du die Welt verlassen hast? Ist’s nicht so, um Gott zu leben und ein geistiger Mensch zu werden? Sei also eifrig, hierin zu wachsen, weil du den Lohn deiner Anstrengungen in Kurzem empfangen wirst und dann wird Furcht oder Schmerz nicht weiter in deiner Nähe sein. Jetzt musst du dich ein wenig anstrengen, aber bald wirst du große Ruhe, ja immerwährende Freude finden. Bist du treu und eifrig im Gutes tun gewesen, so wird Gott gewiss auch treu und reich im Vergeben sein. Festhalten musst du die gute Hoffnung, dass du zur Siegespalme gelangen wirst, aber du darfst nicht allzu sicher sein, damit du nicht lässig oder übermütig werdest. Als Einer oftmals ängstlich zwischen Furcht und Hoffnung umher schwankte und eines Tages in tiefem Herzenskummer sich betend vor dem Altar in der Kirche niedergeworfen hatte, dachte er so bei sich und sprach: O wenn ich nur wüsste, daß ich bis an’s Ende beständig bleiben würde! Alsbald vernahm er innerlich die Antwort Gottes: Und wenn du das nun wüsstest, was wolltest du dann tun? Tue jetzt, was du dann tun wolltest und du wirst vollkommen ruhig werden. So getröstet und gestärkt gab er sich Gott hin und das ängstliche Schwanken hörte auf. Nun wollte er nicht mehr vorwitzig nachforschen, um zu wissen, was ihm künftig begegnen möchte, sondern bemühte sich eifriger, zu erfahren, was Gottes wohlgefälliger und vollkommener Wille sei, um alles Gute darnach einzufangen und zu vollbringen.
2. “Hoffe auf den Herrn und tue Gutes“, sagt der Prophet, und bleibe im Lande und nähre dich von seinen Schätzen.“ (Ps 36,3) Eines ist, was viele vom Fortschreiten und von ernstlicher Besserung abhält: die Furcht vor der Schwierigkeit oder die Mühe des Kampfes. Zuverlässig aber nehmen die am meisten und vor allen andern an Tugenden zu, welche das, was ihnen besonders schwer und zuwider ist, am beharrlichsten zu überwinden suchen. Denn da wächst der Mensch am schnellsten im Guten und verdient reichlichere Gnaden, wo er sich selbst mehr besiegt und im Geiste ertötet.
3. Aber nicht alle haben gleich viel zu überwinden und zu ertöten; doch wird es der begeisterte Kämpfer weiter bringen, wenn er auch mehr Leidenschaften hat, als ein anderer, der wohlgesittet, aber für Tugenden weniger begeistert ist. Zwei Mittel wirken hauptsächlich zu größerer Besserung; nämlich, dass man mit aller Gewalt sich dem entzieht, wozu die Natur sündhaft hinneigt und mit beharrlichem Eifer nach dem Guten strebt, dessen man mehr bedarf. Auch musst du dich bestreben, dasjenige mehr zu meiden und zu überwinden, was dir an Andern besonders missfällt.
4. Überall suche Anlass, im Guten zu wachsen und wenn du Beispiele des Guten siehest oder hörest, so lass dich zur Nachahmung aneifern. Wenn du aber etwas Tadelnswertes bemerkst, so hüte dich, es gleichfalls zu tun, oder hast du es schon einmal getan, so bessere schnell deinen Fehler. Wenn dein Auge auf andere sieht, so sehen andere auch auf dich! Welch ein angenehmer und lieblicher Anblick ist es, eifrige und fromme, Zucht und Ordnung liebende Brüder zu sehen! Wie traurig und niederschlagend dagegen ist der Anblick solcher, die unordentlich wandeln, die das, wozu sie berufen sind, nachlässig betreiben. Wie schädlich ist es, den Zweck seines Berufes zu versäumen und den Sinn auf das zu richten, was uns nicht angeht!
5. Sei eingedenk des von dir gefassten Vorsatzes und stelle dir das Bild des Gekreuzigten vor Augen! Wohl magst du dich schämen, wenn du das Leben Jesu Christi anschauest, weil du ihm noch nicht ähnlicher zu werden bestrebt warst, obwohl du schon lange den Weg Gottes betreten hast. Ein Ordensmann, der sich mit Fleiß und Andacht in dem heiligsten Leben und Leiden des Herrn übt, wird da im Überfluss alles finden, was ihm nützlich und notwendig ist und wird keine Ursache haben, außer Jesu etwas Besseres zu suchen. O wenn der gekreuzigte Jesus in unser Herz käme, wie schnell und reichlich wären wir gelehrt!
6. Ein eifriger Ordensmann trägt und fasst alles wohl, was ihm auferlegt wird. Der Nachlässige und Laue hat Trübsal über Trübsal und leidet von allen Seiten Angst, weil er des inneren Trostes ermangelt und den äußern nicht suchen darf. Ein Ordensmann, der ohne Zucht lebt, dem steht ein schwerer Fall bevor. Wer nur Freiheit und Bequemlichkeiten sucht, wird immer in Ängsten sein, weil bald das eine, bald das andere ihm missfallen wird.
7. Wie machen es so viele andere Ordensleute, welche unter der klösterlichen Zucht sehr eingeschränkt sind? Sie gehen selten aus, leben abgeschieden, haben sehr ärmliche Kost und grobe Kleidung, arbeiten viel, sprechen wenig, lesen viel und halten sich in aller Zucht. Betrachte die Kartäuser, die Zisterzienser und die Mönche und Nonnen anderer Orden, wie sie jede Nacht aufstehen, um dem Herrn Psalmen zu singen! Deswegen wär’ es schändlich, wenn du in einem so heiligen Werke träg sein wolltest, während eine so große Anzahl von Ordensleuten Gott Jubelgesänge anstimmt.
8. O dass uns nichts anderes zu tun obläge, als den Herrn, unsern Gott, aus vollem Herzen und Munde zu loben! O daß du niemals essen, noch trinken, noch schlafen dürftest, sondern immer Gott loben und dich bloß geistigen Beschäftigungen widmen könntest! Dann würdest du viel glücklicher sein, als jetzt, da du dem Fleische um irgend eines Bedürfnisses willen dienstbar bist. O dass doch diese Bedürfnisse gar nicht vorhanden wären, sondern bloß geistige Erquickungen der Seele, die wir leider so selten genießen!
9. Wenn der Mensch dahin gekommen ist, dass er seinen Trost bei keiner Kreatur mehr sucht, dann erst beginnt er an Gott vollkommenes Wohlgefallen zu finden, dann wird er auch mit Allem, was sich ereignen mag, wohl zufrieden sein. Dann wird er weder durch Großes erfreut, noch durch Kleines betrübt, sondern er übergibt sich ganz und voll Vertrauen Gott, Der ihm alles in allem ist, dem nichts verloren geht, noch stirbt, sondern Dem alles lebt und Dessen Wink alles dienen muss ohne Verzug.
10. Bedenke stets das Ende und daß verlorene Zeit nicht wiederkehrt. Ohne Fleiß und Eifer wird keine Tugend sein. Sobald du anfängst, lau zu werden, sobald fängt dein Elend an. Wenn du aber vor Eifer brennst, so wirst du großen Frieden finden und deine Last leichter tragen, durch Gottes Gnade und Liebe zur Tugend. Ein eifriger und fleißiger Mensch ist zu allem bereit. Mehr Mühe macht’s, den Lastern und Leidenschaften Widerstand zu leisten, als im Schweiße des Angesichts körperliche Arbeiten zu verrichten. Wer geringe Fehler nicht vermeidet, fällt allmählich in größere. Du wirst dich stets am Abende freuen, wenn du den Tag fruchtbar vollbracht hast. Wache über dich selbst, ermuntere dich selbst, ermahne dich selbst und wie es auch um andere stehen mag, versäume dich nur selbst nicht. Gerade um so viel wirst du zunehmen, als du dir Gewalt antust. Amen.



24.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 24
Vom jüngsten Gericht und von den Strafen der Sünde

