Tagesheiliger, Spruch des Tages





Nachfolge Christi 2020

von Thomas v. Kempen



21.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 21
Von der Zerknirschung des Herzens
1. Wenn du im Guten etwas vorwärts kommen willst, so erhalte dich in der Furcht Gottes und sei nicht allzu frei, halte viel mehr alle deine Sinne unter der Zucht und überlass dich nicht unziemlicher Freude. Gib dich der Zerknirschung des Herzens hin und du wirst Andacht finden. Die Zerknirschung gewährt viel Gutes, das durch Zügellosigkeit schnell wieder verloren geht. Es ist zu verwundern, da der Mensch, der sein Elend und so viele Gefahren seiner Seele betrachtet und erwägt, in diesem Leben jemals recht froh werden kann.
2. Wegen des Leichtsinns des Herzens und der Unachtsamkeit auf unsere Fehler fühlen wir nicht die Schmerzen unserer Seele, sondern lachen oft töricht, wo wir mit Recht weinen sollten. Es gibt keine wahre Freiheit und keine rechte Freude, außer in der Furcht Gottes und einem guten Gewissen. Glücklich ist, wer jede hinderliche Zerstreuung abwerfen und sich sammeln kann zur heiligen Zerknirschung. Glücklich, wer sich von allem lossagt, was sein Gewissen beflecken oder beschweren kann. Kämpfe männlich: Gewohnheit wird durch Gewohnheit besiegt. Wenn du die Leute gehen zu lassen weißt, so werden sie dich wohl auch deine Sache tun lassen.
3. Reiß nicht an dich, was andere angeht und verwickle dich nicht in die Händel der Großen. Habe dein Augenmerk immer zuerst auf dich und ermahne insbesondere dich selbst vor Allen, die dir lieb sind. Wenn du die Gunst der Menschen nicht hast, so betrübe dich nicht darüber; das aber sei dir drückend, dass du nicht so gut und vorsichtig bist, als es sich für einen Diener Gottes und für einen frommen Christen geziemt. Es ist oft nützlicher und sicherer, dass der Mensch in diesem Leben nicht viele Tröstungen habe, besonders dem Fleische nach. Dass wir jedoch die göttlichen Tröstungen nicht haben oder seltener empfinden, ist unsere Schuld, weil wir die Zerknirschung des Herzens nicht suchen und die eiteln und äußerlichen nicht gänzlich von uns werfen.
4. Erkenne, dass du des göttlichen Trostes nicht würdig bist, wohl aber vieler Trübsal. Wenn der Mensch wahrhaft zerknirscht ist, dann ist ihm die ganze Welt lästig und bitter. Der gute Mensch findet hinlänglich Ursache zu trauern und zu weinen; denn er mag sich selbst betrachten oder seinen Nächsten ansehen, so erfährt er, daß hienieden niemand ohne Trübsal lebt. Und je gründlicher er sich selbst betrachtet, um so tiefer ist sein Schmerz. Ursachen gerechten Schmerzes und innerlichster Zerknirschung sind unsere Sünden und Fehler, in denen wir so verstrickt liegen, dass wir selten das Himmlische zu betrachten vermögen.
5. Wenn du häufiger an deinen Tod, als an die Länge deines Lebens dächtest, so würdest du ohne Zweifel ernstlicher an deiner Besserung arbeiten. Nähmest du auch die zukünftigen Strafen der Hölle oder des Fegfeuers zu Herzen, ich glaube, du würdest gern Arbeit und Schmerz ertragen und keine Sorge scheuen. Weil uns aber jene Dinge nicht zu Herzen gehen und wir die Schmeicheleien der Sinne doch lieben, darum bleiben wir kalt und sehr lässig.
6. Oft ist es Geistesschwäche, weshalb sich der elende Leib so leicht beklagt. Darum rufe zum Herrn in Demut, dass er dir gebe den Geist der Zerknirschung und sprich mit dem Propheten:
“Speise mich, o Herr, mit Tränenbrot, und tränke mich mit Tränen in Fülle.“



20.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 20
Von der Liebe und Einsamkeit des Schweigens

1. Suche eine bequeme Zeit, dich mit dir selbst zu beschäftigen und erwäge oftmals die Wohltaten Gottes. Meide, was bloß die Neugier befriedigt. Lies solche Sachen, welche mehr das Herz zerknirschen, als Unterhaltung gewähren. Wenn du dich dem überflüssigen Geschwätze und Umherlaufen müssen, sowie dem Anhören von Neuigkeiten und Gerüchten entziehest, so wirst du hinreichend und schickliche Zeit finden, heilsamen Betrachtungen obzuliegen. Die größten Heiligen mieden, wo sie es konnten, die Gesellschaft der Menschen und zogen es vor, Gott im Verborgenen zu dienen.
2. Es hat jemand (Seneca Brief 7.) gesagt: „So oft ich unter Menschen gewesen bin, war ich beim Heimgehen weniger Mensch.“ Dies erfahren wir öfters, wenn wir lange plaudern. Es ist leichter ganz zu schweigen, als im Reden das rechte Maß zu treffen. Es ist leichter, daheim verborgen zu bleiben, als sich draußen genug in Acht zu nehmen. Wer daher zum Innerlichen und Geistigen gelangen will, der muss sich mit Jesus von dem großen Haufen entfernen. Niemand tritt sicher hervor, als wer gern verborgen lebt. Niemand redet sicher, als wer gerne schweigt. Niemand steht sicher vor, als wer gern untergeben ist. Niemand befiehlt sicher, als wer wohl zu gehorchen gelernt hat.
3. Niemand freuet sich sicher, als wer das Zeugnis eines guten Gewissens in sich hat. Immer jedoch war die Sicherheit der Heiligen voll Gottesfurcht. Und deshalb waren sie nicht minder bekümmert und demütig in sich, ob gleich sie durch große Tugenden und Gnade hervorleuchteten. Die Sicherheit der Gottlosen aber entspringt aus Stolz und Vermessenheit und verkehrt sich am Ende in Selbstbetrug. Versprich dir niemals Sicherheit in diesem Leben, wenn du auch ein guter Ordensmann oder frommer Einsiedler zu sein scheinst.
4. Oft sind gerade die, nach dem Urteile der Menschen, Besseren wegen ihres allzu großen Selbstvertrauens in desto größere Gefahr geraten. Daher ist es vielen heilsamer, daß sie der Versuchungen nicht ganz ermangeln, sondern öfters angefochten werden, damit sie nicht allzu sicher seien, damit sie sich nicht etwa in Stolz erheben, noch auch zu äußern Tröstungen sich allzu frei hinneigen. O, wer niemals vergängliche Freude suchte; wer niemals mit der Welt sich einließe: welch ein gutes Gewissen würde der bewahren! O, wer alle eitle Sorge verbannte und nur an heilsame und göttliche Dinge dächte und seine ganze Hoffnung auf Gott setzte: welche Fülle des Friedens und der Ruhe würde der besitzen!
5. Niemand ist himmlischen Trostes würdig, als wer sich fleißig geübt hat in heiliger Zerknirschung. Wenn du bis ins innerste Herz zerknirscht werden willst, so geh' in dein Kämmerlein und verschließ es dem Geräusche der Welt, wie geschrieben steht: “In euren Kammern sollt ihr zerknirscht werden.“ In deiner Kammer wirst du finden, was du draußen oft verlierst. In deiner Klause bleiben, macht je länger, je mehr Vergnügen; je weniger, je mehr Unlust. Wenn du dich gleich beim Anfang deiner Bekehrung an sie gewöhnst, so wird sie dir später eine geliebte Freundin und der angenehmste Trost sein.
6. Bei Stillschweigen und Ruhe kommt eine andächtige Seele vorwärts und lernt die Geheimnisse der Schrift. Da findet sie Tränenbäche, in denen sie jede Nacht wäscht und reinigt, daß sie mit ihrem Schöpfer um so vertrauter werde, je entfernter sie von allem Geräusche der Welt lebt. Wer sich also von Bekannten und Freunden abzieht, dem wird Gott mit den heiligen Engeln sich nähern. Es ist besser verborgen zu sein und für sich zu sorgen, als mit Vernachlässigung seiner selbst Wunder zu tun. Es ist löblich für einen Ordensmann, selten auszugehen, sich nicht gern sehen zu lassen, noch andere Menschen sehen zu wollen.
7. Warum willst du sehen, was dir nicht erlaubt ist, zu haben? “Die Welt vergeht mit ihrer Lust.“. (1. Joh. 22,12.) Die Gelüste der Sinnlichkeit ziehen dich zum Ausgehen; aber wenn die Stunde vorüber ist: was wirst du zurückbringen, als ein beschwertes Gewissen und ein zerstreutes Herz? Ein fröhlicher Ausgang bringt oft eine traurige Heimkehr, ein fröhlicher Abend oft einen traurigen Morgen. So geht jede sinnliche Freude schmeichelnd ein, aber am Ende nagt und tötet sie. Was kannst du anderwärts sehen, das du daheim nicht siehest? Himmel und Erde und alle Elemente sind vor dir, und daraus ist alles gemacht.
8. Was kannst du irgendwo sehen, das unter der Sonne lange bestehen kann? Du glaubst vielleicht gesättigt zu werden, du wirst aber deine Absicht nicht erreichen. Wenn du auch alle Dinge auf Erden sähest; was wäre es anders als ein eitles Gesicht? Hebe deine Augen zu Gott in der Höhe, und bete für deine Sünden und Vernachlässigungen! Lass das Eitle den Eiteln; du aber richte dein Augenmerk auf das, was Gott dir geboten hat. Schließe hinter dir deine Türe zu und rufe Jesum, deinen Geliebten, zu dir. Bleibe mit ihm in deinem Kämmerlein, denn nirgends wirst du solchen Frieden finden. Wärst du nicht ausgegangen und hättest du keines von den Gerüchten gehört: so wärest du besser in gutem Frieden geblieben. Seitdem es dich freut, zuweilen Neuigkeiten zu hören, seitdem hast du auch Herzensunruhe zu leiden.



