Predigt aus dem Jahre 1987/ 88





10.11.2019

30. Sonntag im Jahreskreis (B) (Mk. 10, 46-52 )

„Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.“

Der große Physiker und Mathematiker Albert Einstein hat einmal ge¬sagt: "Wir leben in einer Zeit vollkommener Mittel, aber unsicherer Ziele. Wer weiß noch, wozu er lebt?"
"Vollkommene Mittel" - Haben wir nicht auf dem Gebiet der Medizin und der Technik so manchen Weg in eine bessere Zukunft beschritten und müssen wir nicht auch bekennen, dass so mancher Weg sich auf ein „verworrenes Ziel" zubewegt?
Ist die "Gen-Forschung" nicht auf dem Weg ein Fluch und Frevel an der Würde des Menschen zu sein, und bringt uns die hochgelobte Technik nicht jeden Tag neu die furchtbarsten Katastrophen? Ja, Medizin und Technik haben uns manches "vollkommene Mittel" in die Hand gegeben, aber die Antwort auf den eigentlichen Sinn und das wahre Ziel unseres Lebens haben sie unklare Fernen gerückt.
Ein wahres Blendwerk von Diesseitswerten hat so manchen blind werden lassen für den Wert, nach dem sein Herz sich bewusst wie unbewusst stets sehnt: nach Leben, ewigem Leben, nach dem Leben, das eben nur Gottes Vaterhand schenken kann.
Aber nicht nur dieser Blick nach dem ewigen Leben ist so vielen in unseren Tagen verloren gegangen. Nein, sie schließen ihre Augen sogar vor dem Tod, sooft er auch seine grausame Ernte halten mag in der Familie, bei der Arbeit, auf der Straße, in den Entbindungs¬heimen, wo sich der Geburtshelfer zum Geburtsmörder macht.
„Vollkommene Mittel - unsichere Ziele - wer weiß, wozu er noch lebt?“
Die Antwort auf diese Frage gibt uns der Meister im heutigen Evan¬gelium. Da heißt es: "In jener Zeit, als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus."
Blindsein - welch ein unvorstellbares Los eines Menschen in der damaligen Zeit: der Blinde durchlitt täglich die Qual der Frage nach der Schuld seiner Blindheit. Trugen seine Eltern, trug er selbst die Schuld? Eine Strafe Gottes?
Der Blinde kannte keine soziale Unterstützung, lebte von dem, was ein mitleidiges Herz auf seine Hand legte, von der Hand in den Mund, wohl selten einmal ganz gesättigt.
Der Blinde kennt nicht einmal den Trost einer ausgleichenden Ge-rechtigkeit Gottes jenseits dieser zeitlichen Not.
Da hört Bartimäus, der Blinde unseres Evangeliums, im Stimmengewirr vieler Menschen, „dass es Jesus von Nazareth war", jener Wunder¬täter, von dem bereits Jesajas verkündet hatte: "Blinde sehen, Lah¬me gehen, Aussätzige werden rein".
Und mag die Menschenmenge ihn noch so sehr zum Schweigen zwingen, "er schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!" Und in dem Augenblick, da er sich gehört weiß, weiß er sich auch er¬hört. „Er warf seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu und ruft: "Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!" Und die Antwort des Herrn: "Geh! Dein Glaube hat dir geholfen!". Und "im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg."
"Und er folgte Jesus auf seinem Weg.“ Mit diesem beigefügten Wort zeigt der Evangelist Markus, dass es ihm bei dieser Heilung des Blinden nicht nur um ein Wunder der Krankenheilung geht. Es geht ihm um die Erfüllung der Bitte des Psalmisten David: „Öffne mir die Augen, Herr, für das Wunderbare an deiner Weisung!"
Gewiss hat Bartimäus jubeln können: „Mein Gott, wie schön ist deine Welt!" Gewiss ist er seinen Verwandten und Bekannten in dankbarer Freude um den Hals gefallen, aber sein Blick erfasste ihn "und er folgte Jesus auf seinem Weg", auf dem Weg, der allein hinführt zum Licht der ewigen Herrlichkeit.
"Geh! Dein Glaube hat dir geholfen."
Dieses Wort hat Christus auch zu uns gesprochen durch den Mund des Priesters bei der Taufe. Damals ist uns ein Auge gegeben worden, das über Raum und Zeit hinauszusehen vermag, in jene Welt hinein, nach der sich ein jeder bewusst oder unbewusst sehnt.
Doch wie vielen Christen ist diese Sicht des wahren We¬ges in unserer Zeit verloren gegangen? Sie suchen alle Straßen und Gassen dieser Erde ab nach ihrem Glück und verirren sich im Labyrinth dieser Welt. Ihnen gilt das Klagewort des Herrn: "Ach, dass du es doch erkenntest, was dir zum Heile dient, aber es bleibt deinen Augen ver¬borgen."
Lasset uns beten:
"Herr, du hast mich gerufen, als ich getauft wurde,
du hast mich gestellt auf den Weg, den du mir vorausgehst.
Wisch alle Finsternis aus meinen Augen,
dass ich dir stets folge auf deinem Wege."