1. In allen Dingen bedenke das Ende und wie du vor dem strengen Richter bestehen werdest, dem nichts verborgen ist, der sich weder durch Geschenke besänftigen lässt, noch Entschuldigungen annimmt, sondern, wie es gerecht ist, richten wird. O du bejammernswerter und törichter Sünder, was wirst du Gott antworten, der alle deine Missetaten weiß, du, der du schon den Blick eines zornigen Menschen fürchtest? Warum siehest du dich nicht vor auf den Tag des Gerichts, wo niemand durch einen andern entschuldigt oder verteidigt werden kann, sondern jeder selbst an seiner Schuldlast genug zu tragen haben wird? Jetzt noch ist dein Arbeit nicht ohne reiche Frucht, dein Weinen angenehm, dein Seufzen erhörlich, dein Bußschmerz sühnend und reinigend.
2. Ein großes und heilbringendes Reinigungsfeuer hat der geduldige Mensch, der, wenn er Unrecht leidet, sich mehr kränkt über des andern Bosheit, als über das ihm widerfahrene Unrecht; der für seine Widersacher gern betet und ihnen von Herzen ihre Schuld vergibt; der nicht säumet, die von ihm Beleidigten um Verzeihung zu bitten; der sich leichter erbarmt, als zürnet; der sich selbst oft Gewalt antut und das Fleisch unter das Joch des Geistes zu bringen sucht. Es ist besser, sich jetzt schon von Sünden zu reinigen, als sie für die Zukunft zur Reinigung aufzusparen. Wahrlich, wir betrügen uns selbst durch die unordentliche Liebe, die wir zum Fleische haben!
3. Was anderes wird jenes Feuer verzehren, als deine Sünden? Je mehr du jetzt dich selbst schonest, und dem Fleische folgest, desto härter wirst du nachmals büßen müssen und um so reichern Stoff zum Verbrennen sparest du auf. Worin der Mensch mehr gesündigt hat, darin wird er auch schärfer bestraft werden. Dort werden die Trägen mit glühenden Stacheln angespornt und die Schlemmer mit untilgbarem Durst und Hunger gepeinigt: dort die Schwelger und Wollüstlinge mit siedendem Pech und stinkendem Schwefel übergossen und die Neidischen von ewigen Schmerzen über anderer Glück gefoltert werden.
4. Es ist kein Laster, das nicht seine eigene Marter haben wird. Dort werden die Hoffärtigen mit jeglicher Schmach bedeckt und die Geizigen mit der bittersten Armut geängstiget werden. Dort wird eine Stunde mehr Pein haben, als hier hundert Bußjahre. Dort ist keine Ruhe, kein Trost für die Verdammten; hier ruht man doch bisweilen von den Mühen aus und genießt den Zuspruch der Freunde. Sei nur bekümmert und betrübt um deine Sünden, auf dass du am Tage des Gerichts mit den Seligen geborgen seiest. Denn dann werden die Gerechten mit großer Freudigkeit stehen vor denen, die sie geängstiget und gedrückt haben. Dann wird als Richter stehen, wer sich hier den Gerichten der Menschen in Demut unterwarf. Dann wird große Zuversicht haben der Arme und Demütige und allenthalben sich ängstigen der Stolze.
5. Ja, dann wird man erkennen, dass der weise gewesen in dieser Welt, der gelernt, um Christi willen als ein Tor verachtet zu sein. Dann wird jede mit Geduld ertragene Trübsal wohlgefallen und alle Bosheit wird verstummen. Dann wird frohlocken jeder Fromme, und voll Trauerns sein, wer gottlos war. Dann wird, wer sein Fleisch hier gekreuzigt hat, mehr Freude ernten, als wenn er es immer in Lüsten genährt hätte. Dann wird glänzen der unscheinbare Kittel, und das kostbare Prunkgewand den Schein verlieren. Dann wird die ärmliche Hütte mehr gepriesen werden, als der goldstrahlende Palast. Dann wird standhafte Geduld größeren Gewinn bringen, als alle Macht der Welt. Dann wird einfältiger Gehorsam höher gestellt werden, als alle weltliche List.
6. Dann wird das reine und gute Gewissen mehr Freude gewähren, als alle Weltweisheit der Gelehrten. Dann wird die Verachtung der Reichtümer mehr Gewicht haben, als alle Schätze der Erdbewohner. Dann wird dir ein andächtiges Gebet höheren Trost gewähren, als jetzt ein köstliches Mahl. Dann wirst du dich über beobachtetes Stillschweigen mehr freuen, als über langes Geschwätz. Dann werden gute Werke mehr gelten, als viele schöne Worte. Dann wird ein strenges Leben und eine harte Buße mehr gefallen, als alle weltliche Ergötzung. Lerne jetzt Geringes ertragen, daß du dann mit Schwerem verschont bleibest. Hier versuche zuerst, was du künftig vermagst. Wenn du jetzt so wenig zu ertragen vermagst, wie wirst du die ewige Pein ausstehen können? Macht dich jetzt ein geringes Leiden so ungeduldig, was wirst Du in der Hölle tun? Siehe, du kannst in der Tat nicht zweifache Freuden genießen, hier in der Welt dich ergötzen und hernach mit Christo herrschen.
Hättest du bis auf den heutigen Tag immer in Ehren und Vergnügungen gelebt, was würde das alles dir genützt haben, wenn dich augenblicklich der Tod träfe? Alles also Eitelkeit, außer Gott lieben und Ihm allein dienen. Denn wer Gott von ganzem Herzen liebt, der fürchtet weder Tod noch Strafe, weder Gericht, noch Hölle, weil die vollkommene Liebe den sichern Zutritt zu Gott verschafft. Wen aber die Sünde noch ergötzt, kein Wunder, wenn er Tod und Gericht fürchtet. Doch ist’s gut, dass, wenn dich die Liebe noch nicht von der Sünde zurückruft, wenigstens die Furcht vor der Hölle dich in Schrecken halte. Wer aber die Furcht Gottes hintansetzt, der wird nicht lange im Guten zu verharren vermögen, sondern um so schneller in die Stricke des Teufels fallen.



23.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 23
Von der Betrachtung des Todes

1. Sehr bald wird es hienieden um dich geschehen sein. Darum siehe zu, wie es mit dir steht! Heute ist der Mensch, und morgen ist er dahin! Wenn er aber den Augen entrückt ist, ist er auch bald aus dem Sinn! O der Gefühllosigkeit und Härte des menschlichen Herzens, das allein auf das Gegenwärtige sinnt und nicht vielmehr auf das Zukünftige hinausblickt! So solltest du dich in all deinem Tun und Denken verhalten, als ob du heute sterben würdest. Wenn du ein gutes Gewissen hättest, so würdest du den Tod nicht sonderlich fürchten. Besser wäre es, Sünde meiden, als den Tod fliehen. Bist du heute nicht bereit, wie wirst du es morgen tun? Das Morgen ist ungewiss und weißt du denn, ob du ein Morgen haben wirst?
2. Was nützt es, lange zu leben, wenn wir so wenig besser werden? Ach, ein langes Leben führt nicht immer zur Besserung, sondern oft vermehrt es nur die Schuld. O hätten wir doch nur einen Tag recht gelebt in dieser Welt! Viele berechnen die Jahre nach ihrer Bekehrung, aber oft ist die Frucht der Besserung nur gering. Wenn es furchtbar ist, zu sterben, so ist es vielleicht noch viel gefährlicher, zu leben. Wohl dem, der seine Todesstunde immer vor Augen hat und täglich zum Sterben sich rüstet. Wenn du einmal einen Menschen sterben siehst, so denke, daß auch du denselben Weg gehen wirst.
3. Wenn es Morgen wird, so glaube, du werdest den Abend nicht mehr erleben; ist es aber Abend geworden, so wage es nicht, dir noch den Morgen zu versprechen. Sei also stets bereit und lebe so, dass der Tod dich niemals unvorbereitet finde. Viele sterben plötzlich und unvermutet; “denn des Menschen Sohn wird kommen zu einer Stunde, da man es nicht meint.“ (Matth 24,44). Wenn jene letzte Stunde gekommen sein wird, wirst du über dein vergangenes Leben viel anders zu denken anfangen, und tiefen Schmerz fühlen, dass du so nachlässig und träge gewesen bist.
4. Wie klug und glücklich ist der, der jetzt so zu leben strebt, wie er wünschen wird, gelebt zu haben, wenn er stirbt! Denn was dir große Zuversicht geben wird, selig zu sterben, ist: vollkommene Verachtung der Welt, glühender Tugendeifer, Liebe zur Zucht, strenge Buße, williger Gehorsam, Selbstverleugnung und standhafte Geduld in allen Widerwärtigkeiten aus Liebe zu Christo. Viel Gutes kannst du wirken, so lange du gesund bist; was du aber auf dem Krankenlager vermögen wirst, weiß ich nicht. Wenige werden durch Krankheit gebessert, wie auch, die viel wallfahrten, selten heiliger werden.
5. Vertraue nicht auf Freunde und Verwandte und verschiebe dein Heil nicht auf die Zukunft; denn die Menschen werden deiner schneller vergessen, als du meinst. Besser ist’s, bei Zeiten sich vorsehen und Gutes tun, als auf anderer Hilfe warten. Wenn du jetzt nicht für dich selbst sorgest, wer wird in der Zukunft für dich sorgen? Jetzt ist die köstlichste Zeit; jetzt ist die Zeit des Heiles, die angenehme Zeit.“ (2 Kor 6,2) Aber wehe, daß du sie nicht nützlicher anwendest und Schätze für das ewige Leben sammelst! Es wird die Zeit kommen, dass du noch einen Tag, ja nur Eine Stunde zur Besserung wünschen wirst; aber ich weiß nicht, ob du sie erlangen werdest!
6. Ei, du geliebter Bruder, sieh doch, aus wie großer Gefahr du dich befreien, wie großer Furcht du dich entreißen könntest, wenn du stets an den Tod dächtest und seinetwegen in Sorge wärest. Bemühe dich, jetzt so zu leben, daß du dich in der Todesstunde vielmehr freuen, als fürchten mögest. Lerne jetzt der Welt absterben, daß du dann anfangest, mit Christo zu leben. Lerne jetzt Alles verachten, damit du dann frei zu Christo gehen kannst. Jetzt zähme deinen Leib durch Buße, auf daß du dann gewisse Hoffnung haben mögest.
7. O Tor, was kannst du lange zu leben meinen, da du keinen Tag vor dem Tode sicher bist? Wie viele, die lange zu leben hofften, sind betrogen und unerwartet aus diesem Leben hinweggerafft worden! Wie oft hast du schon erzählen hören, daß dieser durch das Schwert gefallen, jener ertrunken sei, daß der durch einen Sturz von der Höhe den Hals brach, jener bei Tisch erstarrte, und der beim Spiel sein Ende fand! Einer kam durch Feuer, ein anderer im Kriege, einer bei der Pest und ein anderer durch Meuchelmord um. Und so ist aller Ende der Tod; und das Leben der Menschen gehet schnell vorüber, wie ein Schatten!
8. Wer wird deiner nach dem Tode gedenken oder für dich beten? Auf, auf denn, mein geliebter Bruder, jetzt wirke, so viel du vermagst; denn du weißt nicht, wann du sterben wirst, noch was dir nach dem Tode bevorsteht. Weil es noch Zeit ist, sammle dir Schätze, die nicht vergehen. Nur an dein Heil denke, an sonst nichts; nur was Gottes ist, sei deine Sorge! Jetzt mache dir die Heiligen Gottes dadurch zu Freunden, daß du sie verehrest und ihre Tugenden nachahmst, damit sie dich, wenn du abscheidest aus diesem Leben, aufnehmen in die ewigen Hütten.
9. Sieh dich gleichsam für einen Gast und Pilger auf Erden an, den die Händel der Welt nichts angehen. Erhalte dein Herz frei und aufwärts zu Gott gerichtet; denn du hast hier keine bleibende Stätte. Dorthin schicke täglich deine Seufzer und Gebete mit Tränen, auf dass deine Seele würdig sei, nach dem Tode zum Herrn selig heimzugehen. Amen.