19.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 19
Von den Übungen eines guten Ordensmannes

1. Das Leben eines wahren Ordensmannes muss mit allen Tugenden geschmückt sein, dass er innerlich ganz so sei, wie er äußerlich den Menschen scheint. Ja, willig muss er innerlich noch weit mehr sein, als was man äußerlich an ihm wahrnimmt; weil Gott uns durchschaut, den wir, wo wir auch sein mögen, auf's Höchste verehren und vor dessen Angesicht wir rein, wie die Engel, einherwandeln sollen. Jeden Tag müssen wir unsern Vorsatz erneuern und uns zu innigem Eifer erwecken, als wenn wir erst heute zur Bekehrung gelangt wären und sprechen: Stehe mir bei, Herr, mein Gott, in meinem guten Vorsatz und in deinem heiligen Dienste und verleihe mir, heute einmal recht anzufangen, weil das, was ich bisher getan, nichts ist.
2. Wie unser Vorsatz, so ist auch der Gang unserer Besserung, und wer im Guten zunehmen will, hat viel Fleiß anzuwenden. Wenn selbst der oft unterliegt, dessen Vorsatz fest ist, wie wird es erst jenem ergehen, der selten oder weniger fest seinen Vorsatz erneuert? Auf verschiedene Weise aber geschieht die Übertretung unseres Vorsatzes und eine leichte Unterlassung unserer Übungen geht kaum ohne einigen Schaden vorüber. Der Gerechten Vorsatz ist mehr an die Gnade Gottes, als an eigene Weisheit gebunden, auf welchen sie auch, was sie immer vornehmen mögen, stets ihr Vertrauen setzen. Denn der Mensch denkt, Gott aber lenkt, und Sein Weg ist nicht in des Menschen Gewalt.
3. Wenn aus frommer Absicht oder um den Nächsten nützlich zu werden, einmal die gewohnte Übung unterlassen wird, so kann dies später leicht wieder eingebracht werden; wenn dieselbe aber aus innerlichem Überdruss oder aus Nachlässigkeit leichtfertig aufgegeben wird, so ist es sehr strafbar und man wird den Schaden bald fühlen. Mögen wir aber auch tun, was in unsern Kräften steht, wir werden dessen ungeachtet noch in vielen Stücken fehlen. Doch müssen wir uns immer etwas Bestimmtes vorsetzen und vornehmlich gegen das, was uns am meisten hinderlich ist. Unser Äußeres und Inneres müssen wir mit gleicher Sorgfalt prüfen und ordnen, weil Beides das Fortschreiten im Guten befördert.
4. Wenn du dich auch nicht anhaltend zu sammeln vermagst, so tu' es wenigstens zuweilen, und mindestens zweimal des Tages, nämlich morgens und abends. Am Morgen fasse einen Vorsatz; abends prüfe dein Betragen, wie du den Tag über gewesen in Worten, Werken und Gedanken; denn damit hast du vielleicht öfters Gott und den Nächsten beleidigt. Waffne dich, wie ein Mann, gegen die Nachstellungen des Satans; bezähme den Gaumen und du wirst jegliche Reizung des Fleisches leichter zügeln. Sei niemals ganz müßig, sondern lies oder schreib oder bete oder betrachte oder arbeite etwas zum allgemeinen Nutzen. Körperliche Übungen müssen jedoch mit Vorsicht und nicht von allen auf gleiche Weise vorgenommen werden.
5. Was nicht gemeinsam ist, soll man nicht öffentlich verrichten; denn das Eigene wird sicherer im Geheimen abgetan. Hüte dich jedoch, daß du nicht träge seiest zu dem Allgemeinen und bereitwilliger zu dem Eigenen; sondern nur dann, wenn du deine Schuldigkeit und Obliegenheit ganz und treu erfüllt hast, und wenn dir darüber hinaus noch freie Zeit bleibt, überlasse dich dir selbst, wie es deine Andacht verlangt. Es können nicht alle ein' und dieselbe Übung haben, sondern die eine ist diesem, die andere jenem mehr zugänglich. Eben so treibe man nach den Verhältnissen der Zeit verschiedene Übungen; denn einige taugen mehr an Festen, andere mehr an Werktagen. Anderer bedürfen wir zur Zeit der Versuchung, wieder anderer in den Tagen des Friedens und der Ruhe. An manches denken wir lieber, wenn wir traurig und wieder an manches, wenn wir in dem Herrn fröhlich sind.
6. Während der hohen Feste sollen wir gute Übungen erneuern, und die Heiligen inbrünstiger um ihre Fürbitte anrufen. Von einem Feste zum andern müssen wir uns mit dem Gedanken beschäftigen, als ob wir dann aus dieser Welt wandern und zu dem ewigen Feste gelangen würden. Deswegen müssen wir uns auf diese gottgeweihten Tage mit aller Sorgfalt vorbereiten und dieselben andächtiger zubringen und jede Vorschrift desto strenger beobachten, als wenn wir in Kurzem den Lohn unserer Arbeit von Gott empfangen würden.
7. Und wenn die Zeit unseres Hingangs noch verschoben wird, so wollen wir glauben, daß wir noch nicht genug vorbereitet und noch nicht würdig genug seien, so großer Herrlichkeit, die Seiner Zeit an uns soll geoffenbaret werden und bemüht sein, uns besser auf den Ausgang vorzubereiten. “Selig ist der Knecht,“ sagt Jesus beim Lukas (Kap. 12, 43,44), “welchen der Herr, wenn er kommt, wachend findet! Wahrlich, ich sage euch, Er wird ihn über alle Seine Güter setzen.“



18.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 18
Von den Beispielen der heiligen Väter

1. Schaue die lebendigen Beispiele der heiligen Väter an, in denen die wahre Vollkommenheit und Frömmigkeit hervorglänzte, und du wirst sehen, wie gering ist und fast nichts, was wir tun. Ach, was ist unser Leben, wenn es mit jenen verglichen wird! Die Heiligen und Freunde Christi haben dem Herrn gedient in Hunger und Durst, in Frost und Blöße, in Mühe und Arbeit, in Wachen und Fasten, in Gebet und heiligen Betrachtungen, in vielen Verfolgungen und allerlei Schmach. O wie viele und schwere Trübsale haben die Apostel, die Jungfrauen erduldet und alle die andern, die Christi Fußtapfen nachwandeln wollten! Denn sie hassten ihre Seele in dieser Welt, damit sie dieselben für das ewige Leben besitzen möchten. O welch' ein strenges Leben voller Entsagungen führten die heiligen Väter in Einöden! Wie lange und schwere Versuchungen ertrugen sie! Wie vielfältig wurden sie von Feinden geplagt! Wie häufige und inbrünstige Gebete brachten sie Gott dar! Wie strenge Entsagungen übten sie! Welchen großen Eifer und welche Inbrunst bewahrten sie für ihr geistliches Wachstum! Welch' tapferen Kampf zur Bändigung der Laster bestanden sie! Wie rein und gerade war die Richtung ihres Herzens zu Gott! Den Tag über arbeiteten sie und die Nächte brachten sie in anhaltendem Gebete zu, wiewohl sie auch während der Arbeit vom innerlichen Gebete keineswegs abließen.
2. All' ihre Zeit wendeten sie nützlich an; jede Stunde, die sie dem Dienste Gottes widmeten, schien ihnen kurz. Und vor großem Wohlgefallen am beschaulichen Leben vergaßen sie sogar das Bedürfnis leiblicher Erquickung. Sie entsagten allen Reichtümern, Würden und Ehren, Freunden und Verwandten; wollten nichts von der Welt haben; genossen kaum die Notdurft des Lebens und bedauerten, dem Körper auch nur aus Bedürfnis dienen zu müssen. So waren sie arm an irdischen Gütern, aber reich an Gnade und Tugenden. Äußerlich darbten sie, innerlich aber wurden sie durch Gnade und göttlichen Trost erquickt.
3. Der Welt waren sie entfremdet, aber Gott die nächsten und vertrautesten Freunde. Sich selbst schienen sie gleichsam nichts und dieser Welt verächtlich; aber in den Augen Gottes waren sie köstlich und geliebt. Sie hielten sich in wahrer Demut, lebten in einfältigem Gehorsam, wandelten in Liebe und Geduld und darum nahmen sie täglich im Geiste zu und fanden große Gnade bei Gott. Zum Vorbild sind sie gegeben allen Frommen und sie sollen uns mächtiger zum Eifer im Guten antreiben, als die Zahl der Launen uns zur Trägheit verführen.
4. O wie groß war der Eifer aller Ordensleute im Anfange ihrer heiligen Stiftung! O welche Andacht im Gebete! Welcher Wetteifer in der Tugend! Wie strenge die Zucht! Welche Ehrfurcht und welchen Gehorsam bewiesen alle gegen die Anordnungen des Meisters! Zeugnis legen noch jetzt ihre hinterlassenen Fußtapfen ab, daß es wahrhaft heilige und vollkommene Männer waren, die, so ritterlich kämpfend, die Welt überwanden. Jetzt wird einer schon für groß gehalten, wenn er den Buchstaben des Gesetzes nicht übertritt; wenn er das Widrige, was ihm auferlegt ist, mit Geduld zu ertragen vermag.
5. O der Lauheit und Nachlässigkeit in unserem Berufe, daß wir so schnell ablassen von dem alten Eifer und dass uns das Leben selbst vor Erschlaffung und Lauheit fast zum Ekel wird. Dass doch der Eifer fortzuschreiten nicht gänzlich in dir schlummern möchte, der du so viele Beispiele gottseliger Menschen vor Augen hast!



17.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 17
Von dem klösterlichen Leben

1. Du musst dich selbst in viele Stücke brechen lernen, wenn du mit andern in Frieden und Eintracht bleiben willst. Es ist nichts Geringes, in Klöstern oder in einer Genossenschaft zu leben und darin ohne Klage zu verweilen und bis zum Tode treulich auszuharren. Selig, wer darin gut gelebt und glücklich vollendet hat! Wenn du gebührend feststehen und fortschreiten willst, so musst du dich für einen Pilger und Fremdling auf Erden halten. Du musst ein Tor werden um Christi willen, wenn du ein gottseliges Leben führen willst.
2. Das Ordenskleid und der geschorne Kopf trägt wenig bei; aber die Änderung des Wandels und die vollständige Ertötung der Leidenschaften machen den wahren Ordensmann. Wer etwas anderes sucht als Gott allein und seiner Seele Heil, der wird nichts finden, als Anfechtung und Schmerz. Auch kann nicht lange in Frieden stehen, wer nicht bemüht ist, der Geringste zu sein und allen untertan.
3. Zum Dienen bist du gekommen, nicht zum Herrschen; zum Dulden und Arbeiten bist du berufen, nicht zum Müssiggehen oder Schwatzen. Hier also werden die Menschen geprüft, wie das Gold im Feuerofen. Hier kann niemand bestehen, wenn er sich nicht von ganzem Herzen um Gottes willen demütigen will.