22.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 22
Von der Betrachtung des menschlichen Elends

1. Elend bist du, wo du auch sein und wohin du dich auch wenden magst, sofern du dich nicht zu Gott kehrst. Warum beunruhigst du dich, weil es dir nicht nach Wunsch und Willen geht? Wer ist’s, der alles nach seinem Willen hat? Weder ich noch du, noch einer der Sterblichen auf Erden. Niemand in der Welt ist ganz ohne Trübsal und Klage, er sei König oder Papst. Wer ist’s, der es besser hat? Sicherlich der, der um Gottes willen etwas zu leiden vermag.
2. Es sagen viele Schwache und Unverständige: Siehe, was für ein gutes Leben hat jener Mensch; wie reich, wie groß, wie mächtig und hoch ist er! Aber schaue auf die himmlischen Güter und du wirst finden, dass alle jene zeitlichen keine Güter, sondern etwas sehr Ungewisses und mehr eine Last sind, weil man sie niemals ohne Furcht und Sorge besitzen kann. Das wahre Glück des Menschen besteht nicht darin, dass er zeitliche Güter in Überfluss habe, sondern ein mittelmäßiger Teil genügt ihm. Fürwahr, es ist ein Elend, auf Erden zu leben! Je geistiger der Mensch sein will, desto bitterer wird ihm das gegenwärtige Leben, weil er die Gebrechen menschlicher Verdorbenheit tiefer empfindet und besser einsieht. Denn essen, trinken, wachen, schlafen, arbeiten, rasten und den übrigen Bedürfnissen der Natur unterworfen sein, ist in der Tat ein großes Elend und Kreuz für den Gottseligen, der gern losgebunden und frei von aller Sünde sein möchte.
3. Denn der innere Mensch wird in dieser Welt durch die Bedürfnisse des Leibes sehr beschwert. Darum fleht der Prophet inbrünstig, daß er von ihnen befreit sein möge, indem er spricht: “Herr, errette mich aus meinen Nöten!“ (Ps. 24,17) Wehe aber denen, die ihr Elend nicht erkennen und noch mehr wehe denen, die dieses elende und gebrechliche Leben lieb haben! Denn einige, ob sie gleich durch Arbeit oder Betteln kaum die Notdurft haben, hangen so an diesem Leben, daß sie sich um das Reich Gottes gar nicht kümmern würden, wenn sie nur immer leben könnten.
4. O der törichten und ungläubigen Herzen, die so tief in das Irdische versunken sind, daß sie für Nichts, als für das Fleischliche Sinn haben! Aber die Unglücklichen werden am Ende noch schwer fühlen, wie gering und nicht das war, was sie so heiß liebten. Die Heiligen Gottes jedoch und alle Freunde Christi achteten nicht auf das, was dem Fleische gefiel oder in dieser Zeit in Blüte stand, sondern ihr ganzes Hoffen und Trachten war auf die ewigen Güter gerichtet. Aufwärts ging all ihr Verlangen nach dem Bleibenden und Unsichtbaren, damit sie nicht durch die Liebe zum Sichtbaren herabgezogen würden zu dem, was drunten ist. Mein Bruder, lass nicht fahren die Hoffnung, dass auch du zum Geistigen fortschreiten werdest; noch hast du Zeit und Stunde.
5. Warum willst du deinen Vorsatz auf morgen verschieben? Auf! Und mache den Anfang sogleich und sprich: Jetzt ist es Zeit zu handeln; jetzt ist es Zeit zu kämpfen; jetzt ist es die gelegenste Zeit, mich zu bessern! Wenn es dir übel geht und du von Trübsal heimgesucht wirst, dann ist es Zeit, vorwärts zu kommen. Du musst durch Feuer und Wasser gehen, bevor du zur Erquickung kommst. Tust du dir nicht Gewalt an, wirst du der Sünde nicht Meister. So lange wir diesen gebrechlichen Leib tragen, können wir nicht ohne Sünde sein, noch ohne Verdruss und Schmerz leben. Wohl hätten wir gern vor allem Elend Ruhe; aber weil wir durch Sünde die Unschuld verloren haben, sind wir auch der wahren Seligkeit verlustig geworden. Darum müssen wir Geduld haben und auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen, bis dieses Ungemach vorüber gehe und der Tod vom Leben verschlungen werde.
6. Ach wie groß ist die menschliche Gebrechlichkeit, die immer zur Sünde geneigt ist! Heute beichtest du deine Sünden und morgen tust du wieder, was du gebeichtet hast. Jetzt nimmst du dir vor, auf der Hut zu sein und in der nächsten Stunde handelst du, als ob du keinen Vorsatz gefasst hättest. Mit Recht also sollen wir uns demütigen und niemals etwas Großes von uns denken, weil wir so gebrechlich und unbeständig sind. Ach kann durch Nachlässigkeit schnell verloren gehen, was mit vieler Mühe durch Gnade endlich kaum erlangt worden ist!
7. Was wird am Ende noch mit uns werden, wenn wir so früh schon erkalten! Wehe uns, wenn wir so zur Ruhe hinneigen wollen, als ob bereits Friede und Sicherheit wäre, ungeachtet noch keine Spur wahrer Heiligkeit in unserem Wandel sich zeigt. Es wäre wohl notwendig, daß wir uns, wie Neulinge, noch einmal zu besseren Sitten anleiten ließen, ob vielleicht noch Hoffnung wäre für künftige Besserung und größeres Wachstum im geistigen Leben.

21.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 21
Von der Zerknirschung des Herzens
1. Wenn du im Guten etwas vorwärts kommen willst, so erhalte dich in der Furcht Gottes und sei nicht allzu frei, halte viel mehr alle deine Sinne unter der Zucht und überlass dich nicht unziemlicher Freude. Gib dich der Zerknirschung des Herzens hin und du wirst Andacht finden. Die Zerknirschung gewährt viel Gutes, das durch Zügellosigkeit schnell wieder verloren geht. Es ist zu verwundern, da der Mensch, der sein Elend und so viele Gefahren seiner Seele betrachtet und erwägt, in diesem Leben jemals recht froh werden kann.
2. Wegen des Leichtsinns des Herzens und der Unachtsamkeit auf unsere Fehler fühlen wir nicht die Schmerzen unserer Seele, sondern lachen oft töricht, wo wir mit Recht weinen sollten. Es gibt keine wahre Freiheit und keine rechte Freude, außer in der Furcht Gottes und einem guten Gewissen. Glücklich ist, wer jede hinderliche Zerstreuung abwerfen und sich sammeln kann zur heiligen Zerknirschung. Glücklich, wer sich von allem lossagt, was sein Gewissen beflecken oder beschweren kann. Kämpfe männlich: Gewohnheit wird durch Gewohnheit besiegt. Wenn du die Leute gehen zu lassen weißt, so werden sie dich wohl auch deine Sache tun lassen.
3. Reiß nicht an dich, was andere angeht und verwickle dich nicht in die Händel der Großen. Habe dein Augenmerk immer zuerst auf dich und ermahne insbesondere dich selbst vor Allen, die dir lieb sind. Wenn du die Gunst der Menschen nicht hast, so betrübe dich nicht darüber; das aber sei dir drückend, dass du nicht so gut und vorsichtig bist, als es sich für einen Diener Gottes und für einen frommen Christen geziemt. Es ist oft nützlicher und sicherer, dass der Mensch in diesem Leben nicht viele Tröstungen habe, besonders dem Fleische nach. Dass wir jedoch die göttlichen Tröstungen nicht haben oder seltener empfinden, ist unsere Schuld, weil wir die Zerknirschung des Herzens nicht suchen und die eiteln und äußerlichen nicht gänzlich von uns werfen.
4. Erkenne, dass du des göttlichen Trostes nicht würdig bist, wohl aber vieler Trübsal. Wenn der Mensch wahrhaft zerknirscht ist, dann ist ihm die ganze Welt lästig und bitter. Der gute Mensch findet hinlänglich Ursache zu trauern und zu weinen; denn er mag sich selbst betrachten oder seinen Nächsten ansehen, so erfährt er, daß hienieden niemand ohne Trübsal lebt. Und je gründlicher er sich selbst betrachtet, um so tiefer ist sein Schmerz. Ursachen gerechten Schmerzes und innerlichster Zerknirschung sind unsere Sünden und Fehler, in denen wir so verstrickt liegen, dass wir selten das Himmlische zu betrachten vermögen.
5. Wenn du häufiger an deinen Tod, als an die Länge deines Lebens dächtest, so würdest du ohne Zweifel ernstlicher an deiner Besserung arbeiten. Nähmest du auch die zukünftigen Strafen der Hölle oder des Fegfeuers zu Herzen, ich glaube, du würdest gern Arbeit und Schmerz ertragen und keine Sorge scheuen. Weil uns aber jene Dinge nicht zu Herzen gehen und wir die Schmeicheleien der Sinne doch lieben, darum bleiben wir kalt und sehr lässig.
6. Oft ist es Geistesschwäche, weshalb sich der elende Leib so leicht beklagt. Darum rufe zum Herrn in Demut, dass er dir gebe den Geist der Zerknirschung und sprich mit dem Propheten:
“Speise mich, o Herr, mit Tränenbrot, und tränke mich mit Tränen in Fülle.“



20.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 20
Von der Liebe und Einsamkeit des Schweigens