16.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 16
Vom Ertragen fremder Fehler

1. Was der Mensch an sich oder an andern nicht zu bessern vermag, das muss er geduldig ertragen, bis Gott es anders ordnet. Bedenke, dass es so vielleicht zuträglicher ist zu deiner Prüfung und zur Übung in der Geduld, ohne welche unsere Verdienste nicht hoch anzuschlagen sind. Aber in Bezug auf solche Hindernisse musst du bitten, dass Gott dir mit Seiner Gnade zu Hülfe kommen wolle, und dass du sie mit Geduld ertragen mögest.
2. Wenn Einer, einmal oder zweimal erinnert, sich nicht zufrieden gibt, so streite nicht mit ihm, sondern stelle es gänzlich Gott anheim, damit Sein Wille geschehe und Seine Ehre in allen Seinen Dienern befördert werde; denn Er weiß wohl, Böses in Gutes zu kehren. Bemühe dich, die mancherlei Fehler und Gebrechen anderer mit Geduld zu ertragen, weil auch du vieles hast, was von andern ertragen werden muß. Wenn du dich selbst nicht so machen kannst, wie du dich gern haben möchtest: wie wirst du einen andern nach deinem Wohlgefallen haben können? Wir haben gern andere vollkommen, und verbessern doch die eigenen Mängel nicht.
3. Wir wollen, dass andere streng zurechtgewiesen werden, und wir selbst wollen uns nicht zurechtweisen lassen. Es missfällt uns die große Ungebundenheit anderer, und doch wollen wir nicht, dass man uns etwas versage, was wir verlangen. Wir wollen andere durch Gesetze beschränkt wissen, und wir selbst lassen uns auf keine Weise mehr einschränken. So ist denn offenbar, wie selten wir den Nächsten, wie uns selbst, würdigen. Wenn alle vollkommen wären, was hätten wir dann von andern um Gottes willen zu leiden?
4. Nun aber hat es Gott so geordnet, daß wir lernen sollen, “Einer des andern Lasten zu tragen“ (Gal 6,2); weil keiner ohne Fehler, keiner ohne Last, keiner mit sich zufrieden, keiner für sich weise genug ist; sondern wir müssen uns gegenseitig ertragen, gegenseitig trösten, gegenseitig helfen, belehren und ermahnen. Wie weit es aber einer in der Tugend gebracht habe, zeigt sich am deutlichsten zur Zeit der Trübsal. Denn die Gelegenheiten machen den Menschen nicht gebrechlich, sondern bringen nur an den Tag, welcher Art er sei.



15.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 15
Von den Werken aus Liebe

1. Um nichts in der Welt und um keines Menschen Liebe willen darf man etwas Böses tun; aber zum Wohl eines Bedürftigen mag doch zuweilen ein gutes Werk freiwillig unterlassen oder auch für ein besseres vertauscht werden. Denn auf diese Weise wird das gute Werk nicht zerstört, sondern in ein besseres verwandelt. Ohne Liebe nützt ein äußeres Werk nichts; was aber aus Liebe geschieht, wie geringfügig und unscheinbar es auch sein mag, das wird durch und durch fruchtbar. Denn Gott erwägt mehr, aus wie großer Liebe jemand handle, als wie Großes er tue.
2. Viel tut, wer viel liebt. Viel tut, wer eine Sache recht tut. Recht tut, wer dem allgemeinen Besten mehr dient, als dem eigenen Willen. Oft scheint etwas Liebe zu sein und ist bloß Fleischeslust, weil natürliche Neigung, Eigenwille, Hoffnung auf Vergeltung, Hang zur Gemächlichkeit selten fern sind.
3. Wer die wahre und vollkommene Liebe hat, der sucht in keiner Weise sich selbst, sondern begehrt allein, dass Gottes Ehre in Allem befördert werde. Auch beneidet er niemanden, weil er keine Freude für sich haben will; nicht in sich selbst will er sich erfreuen, sondern wünscht über alle Güter hinaus in Gott beseligt zu werden. Niemandem schreibt er etwas Gutes zu, sondern führt es ganz auf Gott zurück, von Dem alles ursprünglich ausgeht, in Dem endlich alle Heiligen selige Ruhe haben. O wer nur einen Funken der wahren Liebe hätte, der würde fürwahr empfinden, dass alles Irdische voll Eitelkeit ist.



14.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 14
Von Vermeidung voreiliger Urteile

1. Kehre deine Augen auf dich selbst, und hüte dich, anderer Handlungen zu richten. In der Beurteilung anderer müht sich der Mensch vergebens, irrt oft und fällt leicht in eine Sünde; im Richten und Erforschen seiner selbst aber arbeitet er immer mit Erfolg. Wie uns eine Sache am Herzen liegt, so urteilen wir häufig darüber; aber das richtige Urteil verlieren wir leicht wegen der Eigenliebe. Wenn Gott allezeit das reine Ziel unsers Verlangens wäre, so würden wir beim Widerstreben unsers Sinnes nicht so leicht beunruhigt werden.
2. Aber oft verbirgt sich etwas im Innern oder kommt auch von außen dazu, was uns auf gleiche Weise fortzieht. Viele suchen bei allem, was sie tun, heimlich nur sich selbst, und wissen es nicht. Sie scheinen auch Frieden zu haben, so lange alles nach ihrem Sinne und Willen geht; kommt es aber anders, als sie wünschen, so werden sie augenblicklich erschüttert und traurig. Wegen Verschiedenheit der Ansichten und Meinungen entstehen häufig genug Uneinigkeiten unter Freunden und Mitbürgern, unter Geistlichen und Frommen.
3. Eine alte Gewohnheit legt man schwer ab, und niemand lässt sich gerne über seinen Gesichtskreis hinausführen. Wenn du dich mehr auf deine Vernunft und Geschicklichkeit verlässt, als auf die Kraft, die Jesu Christo sich unterwirft, so wirst du selten und spät ein erleuchteter Mensch werden; denn Gott will, dass wir uns Ihm vollkommen unterwerfen und über alle Vernunft durch feurige Liebe hinaus gehen.



13.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 13
Vom Widerstande gegen Versuchungen

1. So lange wir in dieser Welt leben, können wir nicht ohne Anfechtung und Versuchung sein. Daher ist auch im Buch Hiob geschrieben: “Streit ist des Menschen Leben auf Erden.“ (7,1.) Darum sollte ein Jeglicher sorgsam sein bei seinen Versuchungen und wachen im Gebete, damit der Teufel nicht Raum finde zur Verführung, denn er schläft nimmer, sondern geht umher und suchet, welchen er verschlinge. Niemand ist so vollkommen und heilig, dass er nicht vonZeit zu Zeit Versuchungen haben sollte; und wir können derselben nicht gänzlich entbehren.
2. Demnach sind die Versuchungen dem Menschen, wie lästig und beschwerlich sie sein mögen, von großem Nutzen, weil er durch dieselben gedemütigt, geläutert und belehrt wird. Alle Heiligen sind durch viele Versuchungen und Anfechtungen hindurch gegangen und haben im Guten zugenommen. Diejenigen aber, welche die Versuchungen nicht zu ertragen vermochten, sind abgefallen und verworfen worden. Es ist kein Stand so heilig, kein Ort so verborgen, wo nicht Versuchungen und Widerwärtigkeiten zu finden wären.
3. So lange der Mensch lebt, ist er nie ganz sicher vor Versuchungen, weil in uns ist, wodurch wir versucht werden, seit wir in Lüsten geboren sind. Ist eine Versuchung oder Anfechtung vorüber, so kommt alsbald eine andere, und wir müssen immer etwas zu leiden haben, denn wir haben das Gut unsrer Seligkeit verloren. Viele suchen den Versuchungen auszuweichen, und fallen desto schwerer in dieselben. Durch Flucht allein können wir nicht überwinden; aber durch Geduld und wahre Demut werden wir stärker als alle Feinde.
4. Wer nur äußerlich den Versuchungen ausweicht und die Wurzel nicht ausreißt, der wird wenig ausrichten; ja die Versuchungen werden nur desto schneller wiederkehren, und er wird es um so ärger empfinden. Allmählich und durch Geduld und Langmut wirst du mit Gottes Hilfe besser siegen als mit Hartnäckigkeit und eigenem Ungestüm. Nimm oft Rat an zur Zeit der Versuchung und gegen einen, der versucht ist, sei nicht hart, sondern sprich ihm Trost zu, wie du wünschest, dass dir geschehe.
5. Der Anfang aller bösen Versuchungen ist die Wankelmütigkeit des Gemüts und das geringe Vertrauen auf Gott. Denn wie ein Schiff ohne Steuerruder von den Wellen hin und her getrieben wird; so wird ein fahrlässiger Mann, der seinem Vorsatze nicht getreu bleibt, mannigfach angefochten. Feuer bewährt das Eisen und Versuchung den Gerechten. Wir wissen oft nicht, was wir vermögen; aber die Versuchung macht offenbar, was wir sind. Doch müssen wir, besonders im Anfange der Versuchung, wachsam sein; weil dann der Feind leichter überwunden wird, wenn man ihn auf keine Weise zur Pforte des Gemüts eingehen lässt, sondern ihm, so bald er anklopft, vor der Schwelle entgegen tritt. Deshalb hat ein alter Dichter gesagt: Komme zuvor alsbald, zu spät wird’s Mittel bereitet, hat durch Zögerung schon Stärke das Übel erlangt. Denn zuerst kommt dem Gemüt ein einfacher Gedanke entgegen, dann die mächtige Einbildung, hernach die Lust und die böse Begierde und endlich die Einwilligung. Also dringt nach und nach der böse Feind gänzlich ein, wenn ihm nicht sogleich im Anfange Widerstand geleistet wird. Und je länger einer ihm zu widerstehen zögert, desto schwächer wird er täglich in sich und der Feind um so mächtiger wider ihn.
6. Einige leiden im Anfang ihrer Bekehrung schwerere Anfechtungen, andere aber am Ende, noch andere werden fast ihr ganzes Leben lang geplagt. Manche werden nur leicht versucht, ganz nach der Weisheit und Gerechtigkeit göttlichen Ratschlusses, der des Menschen Zustand und Vermögen wohl erwägt und zum Heil seiner Auserwählten alles vorher bestimmt hat.
7. Darum dürfen wir, wenn wir verlassen werden, den Mut nicht sinken lassen, sondern müssen desto inbrünstiger zu Gott beten, dass Er uns in aller Versuchung Beistand leisten wolle, der gewisslich, nach dem Ausspruche Pauli (1 Kor 10,13), die Versuchung ein solches Ende gewinnen lässt, dass wir es können ertragen. So wollen wir denn demütigen unsere Herzen unter die Hand Gottes in jeder Versuchung und Anfechtung, weil er retten und erhöhen wird, die demütigen Geistes sind.
8. In Versuchungen und Trübsalen wird der Mensch bewährt, wie weit er im Guten fortgeschritten ist; und darin besteht ein größeres Verdienst, und die Tugend wird mehr offenbar. Das ist nichts Großes, wenn der Mensch andächtig und inbrünstig ist, so lange er keine Beschwerde fühlt; wenn er aber zur Zeit der Trübsal geduldig ausharrt, dann lässt sich guter Fortschritt hoffen. Einige bleiben vor großen Versuchungen bewahrt, und in den kleinen täglichen unterliegen sie oft, damit sie, gedemütiget, bei großen kein Vertrauen auf sich selbst haben, die in so geringen schwach sind.



12.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 12
Vom Nutzen der Trübsal

1. Es ist uns gut, dass wir zuweilen einige Beschwerden und Widerwärtigkeiten haben, denn sie rufen den Menschen oft in sein Herz zurück, damit er erkenne, wie er hier ein Fremdling sei und seine Hoffnung nicht auf irgend etwas in der Welt setze. Es ist gut, dass wir bisweilen Widersprüche ertragen müssen, und dass man Böses und Arges von uns denkt, auch wenn wir Gutes tun und beabsichtigen. Das führt uns oft zur Demut und bewahrt vor eitlem Ehrgeiz. Denn dann suchen wir um so eifriger Gott, den inneren Zeugen, wenn wir äußerlich gering geachtet werden von den Menschen und man uns nichts Gutes zutraut.
2. Darum sollte der Mensch sich so ganz und fest auf Gott gründen, dass er nicht nötig hätte, oft bei den Menschen Trost zu suchen. Wird ein Mensch, dessen Wille gut ist, angefochten oder verflucht, oder von bösen Gedanken geplagt; dann merkt er, wie notwendig ihm Gott sei, und fühlt es, dass er ohne Ihn nichts Gutes vermöge. Dann wird er traurig, seufzet und betet des Elendes wegen, das er leidet. Dann ekelt es ihm, länger zu leben, und er wünscht, dass der Tod komme, damit er aufgelöst werde und bei Christo sein könne. Dann erfährt er auch wohl, dass vollkommene Sicherheit und voller Friede in dieser Welt nicht bestehen können.


11.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 11
Von Erringung des Friedens und dem Eifer in der Besserung

1. Wir könnten viel Frieden haben, wenn wir uns nicht so viel mit anderer Worten und Werken, die uns gar nichts angehen, beschäftigen wollten. Wie mag der lange in Frieden bleiben, der sich in fremde Dinge mischt, der äußerliche Zerstreuung sucht und sich wenig oder selten erinnerlich sammelt? Selig sind die Einfältigen, denn sie werden vielen Frieden haben.
2. Warum sind einige der Heiligen so vollkommen und beschaulich gewesen? Weil sie sich eifrig bemühten, allen irdischen Begierden abzusterben und deshalb konnten sie mit dem Innersten ihres Herzens Gott anhangen und ungehindert sich leben. Wir werden allzu sehr von unsern Leidenschaften in Anspruch genommen, und bekümmern uns zu viel um vergängliche Dinge. Selten überwinden wir auch nur ein Laster völlig und werden nicht zum täglichen Fortschreiten entflammt; daher bleiben wir kalt und lau.
3. Wenn wir uns selbst vollkommen abgestorben und innerlich nicht so sehr verstrickt wären; dann könnten wir auch an den göttlichen Dingen Geschmack finden und von der Anschauung des Himmlischen etwas erfahren. Das größte und einzige Hindernis ist, dass wir von den Leidenschaften und Begierden nicht frei sind, und uns keine Mühe geben, den vollkommenen Weg der Heiligen zu betreten. Wenn uns auch nur eine geringe Widerwärtigkeit begegnet, verlieren wir sogleich den Mut und suchen Trost bei Menschen.
4. Wären wir bemüht, wie tapfere Männer zu stehen im Streite; wahrlich! Wir würden die Hilfe des Herrn über uns vom Himmel her sehen. Denn Er selbst ist bereit, denen zu helfen, die da streiten und auf Seine Gnade hoffen, wie Er uns Gelegenheit gibt zum Kampfe, auf dass wir überwinden. Wenn wir nur in jene äußerlichen Übungen unsern Fortschritt in der Gottseligkeit setzen, so wird unsere Andacht bald ein Ende haben. Aber lasst uns die Axt an die Wurzel legen, dass wir, von Leidenschaften gereinigt, ein friedliches Gemüt erlangen.
5. Wenn wir in jedem Jahre ein einziges Laster vollkommen ausrotteten, so würden wir bald vollkommen werden. Nun aber merken wir oft im Gegenteil, dass wir besser und reiner erfunden wurden im Anfang unserer Bekehrung, als nach vielen Jahren der Übung. Unser Eifer und unsere Besserung sollte täglich sich mehren; nun aber wird es schon für etwas Großes angesehen, wenn einer nur einen Funken des ersten Eifers zu bewahren vermag. Wenn wir uns im Anfange nur ein wenig Gewalt antäten, so würden wir nachher alles mit Leichtigkeit und Freude vollbringen können.
6. Schwer ist's, alle Gewohnheiten abzulegen; aber noch schwerer, gegen seinen eigenen Willen anzugehen. Wenn du aber das Kleine und Leichte nicht überwindest, wie wirst du das Schwere bewältigen? Widerstehe deiner Neigung gleich im Anfange, und entwöhne dich der bösen Gewohnheit, damit sie dir nicht allmählich zu schwer werde. O wenn du bedächtest, welchen Frieden du dir selbst und welche Freude du andern bereitetest durch dein Wohlverhalten; gewiss, du würdest besorgter sein um dein geistliches Wachstum.