1. Suche eine bequeme Zeit, dich mit dir selbst zu beschäftigen und erwäge oftmals die Wohltaten Gottes. Meide, was bloß die Neugier befriedigt. Lies solche Sachen, welche mehr das Herz zerknirschen, als Unterhaltung gewähren. Wenn du dich dem überflüssigen Geschwätze und Umherlaufen müssen, sowie dem Anhören von Neuigkeiten und Gerüchten entziehest, so wirst du hinreichend und schickliche Zeit finden, heilsamen Betrachtungen obzuliegen. Die größten Heiligen mieden, wo sie es konnten, die Gesellschaft der Menschen und zogen es vor, Gott im Verborgenen zu dienen.
2. Es hat jemand (Seneca Brief 7.) gesagt: „So oft ich unter Menschen gewesen bin, war ich beim Heimgehen weniger Mensch.“ Dies erfahren wir öfters, wenn wir lange plaudern. Es ist leichter ganz zu schweigen, als im Reden das rechte Maß zu treffen. Es ist leichter, daheim verborgen zu bleiben, als sich draußen genug in Acht zu nehmen. Wer daher zum Innerlichen und Geistigen gelangen will, der muss sich mit Jesus von dem großen Haufen entfernen. Niemand tritt sicher hervor, als wer gern verborgen lebt. Niemand redet sicher, als wer gerne schweigt. Niemand steht sicher vor, als wer gern untergeben ist. Niemand befiehlt sicher, als wer wohl zu gehorchen gelernt hat.
3. Niemand freuet sich sicher, als wer das Zeugnis eines guten Gewissens in sich hat. Immer jedoch war die Sicherheit der Heiligen voll Gottesfurcht. Und deshalb waren sie nicht minder bekümmert und demütig in sich, ob gleich sie durch große Tugenden und Gnade hervorleuchteten. Die Sicherheit der Gottlosen aber entspringt aus Stolz und Vermessenheit und verkehrt sich am Ende in Selbstbetrug. Versprich dir niemals Sicherheit in diesem Leben, wenn du auch ein guter Ordensmann oder frommer Einsiedler zu sein scheinst.
4. Oft sind gerade die, nach dem Urteile der Menschen, Besseren wegen ihres allzu großen Selbstvertrauens in desto größere Gefahr geraten. Daher ist es vielen heilsamer, daß sie der Versuchungen nicht ganz ermangeln, sondern öfters angefochten werden, damit sie nicht allzu sicher seien, damit sie sich nicht etwa in Stolz erheben, noch auch zu äußern Tröstungen sich allzu frei hinneigen. O, wer niemals vergängliche Freude suchte; wer niemals mit der Welt sich einließe: welch ein gutes Gewissen würde der bewahren! O, wer alle eitle Sorge verbannte und nur an heilsame und göttliche Dinge dächte und seine ganze Hoffnung auf Gott setzte: welche Fülle des Friedens und der Ruhe würde der besitzen!
5. Niemand ist himmlischen Trostes würdig, als wer sich fleißig geübt hat in heiliger Zerknirschung. Wenn du bis ins innerste Herz zerknirscht werden willst, so geh' in dein Kämmerlein und verschließ es dem Geräusche der Welt, wie geschrieben steht: “In euren Kammern sollt ihr zerknirscht werden.“ In deiner Kammer wirst du finden, was du draußen oft verlierst. In deiner Klause bleiben, macht je länger, je mehr Vergnügen; je weniger, je mehr Unlust. Wenn du dich gleich beim Anfang deiner Bekehrung an sie gewöhnst, so wird sie dir später eine geliebte Freundin und der angenehmste Trost sein.
6. Bei Stillschweigen und Ruhe kommt eine andächtige Seele vorwärts und lernt die Geheimnisse der Schrift. Da findet sie Tränenbäche, in denen sie jede Nacht wäscht und reinigt, daß sie mit ihrem Schöpfer um so vertrauter werde, je entfernter sie von allem Geräusche der Welt lebt. Wer sich also von Bekannten und Freunden abzieht, dem wird Gott mit den heiligen Engeln sich nähern. Es ist besser verborgen zu sein und für sich zu sorgen, als mit Vernachlässigung seiner selbst Wunder zu tun. Es ist löblich für einen Ordensmann, selten auszugehen, sich nicht gern sehen zu lassen, noch andere Menschen sehen zu wollen.
7. Warum willst du sehen, was dir nicht erlaubt ist, zu haben? “Die Welt vergeht mit ihrer Lust.“. (1. Joh. 22,12.) Die Gelüste der Sinnlichkeit ziehen dich zum Ausgehen; aber wenn die Stunde vorüber ist: was wirst du zurückbringen, als ein beschwertes Gewissen und ein zerstreutes Herz? Ein fröhlicher Ausgang bringt oft eine traurige Heimkehr, ein fröhlicher Abend oft einen traurigen Morgen. So geht jede sinnliche Freude schmeichelnd ein, aber am Ende nagt und tötet sie. Was kannst du anderwärts sehen, das du daheim nicht siehest? Himmel und Erde und alle Elemente sind vor dir, und daraus ist alles gemacht.
8. Was kannst du irgendwo sehen, das unter der Sonne lange bestehen kann? Du glaubst vielleicht gesättigt zu werden, du wirst aber deine Absicht nicht erreichen. Wenn du auch alle Dinge auf Erden sähest; was wäre es anders als ein eitles Gesicht? Hebe deine Augen zu Gott in der Höhe, und bete für deine Sünden und Vernachlässigungen! Lass das Eitle den Eiteln; du aber richte dein Augenmerk auf das, was Gott dir geboten hat. Schließe hinter dir deine Türe zu und rufe Jesum, deinen Geliebten, zu dir. Bleibe mit ihm in deinem Kämmerlein, denn nirgends wirst du solchen Frieden finden. Wärst du nicht ausgegangen und hättest du keines von den Gerüchten gehört: so wärest du besser in gutem Frieden geblieben. Seitdem es dich freut, zuweilen Neuigkeiten zu hören, seitdem hast du auch Herzensunruhe zu leiden.



19.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 19
Von den Übungen eines guten Ordensmannes

1. Das Leben eines wahren Ordensmannes muss mit allen Tugenden geschmückt sein, dass er innerlich ganz so sei, wie er äußerlich den Menschen scheint. Ja, willig muss er innerlich noch weit mehr sein, als was man äußerlich an ihm wahrnimmt; weil Gott uns durchschaut, den wir, wo wir auch sein mögen, auf's Höchste verehren und vor dessen Angesicht wir rein, wie die Engel, einherwandeln sollen. Jeden Tag müssen wir unsern Vorsatz erneuern und uns zu innigem Eifer erwecken, als wenn wir erst heute zur Bekehrung gelangt wären und sprechen: Stehe mir bei, Herr, mein Gott, in meinem guten Vorsatz und in deinem heiligen Dienste und verleihe mir, heute einmal recht anzufangen, weil das, was ich bisher getan, nichts ist.
2. Wie unser Vorsatz, so ist auch der Gang unserer Besserung, und wer im Guten zunehmen will, hat viel Fleiß anzuwenden. Wenn selbst der oft unterliegt, dessen Vorsatz fest ist, wie wird es erst jenem ergehen, der selten oder weniger fest seinen Vorsatz erneuert? Auf verschiedene Weise aber geschieht die Übertretung unseres Vorsatzes und eine leichte Unterlassung unserer Übungen geht kaum ohne einigen Schaden vorüber. Der Gerechten Vorsatz ist mehr an die Gnade Gottes, als an eigene Weisheit gebunden, auf welchen sie auch, was sie immer vornehmen mögen, stets ihr Vertrauen setzen. Denn der Mensch denkt, Gott aber lenkt, und Sein Weg ist nicht in des Menschen Gewalt.
3. Wenn aus frommer Absicht oder um den Nächsten nützlich zu werden, einmal die gewohnte Übung unterlassen wird, so kann dies später leicht wieder eingebracht werden; wenn dieselbe aber aus innerlichem Überdruss oder aus Nachlässigkeit leichtfertig aufgegeben wird, so ist es sehr strafbar und man wird den Schaden bald fühlen. Mögen wir aber auch tun, was in unsern Kräften steht, wir werden dessen ungeachtet noch in vielen Stücken fehlen. Doch müssen wir uns immer etwas Bestimmtes vorsetzen und vornehmlich gegen das, was uns am meisten hinderlich ist. Unser Äußeres und Inneres müssen wir mit gleicher Sorgfalt prüfen und ordnen, weil Beides das Fortschreiten im Guten befördert.
4. Wenn du dich auch nicht anhaltend zu sammeln vermagst, so tu' es wenigstens zuweilen, und mindestens zweimal des Tages, nämlich morgens und abends. Am Morgen fasse einen Vorsatz; abends prüfe dein Betragen, wie du den Tag über gewesen in Worten, Werken und Gedanken; denn damit hast du vielleicht öfters Gott und den Nächsten beleidigt. Waffne dich, wie ein Mann, gegen die Nachstellungen des Satans; bezähme den Gaumen und du wirst jegliche Reizung des Fleisches leichter zügeln. Sei niemals ganz müßig, sondern lies oder schreib oder bete oder betrachte oder arbeite etwas zum allgemeinen Nutzen. Körperliche Übungen müssen jedoch mit Vorsicht und nicht von allen auf gleiche Weise vorgenommen werden.
5. Was nicht gemeinsam ist, soll man nicht öffentlich verrichten; denn das Eigene wird sicherer im Geheimen abgetan. Hüte dich jedoch, daß du nicht träge seiest zu dem Allgemeinen und bereitwilliger zu dem Eigenen; sondern nur dann, wenn du deine Schuldigkeit und Obliegenheit ganz und treu erfüllt hast, und wenn dir darüber hinaus noch freie Zeit bleibt, überlasse dich dir selbst, wie es deine Andacht verlangt. Es können nicht alle ein' und dieselbe Übung haben, sondern die eine ist diesem, die andere jenem mehr zugänglich. Eben so treibe man nach den Verhältnissen der Zeit verschiedene Übungen; denn einige taugen mehr an Festen, andere mehr an Werktagen. Anderer bedürfen wir zur Zeit der Versuchung, wieder anderer in den Tagen des Friedens und der Ruhe. An manches denken wir lieber, wenn wir traurig und wieder an manches, wenn wir in dem Herrn fröhlich sind.
6. Während der hohen Feste sollen wir gute Übungen erneuern, und die Heiligen inbrünstiger um ihre Fürbitte anrufen. Von einem Feste zum andern müssen wir uns mit dem Gedanken beschäftigen, als ob wir dann aus dieser Welt wandern und zu dem ewigen Feste gelangen würden. Deswegen müssen wir uns auf diese gottgeweihten Tage mit aller Sorgfalt vorbereiten und dieselben andächtiger zubringen und jede Vorschrift desto strenger beobachten, als wenn wir in Kurzem den Lohn unserer Arbeit von Gott empfangen würden.
7. Und wenn die Zeit unseres Hingangs noch verschoben wird, so wollen wir glauben, daß wir noch nicht genug vorbereitet und noch nicht würdig genug seien, so großer Herrlichkeit, die Seiner Zeit an uns soll geoffenbaret werden und bemüht sein, uns besser auf den Ausgang vorzubereiten. “Selig ist der Knecht,“ sagt Jesus beim Lukas (Kap. 12, 43,44), “welchen der Herr, wenn er kommt, wachend findet! Wahrlich, ich sage euch, Er wird ihn über alle Seine Güter setzen.“



18.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 18
Von den Beispielen der heiligen Väter

1. Schaue die lebendigen Beispiele der heiligen Väter an, in denen die wahre Vollkommenheit und Frömmigkeit hervorglänzte, und du wirst sehen, wie gering ist und fast nichts, was wir tun. Ach, was ist unser Leben, wenn es mit jenen verglichen wird! Die Heiligen und Freunde Christi haben dem Herrn gedient in Hunger und Durst, in Frost und Blöße, in Mühe und Arbeit, in Wachen und Fasten, in Gebet und heiligen Betrachtungen, in vielen Verfolgungen und allerlei Schmach. O wie viele und schwere Trübsale haben die Apostel, die Jungfrauen erduldet und alle die andern, die Christi Fußtapfen nachwandeln wollten! Denn sie hassten ihre Seele in dieser Welt, damit sie dieselben für das ewige Leben besitzen möchten. O welch' ein strenges Leben voller Entsagungen führten die heiligen Väter in Einöden! Wie lange und schwere Versuchungen ertrugen sie! Wie vielfältig wurden sie von Feinden geplagt! Wie häufige und inbrünstige Gebete brachten sie Gott dar! Wie strenge Entsagungen übten sie! Welchen großen Eifer und welche Inbrunst bewahrten sie für ihr geistliches Wachstum! Welch' tapferen Kampf zur Bändigung der Laster bestanden sie! Wie rein und gerade war die Richtung ihres Herzens zu Gott! Den Tag über arbeiteten sie und die Nächte brachten sie in anhaltendem Gebete zu, wiewohl sie auch während der Arbeit vom innerlichen Gebete keineswegs abließen.
2. All' ihre Zeit wendeten sie nützlich an; jede Stunde, die sie dem Dienste Gottes widmeten, schien ihnen kurz. Und vor großem Wohlgefallen am beschaulichen Leben vergaßen sie sogar das Bedürfnis leiblicher Erquickung. Sie entsagten allen Reichtümern, Würden und Ehren, Freunden und Verwandten; wollten nichts von der Welt haben; genossen kaum die Notdurft des Lebens und bedauerten, dem Körper auch nur aus Bedürfnis dienen zu müssen. So waren sie arm an irdischen Gütern, aber reich an Gnade und Tugenden. Äußerlich darbten sie, innerlich aber wurden sie durch Gnade und göttlichen Trost erquickt.
3. Der Welt waren sie entfremdet, aber Gott die nächsten und vertrautesten Freunde. Sich selbst schienen sie gleichsam nichts und dieser Welt verächtlich; aber in den Augen Gottes waren sie köstlich und geliebt. Sie hielten sich in wahrer Demut, lebten in einfältigem Gehorsam, wandelten in Liebe und Geduld und darum nahmen sie täglich im Geiste zu und fanden große Gnade bei Gott. Zum Vorbild sind sie gegeben allen Frommen und sie sollen uns mächtiger zum Eifer im Guten antreiben, als die Zahl der Launen uns zur Trägheit verführen.
4. O wie groß war der Eifer aller Ordensleute im Anfange ihrer heiligen Stiftung! O welche Andacht im Gebete! Welcher Wetteifer in der Tugend! Wie strenge die Zucht! Welche Ehrfurcht und welchen Gehorsam bewiesen alle gegen die Anordnungen des Meisters! Zeugnis legen noch jetzt ihre hinterlassenen Fußtapfen ab, daß es wahrhaft heilige und vollkommene Männer waren, die, so ritterlich kämpfend, die Welt überwanden. Jetzt wird einer schon für groß gehalten, wenn er den Buchstaben des Gesetzes nicht übertritt; wenn er das Widrige, was ihm auferlegt ist, mit Geduld zu ertragen vermag.
5. O der Lauheit und Nachlässigkeit in unserem Berufe, daß wir so schnell ablassen von dem alten Eifer und dass uns das Leben selbst vor Erschlaffung und Lauheit fast zum Ekel wird. Dass doch der Eifer fortzuschreiten nicht gänzlich in dir schlummern möchte, der du so viele Beispiele gottseliger Menschen vor Augen hast!



17.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 17
Von dem klösterlichen Leben

1. Du musst dich selbst in viele Stücke brechen lernen, wenn du mit andern in Frieden und Eintracht bleiben willst. Es ist nichts Geringes, in Klöstern oder in einer Genossenschaft zu leben und darin ohne Klage zu verweilen und bis zum Tode treulich auszuharren. Selig, wer darin gut gelebt und glücklich vollendet hat! Wenn du gebührend feststehen und fortschreiten willst, so musst du dich für einen Pilger und Fremdling auf Erden halten. Du musst ein Tor werden um Christi willen, wenn du ein gottseliges Leben führen willst.
2. Das Ordenskleid und der geschorne Kopf trägt wenig bei; aber die Änderung des Wandels und die vollständige Ertötung der Leidenschaften machen den wahren Ordensmann. Wer etwas anderes sucht als Gott allein und seiner Seele Heil, der wird nichts finden, als Anfechtung und Schmerz. Auch kann nicht lange in Frieden stehen, wer nicht bemüht ist, der Geringste zu sein und allen untertan.
3. Zum Dienen bist du gekommen, nicht zum Herrschen; zum Dulden und Arbeiten bist du berufen, nicht zum Müssiggehen oder Schwatzen. Hier also werden die Menschen geprüft, wie das Gold im Feuerofen. Hier kann niemand bestehen, wenn er sich nicht von ganzem Herzen um Gottes willen demütigen will.



16.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 16
Vom Ertragen fremder Fehler

1. Was der Mensch an sich oder an andern nicht zu bessern vermag, das muss er geduldig ertragen, bis Gott es anders ordnet. Bedenke, dass es so vielleicht zuträglicher ist zu deiner Prüfung und zur Übung in der Geduld, ohne welche unsere Verdienste nicht hoch anzuschlagen sind. Aber in Bezug auf solche Hindernisse musst du bitten, dass Gott dir mit Seiner Gnade zu Hülfe kommen wolle, und dass du sie mit Geduld ertragen mögest.
2. Wenn Einer, einmal oder zweimal erinnert, sich nicht zufrieden gibt, so streite nicht mit ihm, sondern stelle es gänzlich Gott anheim, damit Sein Wille geschehe und Seine Ehre in allen Seinen Dienern befördert werde; denn Er weiß wohl, Böses in Gutes zu kehren. Bemühe dich, die mancherlei Fehler und Gebrechen anderer mit Geduld zu ertragen, weil auch du vieles hast, was von andern ertragen werden muß. Wenn du dich selbst nicht so machen kannst, wie du dich gern haben möchtest: wie wirst du einen andern nach deinem Wohlgefallen haben können? Wir haben gern andere vollkommen, und verbessern doch die eigenen Mängel nicht.
3. Wir wollen, dass andere streng zurechtgewiesen werden, und wir selbst wollen uns nicht zurechtweisen lassen. Es missfällt uns die große Ungebundenheit anderer, und doch wollen wir nicht, dass man uns etwas versage, was wir verlangen. Wir wollen andere durch Gesetze beschränkt wissen, und wir selbst lassen uns auf keine Weise mehr einschränken. So ist denn offenbar, wie selten wir den Nächsten, wie uns selbst, würdigen. Wenn alle vollkommen wären, was hätten wir dann von andern um Gottes willen zu leiden?
4. Nun aber hat es Gott so geordnet, daß wir lernen sollen, “Einer des andern Lasten zu tragen“ (Gal 6,2); weil keiner ohne Fehler, keiner ohne Last, keiner mit sich zufrieden, keiner für sich weise genug ist; sondern wir müssen uns gegenseitig ertragen, gegenseitig trösten, gegenseitig helfen, belehren und ermahnen. Wie weit es aber einer in der Tugend gebracht habe, zeigt sich am deutlichsten zur Zeit der Trübsal. Denn die Gelegenheiten machen den Menschen nicht gebrechlich, sondern bringen nur an den Tag, welcher Art er sei.



15.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 15
Von den Werken aus Liebe

1. Um nichts in der Welt und um keines Menschen Liebe willen darf man etwas Böses tun; aber zum Wohl eines Bedürftigen mag doch zuweilen ein gutes Werk freiwillig unterlassen oder auch für ein besseres vertauscht werden. Denn auf diese Weise wird das gute Werk nicht zerstört, sondern in ein besseres verwandelt. Ohne Liebe nützt ein äußeres Werk nichts; was aber aus Liebe geschieht, wie geringfügig und unscheinbar es auch sein mag, das wird durch und durch fruchtbar. Denn Gott erwägt mehr, aus wie großer Liebe jemand handle, als wie Großes er tue.
2. Viel tut, wer viel liebt. Viel tut, wer eine Sache recht tut. Recht tut, wer dem allgemeinen Besten mehr dient, als dem eigenen Willen. Oft scheint etwas Liebe zu sein und ist bloß Fleischeslust, weil natürliche Neigung, Eigenwille, Hoffnung auf Vergeltung, Hang zur Gemächlichkeit selten fern sind.
3. Wer die wahre und vollkommene Liebe hat, der sucht in keiner Weise sich selbst, sondern begehrt allein, dass Gottes Ehre in Allem befördert werde. Auch beneidet er niemanden, weil er keine Freude für sich haben will; nicht in sich selbst will er sich erfreuen, sondern wünscht über alle Güter hinaus in Gott beseligt zu werden. Niemandem schreibt er etwas Gutes zu, sondern führt es ganz auf Gott zurück, von Dem alles ursprünglich ausgeht, in Dem endlich alle Heiligen selige Ruhe haben. O wer nur einen Funken der wahren Liebe hätte, der würde fürwahr empfinden, dass alles Irdische voll Eitelkeit ist.



14.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 14
Von Vermeidung voreiliger Urteile

1. Kehre deine Augen auf dich selbst, und hüte dich, anderer Handlungen zu richten. In der Beurteilung anderer müht sich der Mensch vergebens, irrt oft und fällt leicht in eine Sünde; im Richten und Erforschen seiner selbst aber arbeitet er immer mit Erfolg. Wie uns eine Sache am Herzen liegt, so urteilen wir häufig darüber; aber das richtige Urteil verlieren wir leicht wegen der Eigenliebe. Wenn Gott allezeit das reine Ziel unsers Verlangens wäre, so würden wir beim Widerstreben unsers Sinnes nicht so leicht beunruhigt werden.
2. Aber oft verbirgt sich etwas im Innern oder kommt auch von außen dazu, was uns auf gleiche Weise fortzieht. Viele suchen bei allem, was sie tun, heimlich nur sich selbst, und wissen es nicht. Sie scheinen auch Frieden zu haben, so lange alles nach ihrem Sinne und Willen geht; kommt es aber anders, als sie wünschen, so werden sie augenblicklich erschüttert und traurig. Wegen Verschiedenheit der Ansichten und Meinungen entstehen häufig genug Uneinigkeiten unter Freunden und Mitbürgern, unter Geistlichen und Frommen.
3. Eine alte Gewohnheit legt man schwer ab, und niemand lässt sich gerne über seinen Gesichtskreis hinausführen. Wenn du dich mehr auf deine Vernunft und Geschicklichkeit verlässt, als auf die Kraft, die Jesu Christo sich unterwirft, so wirst du selten und spät ein erleuchteter Mensch werden; denn Gott will, dass wir uns Ihm vollkommen unterwerfen und über alle Vernunft durch feurige Liebe hinaus gehen.