10.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 10
Von Vermeidung überflüssigen Geredes

1. Hüte dich, so viel du kannst, vor dem Gewühl der Menschen; denn sich mit weltlichen Händeln befassen, ist sehr hinderlich, ob sie dir auch schon in redlicher Absicht vorgetragen werden. Denn wir werden flugs durch Eitelkeit befleckt und gefangen. Ich wollte, dass ich mehr geschwiegen hätte und nicht unter Menschen gewesen wäre. Warum aber reden wir so gern und plaudern miteinander, da wir doch selten ohne Gewissensverletzung zum Stillschweigen zurückkehren? Darum reden wir so gern miteinander, weil wir in der Unterredung gegenseitig Trost suchen und das von widerstreitenden Gefühlen bewegte Herz gern beschwichtigen wollen. Und so gerne sprechen und denken wir über Dinge, welche wir innig lieben oder begehren, oder die uns widerwärtig sind.
2. Aber leider! Oft vergeblich und fruchtlos. Denn dieser äußerliche Trost tut der inneren und göttlichen Tröstung nicht geringen Abbruch. Darum müssen wir wachen und beten, dass uns die Zeit nicht unbenützt entfliehe. Wenn es erlaubt und nützlich ist, zu reden: so rede, was erbaulich ist. Üble Gewohnheit und Gleichgültigkeit gegen unser geistiges Fortschreiten sind die Hauptursachen, dass wir unsere Zunge so schlecht bewachen. Doch trägt eine andächtige Unterredung über geistliche Dinge viel zu unserer geistlichen Veredlung bei, vorzüglich, wenn Solche sich zusammen gesellen, die Eines Sinnes und Geistes in Gott sind.



09.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 9
Vom Gehorsam und Unterwürfigkeit

1. Es ist eine schwere Aufgabe, im Gehorsam zu stehen, unter einem Vorgesetzten zu leben, und nicht sein eigener Herr zu sein. Viel sicherer ist es, zu gehorchen als zu gebieten. Viele sind unter dem Gehorsam mehr aus Notwendigkeit, als aus Liebe und solche haben Plage und murren leicht; sie erlangen die Freiheit des Gemüts erst dann, wenn sie sich von ganzem Herzen um Gottes willen unterwerfen. Wo du immer hingehen magst, du wirst nicht eher Ruhe finden, als bis du dich der Leitung der Obrigkeit unterworfen hast. Die Einbildung, als sei es anderswo besser wie die Veränderung des Wohnorts selbst, hat schon viele schrecklich getäuscht.
2. Es ist wahr, dass jeder gern nach seinem Sinne handelt, und sich mehr zu denen hingezogen fühlt, die ihm gleichgesinnt sind. Wenn aber Gott unter uns ist, so müssen wir um des lieben Friedens willen auch zuweilen unsre eigene Meinung zum Opfer bringen. Wer ist so weise, dass er alles vollkommen wissen kann? Darum vertraue nicht zu viel deiner Einsicht, sondern höre auch gern anderer Leute Meinung. Wenn deine Ansicht richtig ist, und du sie doch aufgibst um Gottes willen, und folgst einem andern, so wirst du mehr Gewinn davon haben.
3. Denn ich habe oft gehört, es sei sicherer, Rat zu hören und anzunehmen, als zu geben. Es kann sich auch ereignen, dass eines jeden Meinung gut sei; aber andern nicht nachgeben wollen, wenn Vernunft und Sache es fordern, ist ein sicheres Merkmal von Stolz und Hartnäckigkeit.



08.01.2020
Erstes Buch
Kapitel 8
Warnung vor allzu großer Vertraulichkeit

1. “Offenbare dein Herz nicht jedermann,“ (Sir. 8,29.) sondern mit einem Weisen und Gottesfürchtigen verhandle deine Sache. Mit jungen flatterhaften Leuten und solchen, die du nicht genau kennst, geh' selten um. Schmeichle nicht den Reichen, und erscheine nicht gern vor den Großen. Geselle dich zu den Demütigen und Einfältigen, zu den Andächtigen und Sittsamen, und rede mit ihnen, was zu Erbauung dient. Meide allen vertraulichen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, empfiehl aber im Allgemeinen alle frommen Weiber Gott. Nur mit Gott und seinen Engeln wünsche vertraut zu sein und meide die Bekanntschaft mit vielen Menschen.
2. Liebe soll man gegen alle haben, aber Vertraulichkeit taugt nicht. Zuweilen geschieht es, dass ein Unbekannter, aus der Ferne betrachtet, ein Licht ist; betrachtet man ihn aber in der Nähe, so ist sein Glanz dahin. Wir meinen mitunter, andern bei näherer Verbindung zu gefallen, und fangen vielmehr an, ihnen zu missfallen durch das ungesittete Betragen, das sie an uns wahrnehmen.



07.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 7
Von Vermeidung eitler Hoffnung und Aufgeblasenheit.

1. Töricht ist, wer seine Hoffnung auf Menschen oder auf Kreaturen setzt. Schäme dich nicht, aus Liebe zu Jesu Christo Andern zu dienen und in dieser Welt für arm angesehen zu werden. Traue nicht auf dich selbst, sondern gründe deine Hoffnung auf Gott. Tue, was du vermagst und Gott wird deinem guten Willen zu Hülfe kommen. Verlass dich nicht auf deine Einsicht oder auf die Verschlagenheit irgend eines Sterblichen, sondern vielmehr auf die Gnade Gottes, die den Demütigen aufhilft und die Hoffärtigen erniedriget.
2. Rühme dich nicht deiner Reichtümer, noch mächtiger Freunde, sondern Gottes, der Alles gibt, und Sich Selbst überdies dir geben will. Brüste dich nicht wegen der Größe oder Schönheit deines Leibes, welche durch eine geringe Krankheit zerstört und verunstaltet werden kann. Habe dein Wohlgefallen nicht an deiner Geschicklichkeit oder an deinen Geistesgaben, damit du Gott nicht missfallest, dessen alles ist, was du Gutes von Natur haben magst.
3. Halte dich nicht für besser als Andere, damit du nicht vielleicht vor Gott für schlechter gehalten werdest, welcher weiß, was in dem Menschen ist. Prahle nicht mit deinen guten Werken, denn Gottes Urteile sind anders als die der Menschen; Ih1m missfällt oft, was den Menschen gefällt. Wenn du wirklich etwas Gutes haben solltest, so glaube von Anderen noch Besseres, damit du die Demut bewahrest. Es schadet nichts, wenn du Allen dich nachsetzest; aber es schadet viel, wenn du dich auch nur einem Einzigen vorziehest. Beständiger Friede ist mit den Demütigen; im Herzen des Hochmütigen aber ist Eifersucht und häufiger Unmut.