13.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 13
Vom Widerstande gegen Versuchungen

1. So lange wir in dieser Welt leben, können wir nicht ohne Anfechtung und Versuchung sein. Daher ist auch im Buch Hiob geschrieben: “Streit ist des Menschen Leben auf Erden.“ (7,1.) Darum sollte ein Jeglicher sorgsam sein bei seinen Versuchungen und wachen im Gebete, damit der Teufel nicht Raum finde zur Verführung, denn er schläft nimmer, sondern geht umher und suchet, welchen er verschlinge. Niemand ist so vollkommen und heilig, dass er nicht vonZeit zu Zeit Versuchungen haben sollte; und wir können derselben nicht gänzlich entbehren.
2. Demnach sind die Versuchungen dem Menschen, wie lästig und beschwerlich sie sein mögen, von großem Nutzen, weil er durch dieselben gedemütigt, geläutert und belehrt wird. Alle Heiligen sind durch viele Versuchungen und Anfechtungen hindurch gegangen und haben im Guten zugenommen. Diejenigen aber, welche die Versuchungen nicht zu ertragen vermochten, sind abgefallen und verworfen worden. Es ist kein Stand so heilig, kein Ort so verborgen, wo nicht Versuchungen und Widerwärtigkeiten zu finden wären.
3. So lange der Mensch lebt, ist er nie ganz sicher vor Versuchungen, weil in uns ist, wodurch wir versucht werden, seit wir in Lüsten geboren sind. Ist eine Versuchung oder Anfechtung vorüber, so kommt alsbald eine andere, und wir müssen immer etwas zu leiden haben, denn wir haben das Gut unsrer Seligkeit verloren. Viele suchen den Versuchungen auszuweichen, und fallen desto schwerer in dieselben. Durch Flucht allein können wir nicht überwinden; aber durch Geduld und wahre Demut werden wir stärker als alle Feinde.
4. Wer nur äußerlich den Versuchungen ausweicht und die Wurzel nicht ausreißt, der wird wenig ausrichten; ja die Versuchungen werden nur desto schneller wiederkehren, und er wird es um so ärger empfinden. Allmählich und durch Geduld und Langmut wirst du mit Gottes Hilfe besser siegen als mit Hartnäckigkeit und eigenem Ungestüm. Nimm oft Rat an zur Zeit der Versuchung und gegen einen, der versucht ist, sei nicht hart, sondern sprich ihm Trost zu, wie du wünschest, dass dir geschehe.
5. Der Anfang aller bösen Versuchungen ist die Wankelmütigkeit des Gemüts und das geringe Vertrauen auf Gott. Denn wie ein Schiff ohne Steuerruder von den Wellen hin und her getrieben wird; so wird ein fahrlässiger Mann, der seinem Vorsatze nicht getreu bleibt, mannigfach angefochten. Feuer bewährt das Eisen und Versuchung den Gerechten. Wir wissen oft nicht, was wir vermögen; aber die Versuchung macht offenbar, was wir sind. Doch müssen wir, besonders im Anfange der Versuchung, wachsam sein; weil dann der Feind leichter überwunden wird, wenn man ihn auf keine Weise zur Pforte des Gemüts eingehen lässt, sondern ihm, so bald er anklopft, vor der Schwelle entgegen tritt. Deshalb hat ein alter Dichter gesagt: Komme zuvor alsbald, zu spät wird’s Mittel bereitet, hat durch Zögerung schon Stärke das Übel erlangt. Denn zuerst kommt dem Gemüt ein einfacher Gedanke entgegen, dann die mächtige Einbildung, hernach die Lust und die böse Begierde und endlich die Einwilligung. Also dringt nach und nach der böse Feind gänzlich ein, wenn ihm nicht sogleich im Anfange Widerstand geleistet wird. Und je länger einer ihm zu widerstehen zögert, desto schwächer wird er täglich in sich und der Feind um so mächtiger wider ihn.
6. Einige leiden im Anfang ihrer Bekehrung schwerere Anfechtungen, andere aber am Ende, noch andere werden fast ihr ganzes Leben lang geplagt. Manche werden nur leicht versucht, ganz nach der Weisheit und Gerechtigkeit göttlichen Ratschlusses, der des Menschen Zustand und Vermögen wohl erwägt und zum Heil seiner Auserwählten alles vorher bestimmt hat.
7. Darum dürfen wir, wenn wir verlassen werden, den Mut nicht sinken lassen, sondern müssen desto inbrünstiger zu Gott beten, dass Er uns in aller Versuchung Beistand leisten wolle, der gewisslich, nach dem Ausspruche Pauli (1 Kor 10,13), die Versuchung ein solches Ende gewinnen lässt, dass wir es können ertragen. So wollen wir denn demütigen unsere Herzen unter die Hand Gottes in jeder Versuchung und Anfechtung, weil er retten und erhöhen wird, die demütigen Geistes sind.
8. In Versuchungen und Trübsalen wird der Mensch bewährt, wie weit er im Guten fortgeschritten ist; und darin besteht ein größeres Verdienst, und die Tugend wird mehr offenbar. Das ist nichts Großes, wenn der Mensch andächtig und inbrünstig ist, so lange er keine Beschwerde fühlt; wenn er aber zur Zeit der Trübsal geduldig ausharrt, dann lässt sich guter Fortschritt hoffen. Einige bleiben vor großen Versuchungen bewahrt, und in den kleinen täglichen unterliegen sie oft, damit sie, gedemütiget, bei großen kein Vertrauen auf sich selbst haben, die in so geringen schwach sind.



12.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 12
Vom Nutzen der Trübsal

1. Es ist uns gut, dass wir zuweilen einige Beschwerden und Widerwärtigkeiten haben, denn sie rufen den Menschen oft in sein Herz zurück, damit er erkenne, wie er hier ein Fremdling sei und seine Hoffnung nicht auf irgend etwas in der Welt setze. Es ist gut, dass wir bisweilen Widersprüche ertragen müssen, und dass man Böses und Arges von uns denkt, auch wenn wir Gutes tun und beabsichtigen. Das führt uns oft zur Demut und bewahrt vor eitlem Ehrgeiz. Denn dann suchen wir um so eifriger Gott, den inneren Zeugen, wenn wir äußerlich gering geachtet werden von den Menschen und man uns nichts Gutes zutraut.
2. Darum sollte der Mensch sich so ganz und fest auf Gott gründen, dass er nicht nötig hätte, oft bei den Menschen Trost zu suchen. Wird ein Mensch, dessen Wille gut ist, angefochten oder verflucht, oder von bösen Gedanken geplagt; dann merkt er, wie notwendig ihm Gott sei, und fühlt es, dass er ohne Ihn nichts Gutes vermöge. Dann wird er traurig, seufzet und betet des Elendes wegen, das er leidet. Dann ekelt es ihm, länger zu leben, und er wünscht, dass der Tod komme, damit er aufgelöst werde und bei Christo sein könne. Dann erfährt er auch wohl, dass vollkommene Sicherheit und voller Friede in dieser Welt nicht bestehen können.


11.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 11
Von Erringung des Friedens und dem Eifer in der Besserung

1. Wir könnten viel Frieden haben, wenn wir uns nicht so viel mit anderer Worten und Werken, die uns gar nichts angehen, beschäftigen wollten. Wie mag der lange in Frieden bleiben, der sich in fremde Dinge mischt, der äußerliche Zerstreuung sucht und sich wenig oder selten erinnerlich sammelt? Selig sind die Einfältigen, denn sie werden vielen Frieden haben.
2. Warum sind einige der Heiligen so vollkommen und beschaulich gewesen? Weil sie sich eifrig bemühten, allen irdischen Begierden abzusterben und deshalb konnten sie mit dem Innersten ihres Herzens Gott anhangen und ungehindert sich leben. Wir werden allzu sehr von unsern Leidenschaften in Anspruch genommen, und bekümmern uns zu viel um vergängliche Dinge. Selten überwinden wir auch nur ein Laster völlig und werden nicht zum täglichen Fortschreiten entflammt; daher bleiben wir kalt und lau.
3. Wenn wir uns selbst vollkommen abgestorben und innerlich nicht so sehr verstrickt wären; dann könnten wir auch an den göttlichen Dingen Geschmack finden und von der Anschauung des Himmlischen etwas erfahren. Das größte und einzige Hindernis ist, dass wir von den Leidenschaften und Begierden nicht frei sind, und uns keine Mühe geben, den vollkommenen Weg der Heiligen zu betreten. Wenn uns auch nur eine geringe Widerwärtigkeit begegnet, verlieren wir sogleich den Mut und suchen Trost bei Menschen.
4. Wären wir bemüht, wie tapfere Männer zu stehen im Streite; wahrlich! Wir würden die Hilfe des Herrn über uns vom Himmel her sehen. Denn Er selbst ist bereit, denen zu helfen, die da streiten und auf Seine Gnade hoffen, wie Er uns Gelegenheit gibt zum Kampfe, auf dass wir überwinden. Wenn wir nur in jene äußerlichen Übungen unsern Fortschritt in der Gottseligkeit setzen, so wird unsere Andacht bald ein Ende haben. Aber lasst uns die Axt an die Wurzel legen, dass wir, von Leidenschaften gereinigt, ein friedliches Gemüt erlangen.
5. Wenn wir in jedem Jahre ein einziges Laster vollkommen ausrotteten, so würden wir bald vollkommen werden. Nun aber merken wir oft im Gegenteil, dass wir besser und reiner erfunden wurden im Anfang unserer Bekehrung, als nach vielen Jahren der Übung. Unser Eifer und unsere Besserung sollte täglich sich mehren; nun aber wird es schon für etwas Großes angesehen, wenn einer nur einen Funken des ersten Eifers zu bewahren vermag. Wenn wir uns im Anfange nur ein wenig Gewalt antäten, so würden wir nachher alles mit Leichtigkeit und Freude vollbringen können.
6. Schwer ist's, alle Gewohnheiten abzulegen; aber noch schwerer, gegen seinen eigenen Willen anzugehen. Wenn du aber das Kleine und Leichte nicht überwindest, wie wirst du das Schwere bewältigen? Widerstehe deiner Neigung gleich im Anfange, und entwöhne dich der bösen Gewohnheit, damit sie dir nicht allmählich zu schwer werde. O wenn du bedächtest, welchen Frieden du dir selbst und welche Freude du andern bereitetest durch dein Wohlverhalten; gewiss, du würdest besorgter sein um dein geistliches Wachstum.



10.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 10
Von Vermeidung überflüssigen Geredes

1. Hüte dich, so viel du kannst, vor dem Gewühl der Menschen; denn sich mit weltlichen Händeln befassen, ist sehr hinderlich, ob sie dir auch schon in redlicher Absicht vorgetragen werden. Denn wir werden flugs durch Eitelkeit befleckt und gefangen. Ich wollte, dass ich mehr geschwiegen hätte und nicht unter Menschen gewesen wäre. Warum aber reden wir so gern und plaudern miteinander, da wir doch selten ohne Gewissensverletzung zum Stillschweigen zurückkehren? Darum reden wir so gern miteinander, weil wir in der Unterredung gegenseitig Trost suchen und das von widerstreitenden Gefühlen bewegte Herz gern beschwichtigen wollen. Und so gerne sprechen und denken wir über Dinge, welche wir innig lieben oder begehren, oder die uns widerwärtig sind.
2. Aber leider! Oft vergeblich und fruchtlos. Denn dieser äußerliche Trost tut der inneren und göttlichen Tröstung nicht geringen Abbruch. Darum müssen wir wachen und beten, dass uns die Zeit nicht unbenützt entfliehe. Wenn es erlaubt und nützlich ist, zu reden: so rede, was erbaulich ist. Üble Gewohnheit und Gleichgültigkeit gegen unser geistiges Fortschreiten sind die Hauptursachen, dass wir unsere Zunge so schlecht bewachen. Doch trägt eine andächtige Unterredung über geistliche Dinge viel zu unserer geistlichen Veredlung bei, vorzüglich, wenn Solche sich zusammen gesellen, die Eines Sinnes und Geistes in Gott sind.



09.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 9
Vom Gehorsam und Unterwürfigkeit

1. Es ist eine schwere Aufgabe, im Gehorsam zu stehen, unter einem Vorgesetzten zu leben, und nicht sein eigener Herr zu sein. Viel sicherer ist es, zu gehorchen als zu gebieten. Viele sind unter dem Gehorsam mehr aus Notwendigkeit, als aus Liebe und solche haben Plage und murren leicht; sie erlangen die Freiheit des Gemüts erst dann, wenn sie sich von ganzem Herzen um Gottes willen unterwerfen. Wo du immer hingehen magst, du wirst nicht eher Ruhe finden, als bis du dich der Leitung der Obrigkeit unterworfen hast. Die Einbildung, als sei es anderswo besser wie die Veränderung des Wohnorts selbst, hat schon viele schrecklich getäuscht.
2. Es ist wahr, dass jeder gern nach seinem Sinne handelt, und sich mehr zu denen hingezogen fühlt, die ihm gleichgesinnt sind. Wenn aber Gott unter uns ist, so müssen wir um des lieben Friedens willen auch zuweilen unsre eigene Meinung zum Opfer bringen. Wer ist so weise, dass er alles vollkommen wissen kann? Darum vertraue nicht zu viel deiner Einsicht, sondern höre auch gern anderer Leute Meinung. Wenn deine Ansicht richtig ist, und du sie doch aufgibst um Gottes willen, und folgst einem andern, so wirst du mehr Gewinn davon haben.
3. Denn ich habe oft gehört, es sei sicherer, Rat zu hören und anzunehmen, als zu geben. Es kann sich auch ereignen, dass eines jeden Meinung gut sei; aber andern nicht nachgeben wollen, wenn Vernunft und Sache es fordern, ist ein sicheres Merkmal von Stolz und Hartnäckigkeit.



08.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 8
Warnung vor allzu großer Vertraulichkeit

1. “Offenbare dein Herz nicht jedermann,“ (Sir. 8,29.) sondern mit einem Weisen und Gottesfürchtigen verhandle deine Sache. Mit jungen flatterhaften Leuten und solchen, die du nicht genau kennst, geh' selten um. Schmeichle nicht den Reichen, und erscheine nicht gern vor den Großen. Geselle dich zu den Demütigen und Einfältigen, zu den Andächtigen und Sittsamen, und rede mit ihnen, was zu Erbauung dient. Meide allen vertraulichen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, empfiehl aber im Allgemeinen alle frommen Weiber Gott. Nur mit Gott und seinen Engeln wünsche vertraut zu sein und meide die Bekanntschaft mit vielen Menschen.
2. Liebe soll man gegen alle haben, aber Vertraulichkeit taugt nicht. Zuweilen geschieht es, dass ein Unbekannter, aus der Ferne betrachtet, ein Licht ist; betrachtet man ihn aber in der Nähe, so ist sein Glanz dahin. Wir meinen mitunter, andern bei näherer Verbindung zu gefallen, und fangen vielmehr an, ihnen zu missfallen durch das ungesittete Betragen, das sie an uns wahrnehmen.



07.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 7
Von Vermeidung eitler Hoffnung und Aufgeblasenheit.

1. Töricht ist, wer seine Hoffnung auf Menschen oder auf Kreaturen setzt. Schäme dich nicht, aus Liebe zu Jesu Christo Andern zu dienen und in dieser Welt für arm angesehen zu werden. Traue nicht auf dich selbst, sondern gründe deine Hoffnung auf Gott. Tue, was du vermagst und Gott wird deinem guten Willen zu Hülfe kommen. Verlass dich nicht auf deine Einsicht oder auf die Verschlagenheit irgend eines Sterblichen, sondern vielmehr auf die Gnade Gottes, die den Demütigen aufhilft und die Hoffärtigen erniedriget.
2. Rühme dich nicht deiner Reichtümer, noch mächtiger Freunde, sondern Gottes, der Alles gibt, und Sich Selbst überdies dir geben will. Brüste dich nicht wegen der Größe oder Schönheit deines Leibes, welche durch eine geringe Krankheit zerstört und verunstaltet werden kann. Habe dein Wohlgefallen nicht an deiner Geschicklichkeit oder an deinen Geistesgaben, damit du Gott nicht missfallest, dessen alles ist, was du Gutes von Natur haben magst.
3. Halte dich nicht für besser als Andere, damit du nicht vielleicht vor Gott für schlechter gehalten werdest, welcher weiß, was in dem Menschen ist. Prahle nicht mit deinen guten Werken, denn Gottes Urteile sind anders als die der Menschen; Ih1m missfällt oft, was den Menschen gefällt. Wenn du wirklich etwas Gutes haben solltest, so glaube von Anderen noch Besseres, damit du die Demut bewahrest. Es schadet nichts, wenn du Allen dich nachsetzest; aber es schadet viel, wenn du dich auch nur einem Einzigen vorziehest. Beständiger Friede ist mit den Demütigen; im Herzen des Hochmütigen aber ist Eifersucht und häufiger Unmut.



06.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 6
Von den unordentlichen Neigungen

1. Soft der Mensch etwas auf unordentliche Weise verlangt, wird er sogleich in sich unruhig.
Der Stolze und der Geizige haben nimmer Ruhe, der Arme und im Geist Demütige lebt in der Fülle des Friedens. Ein Mensch, der noch nicht vollkommen sich selbst abgestorben ist, wird schnell versucht und von kleinen und armseligen Dingen überwunden. Wer schwach im Geiste und in gewissem Sinne fleischlich und zum Sinnlichen geneigt ist, kann sich schwer von den irdischen Begierden gänzlich losmachen. Und deshalb hat er oft Traurigkeit, wenn er sich etwas versagt; auch wird er leicht unwillig, wenn ihm Jemand widersteht.
2. Wenn er aber erlangt hat, was er begehrte, so drückt ihn alsbald der Vorwurf seines Gewissens, weil er seiner Leidenschaft gefolgt ist, die ihm den Frieden nicht gibt, den er suchte. Also durch Widerstand gegen die Leidenschaften wird der wahre Friede des Herzens gefunden, nicht aber in ihrer Dienstbarkeit. Darum ist kein Friede in dem Herzen des Fleischlichen, keiner in dem, der dem Äußerlichen sich hingibt, sondern allein in dem inbrünstigen und geistlichen Menschen.



05.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 5
Vom Lesen der heiligen Schrift

1. Wahrheit ist in der heiligen Schrift zu suchen, nicht Beredtsamkeit. Die ganze heilige Schrift muss in demselben Geiste gelesen werden, in welchem sie verfasst ist. Wir müssen in der heiligen Schrift mehr den Nutzen, als die Feinheit der Rede suchen. Wir sollen eben so gern die andächtigen und einfachen Bücher lesen, als die hohen und tiefsinnigen. Nimm keinen Anstoß an dem Ansehen des Schriftstellers, ob er von geringer oder großer Gelehrsamkeit war, sondern die Liebe der reinen Wahrheit treibe dich zum Besten an. Frage nicht, wer das gesagt habe, sondern merke auf, was gesagt wird.
2. Die Menschen vergehen, aber die Wahrheit des Herrn bleibet in Ewigkeit. Ohne Ansehen der Person redet Gott auf mancherlei Weise zu uns. Unser Vorwitz hindert uns oft beim Lesen der Schrift, indem wir verstehen und ergrübeln wollen, woran wir einfach vorüber gehen sollten. Willst du Nutzen haben, so lies demütig, einfältig und gläubig und begehre nie den Ruhm des Wissens. Frage gern und höre schweigend die Worte der Heiligen, und lass dir nicht missfallen die Gleichnisse der Alten, denn sie werden nicht ohne Absicht vorgetragen.



04.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 4
Von der Vorsichtigkeit im Handeln

1. Nicht jedem Worte oder jeder Einflüsterung ist zu trauen, sondern vorsichtig und bedachtsam muß man die Sache vor Gott erwägen. Aber, o weh! Oft wird Böses leichter als Gutes von dem Andern geglaubt und gesagt; so schwach sind wir! Doch vollkommene Männer glauben nicht leicht Jedem, was er erzählt, weil sie die menschliche Schwachheit kennen, die zum Bösen geneigt ist und leicht in Worten fehlt.
2. Es ist große Weisheit, im Handeln nicht voreilig zu sein, noch hartnäckig auf seinem Kopfe zu bestehen. Hierzu gehört auch, nicht eines Jeden Worten zu glauben, noch das Gehörte oder Geglaubte alsbald weiter zu verbreiten. Mit einem weisen und gewissenhaften Manne halte Rat, und suche lieber Belehrung bei einem Besseren, als dass du deinem eigenen Dünkel folgest. Ein frommes Leben macht den Menschen weise vor Gott und erfahren in Vielem. Je demütiger Einer in sich selber ist und je Gott ergebener, um so weiser und ruhiger wird er in Allem sein.