06.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 6
Von den unordentlichen Neigungen

1. Soft der Mensch etwas auf unordentliche Weise verlangt, wird er sogleich in sich unruhig.
Der Stolze und der Geizige haben nimmer Ruhe, der Arme und im Geist Demütige lebt in der Fülle des Friedens. Ein Mensch, der noch nicht vollkommen sich selbst abgestorben ist, wird schnell versucht und von kleinen und armseligen Dingen überwunden. Wer schwach im Geiste und in gewissem Sinne fleischlich und zum Sinnlichen geneigt ist, kann sich schwer von den irdischen Begierden gänzlich losmachen. Und deshalb hat er oft Traurigkeit, wenn er sich etwas versagt; auch wird er leicht unwillig, wenn ihm Jemand widersteht.
2. Wenn er aber erlangt hat, was er begehrte, so drückt ihn alsbald der Vorwurf seines Gewissens, weil er seiner Leidenschaft gefolgt ist, die ihm den Frieden nicht gibt, den er suchte. Also durch Widerstand gegen die Leidenschaften wird der wahre Friede des Herzens gefunden, nicht aber in ihrer Dienstbarkeit. Darum ist kein Friede in dem Herzen des Fleischlichen, keiner in dem, der dem Äußerlichen sich hingibt, sondern allein in dem inbrünstigen und geistlichen Menschen.



05.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 5
Vom Lesen der heiligen Schrift

1. Wahrheit ist in der heiligen Schrift zu suchen, nicht Beredtsamkeit. Die ganze heilige Schrift muss in demselben Geiste gelesen werden, in welchem sie verfasst ist. Wir müssen in der heiligen Schrift mehr den Nutzen, als die Feinheit der Rede suchen. Wir sollen eben so gern die andächtigen und einfachen Bücher lesen, als die hohen und tiefsinnigen. Nimm keinen Anstoß an dem Ansehen des Schriftstellers, ob er von geringer oder großer Gelehrsamkeit war, sondern die Liebe der reinen Wahrheit treibe dich zum Besten an. Frage nicht, wer das gesagt habe, sondern merke auf, was gesagt wird.
2. Die Menschen vergehen, aber die Wahrheit des Herrn bleibet in Ewigkeit. Ohne Ansehen der Person redet Gott auf mancherlei Weise zu uns. Unser Vorwitz hindert uns oft beim Lesen der Schrift, indem wir verstehen und ergrübeln wollen, woran wir einfach vorüber gehen sollten. Willst du Nutzen haben, so lies demütig, einfältig und gläubig und begehre nie den Ruhm des Wissens. Frage gern und höre schweigend die Worte der Heiligen, und lass dir nicht missfallen die Gleichnisse der Alten, denn sie werden nicht ohne Absicht vorgetragen.



04.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 4
Von der Vorsichtigkeit im Handeln

1. Nicht jedem Worte oder jeder Einflüsterung ist zu trauen, sondern vorsichtig und bedachtsam muß man die Sache vor Gott erwägen. Aber, o weh! Oft wird Böses leichter als Gutes von dem Andern geglaubt und gesagt; so schwach sind wir! Doch vollkommene Männer glauben nicht leicht Jedem, was er erzählt, weil sie die menschliche Schwachheit kennen, die zum Bösen geneigt ist und leicht in Worten fehlt.
2. Es ist große Weisheit, im Handeln nicht voreilig zu sein, noch hartnäckig auf seinem Kopfe zu bestehen. Hierzu gehört auch, nicht eines Jeden Worten zu glauben, noch das Gehörte oder Geglaubte alsbald weiter zu verbreiten. Mit einem weisen und gewissenhaften Manne halte Rat, und suche lieber Belehrung bei einem Besseren, als dass du deinem eigenen Dünkel folgest. Ein frommes Leben macht den Menschen weise vor Gott und erfahren in Vielem. Je demütiger Einer in sich selber ist und je Gott ergebener, um so weiser und ruhiger wird er in Allem sein.



03.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 3
Von der Lehre der Wahrheit

1. Wohl dem, den die Wahrheit durch sich selbst belehrt, nicht durch vergängliche Bilder und Worte, sondern so, wie sie ihrem Wesen nach ist. Unsere Meinung und unser Sinn täuschet uns oftmals und sieht gar wenig. Was fruchtet mühevolles Grübeln über verborgene und dunkle Dinge, um deren Willen wir am Tage des Gerichts nicht werden bestraft werden, weil wir sie nicht erkannt haben? O Torheit über alle Torheit, dass wir das, was uns nützlich und notwendig ist, vernachlässigen, und dafür so eifrig nach dem trachten, was bloß die Neugierde reizt und dabei noch Schaden bringt? Ach, wir haben Augen und sehen nicht!
2. Und was kümmern uns die Gattungen und Arten der Dinge? Zu wem das ewige Wort redet, der wird frei von vielen Meinungen. Durch Ein Wort sind alle Dinge, und dieses Eine Wort verkündigen sie insgesamt. Das ist das Urwort, der Anfang der Dinge, und das redet auch zu uns. (Joh. 8,25) Niemand kommt ohne dasselbe zur Einsicht oder zu richtigem Urteil. Wem Alles Eines ist, und wer Alles auf Eines bezieht und in dem Einen Alles erblickt, der kann fest im Herzen sein und Frieden in Gott haben. Gott, Urquell der Wahrheit, mache mich eins mit dir in ewiger Liebe! Oft ekelt mich vielerlei zu lesen und zu hören; in Dir ist Alles, was ich will und begehre. Schweigen sollen alle Gelehrten, verstummen alle Kreaturen vor Deinem Angesichte: du allein rede zu mir!
3. Je mehr ein Mensch mit sich selbst einig und im Innersten einfältig geworden ist, desto mehr und desto Höheres begreift er ohne Mühe; denn von oben herab empfängt er das Licht der Erkenntnis. Ein reiner, einfältiger und beständiger Geist wird nicht durch viele Geschäfte zerstreut, weil er Alles zur Ehre Gottes tut und in sich von allem Eigennutz frei zu sein strebt. Was hindert und belästiget dich mehr, als die unertötete Begierde deines Herzens? Der Gute und Gottesfürchtige ordnet zuerst in seinem Innern die Werke, die er äußerlich vollbringen soll. Sie reißen ihn auch nicht zu den Begierden seiner sündlichen Neigung hin, sondern er leitet sie selbst nach dem Gebote der Vernunft. Wer hat einen schweren Kampf zu bestehen, als der, welcher sich selbst besiegen will? Und das sollte unsere Lebensaufgabe sein, sich selbst zu besiegen, und täglich über sich selbst mehr Gewalt zu gewinnen und etwas im Guten zuzunehmen.
4. Alle Vollkommenheit in diesem Leben ist mit einer gewissen Unvollkommenheit gepaart, und all unser Forschen ist nicht ohne einige Dunkelheit. Demütige Selbsterkenntnis ist ein weit sicherer Weg zu Gott, als tiefsinniges Grübeln in der Wissenschaft. Zwar ist die Wissenschaft nicht zu schmähen oder jede unschuldige Kenntnis einer Sache, die an sich betrachtet gut und von Gott angeordnet ist; aber vorzuziehen ist immer ein gutes Gewissen und ein tugendhaftes Leben. Weil aber Viele sich mehr befleißigen, zu wissen, als tugendhaft zu leben, so irren sie oft und bringen fast keine oder nur geringe Frucht.
5. O wenn sie solchen Fleiß anwendeten, Laster auszurotten und Tugenden einzupflanzen, als Fragen aufzuwerfen: so würde nicht so viel Übel und Ärgernis unter dem Volke, nicht so viel Zuchtlosigkeit in den Klöstern entstehen. – Gewiss, am Tage des Gerichts wird man uns nicht fragen, was wir gelesen, sondern was wir getan; nicht, wie schön wir gesprochen, sondern wie gottselig wir gelebt haben! Sage mir, wo sind nun alle jene Herren und Meister, die du gut kanntest, als sie noch lebten und durch ihre Gelehrsamkeit glänzten? - Schon besitzen Andere die Pfründen derselben, und ich weiß nicht, ob sie ihrer noch gedenken. Bei ihrem Leben schienen sie etwas zu sein; nun aber schweigt man von ihnen.
6. O wie schnell vergeht die Herrlichkeit der Welt! Möchte doch ihr Leben mit ihrer Wissenschaft übereingestimmt haben; dann hätten sie gut studiert und gelesen! Wie viele in der Welt gehen durch eitles Wissen zu Grunde, weil sie sich wenig bekümmern, Gott zu dienen. Und weil sie lieber groß als demütig sein wollen, darum werden sie in ihren Gedanken zu nichts. Wahrhaft groß ist, wer große Liebe hat. Wahrhaft groß ist, wer in sich klein ist und die höchsten Ehren für nichts achtet. Wahrhaft klug ist, wer alles Irdische für Kot achtet, damit er Christum gewinne. (Phil. 3,8) Und wahrhaft wohlgelehrt ist, wer Gottes Willen tut und seinen eigenen Willen aufgibt.