03.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 3
Von der Lehre der Wahrheit

1. Wohl dem, den die Wahrheit durch sich selbst belehrt, nicht durch vergängliche Bilder und Worte, sondern so, wie sie ihrem Wesen nach ist. Unsere Meinung und unser Sinn täuschet uns oftmals und sieht gar wenig. Was fruchtet mühevolles Grübeln über verborgene und dunkle Dinge, um deren Willen wir am Tage des Gerichts nicht werden bestraft werden, weil wir sie nicht erkannt haben? O Torheit über alle Torheit, dass wir das, was uns nützlich und notwendig ist, vernachlässigen, und dafür so eifrig nach dem trachten, was bloß die Neugierde reizt und dabei noch Schaden bringt? Ach, wir haben Augen und sehen nicht!
2. Und was kümmern uns die Gattungen und Arten der Dinge? Zu wem das ewige Wort redet, der wird frei von vielen Meinungen. Durch Ein Wort sind alle Dinge, und dieses Eine Wort verkündigen sie insgesamt. Das ist das Urwort, der Anfang der Dinge, und das redet auch zu uns. (Joh. 8,25) Niemand kommt ohne dasselbe zur Einsicht oder zu richtigem Urteil. Wem Alles Eines ist, und wer Alles auf Eines bezieht und in dem Einen Alles erblickt, der kann fest im Herzen sein und Frieden in Gott haben. Gott, Urquell der Wahrheit, mache mich eins mit dir in ewiger Liebe! Oft ekelt mich vielerlei zu lesen und zu hören; in Dir ist Alles, was ich will und begehre. Schweigen sollen alle Gelehrten, verstummen alle Kreaturen vor Deinem Angesichte: du allein rede zu mir!
3. Je mehr ein Mensch mit sich selbst einig und im Innersten einfältig geworden ist, desto mehr und desto Höheres begreift er ohne Mühe; denn von oben herab empfängt er das Licht der Erkenntnis. Ein reiner, einfältiger und beständiger Geist wird nicht durch viele Geschäfte zerstreut, weil er Alles zur Ehre Gottes tut und in sich von allem Eigennutz frei zu sein strebt. Was hindert und belästiget dich mehr, als die unertötete Begierde deines Herzens? Der Gute und Gottesfürchtige ordnet zuerst in seinem Innern die Werke, die er äußerlich vollbringen soll. Sie reißen ihn auch nicht zu den Begierden seiner sündlichen Neigung hin, sondern er leitet sie selbst nach dem Gebote der Vernunft. Wer hat einen schweren Kampf zu bestehen, als der, welcher sich selbst besiegen will? Und das sollte unsere Lebensaufgabe sein, sich selbst zu besiegen, und täglich über sich selbst mehr Gewalt zu gewinnen und etwas im Guten zuzunehmen.
4. Alle Vollkommenheit in diesem Leben ist mit einer gewissen Unvollkommenheit gepaart, und all unser Forschen ist nicht ohne einige Dunkelheit. Demütige Selbsterkenntnis ist ein weit sicherer Weg zu Gott, als tiefsinniges Grübeln in der Wissenschaft. Zwar ist die Wissenschaft nicht zu schmähen oder jede unschuldige Kenntnis einer Sache, die an sich betrachtet gut und von Gott angeordnet ist; aber vorzuziehen ist immer ein gutes Gewissen und ein tugendhaftes Leben. Weil aber Viele sich mehr befleißigen, zu wissen, als tugendhaft zu leben, so irren sie oft und bringen fast keine oder nur geringe Frucht.
5. O wenn sie solchen Fleiß anwendeten, Laster auszurotten und Tugenden einzupflanzen, als Fragen aufzuwerfen: so würde nicht so viel Übel und Ärgernis unter dem Volke, nicht so viel Zuchtlosigkeit in den Klöstern entstehen. – Gewiss, am Tage des Gerichts wird man uns nicht fragen, was wir gelesen, sondern was wir getan; nicht, wie schön wir gesprochen, sondern wie gottselig wir gelebt haben! Sage mir, wo sind nun alle jene Herren und Meister, die du gut kanntest, als sie noch lebten und durch ihre Gelehrsamkeit glänzten? - Schon besitzen Andere die Pfründen derselben, und ich weiß nicht, ob sie ihrer noch gedenken. Bei ihrem Leben schienen sie etwas zu sein; nun aber schweigt man von ihnen.
6. O wie schnell vergeht die Herrlichkeit der Welt! Möchte doch ihr Leben mit ihrer Wissenschaft übereingestimmt haben; dann hätten sie gut studiert und gelesen! Wie viele in der Welt gehen durch eitles Wissen zu Grunde, weil sie sich wenig bekümmern, Gott zu dienen. Und weil sie lieber groß als demütig sein wollen, darum werden sie in ihren Gedanken zu nichts. Wahrhaft groß ist, wer große Liebe hat. Wahrhaft groß ist, wer in sich klein ist und die höchsten Ehren für nichts achtet. Wahrhaft klug ist, wer alles Irdische für Kot achtet, damit er Christum gewinne. (Phil. 3,8) Und wahrhaft wohlgelehrt ist, wer Gottes Willen tut und seinen eigenen Willen aufgibt.



02.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 2
Von der Geringschätzung seiner selbst

1. Jeder Mensch hat von Natur ein Verlangen nach Wissen: aber Wissenschaft ohne Gottesfurcht, was trägt sie ein? Besser ist in der Tat ein demütiger Landmann, der Gott dienet, als ein stolzer Weltweiser, der den Lauf der Sterne betrachtet und dabei sich selber vernachlässiget. Wer sich selbst recht erkennt, der denkt gering von sich und findet kein Wohlgefallen an menschlichen Lobsprüchen. Wenn ich alles in der Welt wüsste, und hätte die Liebe nicht: was hälfe es mir vor Gott, Der mich nach meinem Tun richten wird?
2. Lass ab von allzu großer Wissbegierde, denn es ist viel Zerstreuung und Betrug dabei. Die viel wissen, wollen gern glänzen und für Weise gehalten werden. Es gibt viele Dinge, deren Kenntnis der Seele wenig oder nichts frommt. Und sehr töricht ist derjenige, welcher nach andern Dingen trachtet, als denen, die zu seinem Heile dienen. Viele Worte sättigen die Seele nicht, aber ein gottseliges Leben erquicket das Gemüt und ein reines Gewissen verleiht große Zuversicht auf Gott.
3. Je größer und gründlicher dein Wissen ist, desto strenger wirst du darnach gerichtet werden, wenn du nicht um so heiliger gelebt hast. Darum erhebe dich nicht wegen irgend einer Kunst oder Wissenschaft, sondern fürchte dich vielmehr der dir verliehenen Einsicht wegen. Wenn es dir scheint, du wissest viel und verstehest es gut genug; so sollst du doch wissen, dass es noch viel mehr Dinge gibt, die du nicht weißt. Tue nicht groß mit dem Wissen, sondern bekenne lieber deine Unwissenheit. Was willst du dich über einen Andern erheben, da es so Viele gibt, die gelehrter und im Gesetz erfahrener sind, als du? Wenn du aber etwas Nützliches wissen und lernen willst, so lerne, gern unbekannt bleiben und für nichts gehalten werden.
4. Das ist die höchste und nützlichste Lebensaufgabe, sich selbst wahrhaft kennen und gering achten. Von sich selbst nichts halten und von Andern immer eine gute hohe Meinung haben, ist große Weisheit und Vollkommenheit. Wenn du auch einen Andern offenbar sündigen oder etwas Schweres verbrechen sähest; so dürftest du dich doch nicht für besser halten, dieweil du nicht weißt, wie lange du selbst im Guten beharren magst. Wir sind allzumal gebrechlich; du aber sollst Niemanden für gebrechlicher halten, als dich selbst.



01.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 1
Von der Nachfolge Christi
und der Verachtung aller Eitelkeiten der Welt

1. „Wer mir nachfolget, wandelt nicht in Finsternis,“ (Joh. 8,12) spricht der Herr. Dies sind die Worte Christi, durch welche wir ermahnt werden, Sein Leben und Seinen Wandel nachzuahmen, wenn wir anders wahrhaft erleuchtet und von aller Blindheit des Herzens befreit werden wollen. Darum sei unser höchstes Bestreben, über das Leben Jesu Christi nachzudenken.
2. Die Lehre Jesu Christi übertrifft alle Lehren der Heiligen weit, und wer den Geist hätte, der fände darin verborgenes Manna. Es geschieht aber, dass Viele, so oft sie auch das Evangelium hören, doch wenig Verlangen darnach fühlen, weil sie den Geist Christi nicht haben. Wer aber die Worte Christi vollkommen verstehen und schmecken will, der muß bemüht sein, sein ganzes Leben ihm ähnlich zu machen.
3. Was frommt es dir, über die Dreieinigkeit hochgelehrt zu reden, wenn du der Demut ermangelst, und deshalb der Dreieinigkeit missfällst? Fürwahr! Hohe Worte machen nicht heilig und gerecht, aber ein tugendhaftes Leben macht Gott angenehm. Ich wünsche mehr, die Bußfertigkeit zu empfinden, als zu wissen, was sie sei. Wenn du die ganze Bibel auswendig wüsstest und die Sprüche aller Weisen; was nützte das alles dir ohne Gottes Liebe und Gnade? Eitelkeit der Eitelkeiten, und alles Eitelkeit, außer Gott lieben und Ihm allein dienen! Das ist die höchste Weisheit, die Welt verschmähen und nach dem Himmelreich trachten.
4. Eitelkeit ist es also, vergängliche Reichtümer suchen und auf sie seine Hoffnung setzen. Eitelkeit ist's auch, nach Ehrenstellen trachten und sich zu hohem Range empor schwingen. Eitelkeit ist es, den Lüsten des Fleisches folgen, und das begehren, was harte Züchtigung nach sich zieht. Eitelkeit ist's, ein langes Leben wünschen und um ein frommes Leben wenig besorgt sein. Eitelkeit ist's, dem gegenwärtigen Leben allein Aufmerksamkeit widmen und auf das zukünftige nicht Bedacht nehmen. Eitelkeit ist's, das lieben, was mit Blitzesschnelle vorübergeht und dorthin nicht eilen, wo ewige Freude wohnt.
5. Gedenke oft jenes Sprichwortes: “Das Auge siehet sich nimmer satt und das Ohr höret sich nimmer müde.“ (Pred. 1,8) Bestrebe dich darum, dein Herz von der Liebe zum Sichtbaren abzuziehen und dich zum Unsichtbaren zu erheben. Denn die ihrer Sinnlichkeit folgen, beflecken ihr Gewissen und verlieren die Gnade Gottes.