02.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 2
Von der Geringschätzung seiner selbst

1. Jeder Mensch hat von Natur ein Verlangen nach Wissen: aber Wissenschaft ohne Gottesfurcht, was trägt sie ein? Besser ist in der Tat ein demütiger Landmann, der Gott dienet, als ein stolzer Weltweiser, der den Lauf der Sterne betrachtet und dabei sich selber vernachlässiget. Wer sich selbst recht erkennt, der denkt gering von sich und findet kein Wohlgefallen an menschlichen Lobsprüchen. Wenn ich alles in der Welt wüsste, und hätte die Liebe nicht: was hälfe es mir vor Gott, Der mich nach meinem Tun richten wird?
2. Lass ab von allzu großer Wissbegierde, denn es ist viel Zerstreuung und Betrug dabei. Die viel wissen, wollen gern glänzen und für Weise gehalten werden. Es gibt viele Dinge, deren Kenntnis der Seele wenig oder nichts frommt. Und sehr töricht ist derjenige, welcher nach andern Dingen trachtet, als denen, die zu seinem Heile dienen. Viele Worte sättigen die Seele nicht, aber ein gottseliges Leben erquicket das Gemüt und ein reines Gewissen verleiht große Zuversicht auf Gott.
3. Je größer und gründlicher dein Wissen ist, desto strenger wirst du darnach gerichtet werden, wenn du nicht um so heiliger gelebt hast. Darum erhebe dich nicht wegen irgend einer Kunst oder Wissenschaft, sondern fürchte dich vielmehr der dir verliehenen Einsicht wegen. Wenn es dir scheint, du wissest viel und verstehest es gut genug; so sollst du doch wissen, dass es noch viel mehr Dinge gibt, die du nicht weißt. Tue nicht groß mit dem Wissen, sondern bekenne lieber deine Unwissenheit. Was willst du dich über einen Andern erheben, da es so Viele gibt, die gelehrter und im Gesetz erfahrener sind, als du? Wenn du aber etwas Nützliches wissen und lernen willst, so lerne, gern unbekannt bleiben und für nichts gehalten werden.
4. Das ist die höchste und nützlichste Lebensaufgabe, sich selbst wahrhaft kennen und gering achten. Von sich selbst nichts halten und von Andern immer eine gute hohe Meinung haben, ist große Weisheit und Vollkommenheit. Wenn du auch einen Andern offenbar sündigen oder etwas Schweres verbrechen sähest; so dürftest du dich doch nicht für besser halten, dieweil du nicht weißt, wie lange du selbst im Guten beharren magst. Wir sind allzumal gebrechlich; du aber sollst Niemanden für gebrechlicher halten, als dich selbst.



01.01.2020

Erstes Buch
Kapitel 1
Von der Nachfolge Christi
und der Verachtung aller Eitelkeiten der Welt

1. „Wer mir nachfolget, wandelt nicht in Finsternis,“ (Joh. 8,12) spricht der Herr. Dies sind die Worte Christi, durch welche wir ermahnt werden, Sein Leben und Seinen Wandel nachzuahmen, wenn wir anders wahrhaft erleuchtet und von aller Blindheit des Herzens befreit werden wollen. Darum sei unser höchstes Bestreben, über das Leben Jesu Christi nachzudenken.
2. Die Lehre Jesu Christi übertrifft alle Lehren der Heiligen weit, und wer den Geist hätte, der fände darin verborgenes Manna. Es geschieht aber, dass Viele, so oft sie auch das Evangelium hören, doch wenig Verlangen darnach fühlen, weil sie den Geist Christi nicht haben. Wer aber die Worte Christi vollkommen verstehen und schmecken will, der muß bemüht sein, sein ganzes Leben ihm ähnlich zu machen.
3. Was frommt es dir, über die Dreieinigkeit hochgelehrt zu reden, wenn du der Demut ermangelst, und deshalb der Dreieinigkeit missfällst? Fürwahr! Hohe Worte machen nicht heilig und gerecht, aber ein tugendhaftes Leben macht Gott angenehm. Ich wünsche mehr, die Bußfertigkeit zu empfinden, als zu wissen, was sie sei. Wenn du die ganze Bibel auswendig wüsstest und die Sprüche aller Weisen; was nützte das alles dir ohne Gottes Liebe und Gnade? Eitelkeit der Eitelkeiten, und alles Eitelkeit, außer Gott lieben und Ihm allein dienen! Das ist die höchste Weisheit, die Welt verschmähen und nach dem Himmelreich trachten.
4. Eitelkeit ist es also, vergängliche Reichtümer suchen und auf sie seine Hoffnung setzen. Eitelkeit ist's auch, nach Ehrenstellen trachten und sich zu hohem Range empor schwingen. Eitelkeit ist es, den Lüsten des Fleisches folgen, und das begehren, was harte Züchtigung nach sich zieht. Eitelkeit ist's, ein langes Leben wünschen und um ein frommes Leben wenig besorgt sein. Eitelkeit ist's, dem gegenwärtigen Leben allein Aufmerksamkeit widmen und auf das zukünftige nicht Bedacht nehmen. Eitelkeit ist's, das lieben, was mit Blitzesschnelle vorübergeht und dorthin nicht eilen, wo ewige Freude wohnt.
5. Gedenke oft jenes Sprichwortes: “Das Auge siehet sich nimmer satt und das Ohr höret sich nimmer müde.“ (Pred. 1,8) Bestrebe dich darum, dein Herz von der Liebe zum Sichtbaren abzuziehen und dich zum Unsichtbaren zu erheben. Denn die ihrer Sinnlichkeit folgen, beflecken ihr Gewissen und verlieren die Gnade Gottes.