Predigt aus dem Jahre 1988/ 89





05.07.2020

12. Sonntag im Jahreskreis (C): (Lk. 9, 18-24)

„Du bist der Messias Gottes. Der Menschensohn muss vieles erleiden.“
Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach." Dieses Wort des Meisters klingt wahrhaftig nicht wie eine Frohbotschaft. Nein, im Gegenteil, sie reizt zum Protest, und man möchte fragen:
Ist dieses Wort vom Kreuz für alle auf der Schattenseite des Lebens Stehenden nicht nur ein billiger Trost auf ein besseres Jenseits? Ist dieses Wort vom Kreuz für alle Kranken und Schwachen nicht nur ein guter Rat, jede Freude zu fliehen und sich in das unabwendbare Leid widerstandslos zu ergeben? Ist das Wort vom Kreuz für die Mächtigen der Welt nicht ein willkommener Vorwand, ihre Völker zu knechten und als Sklaven zu behandeln? O, gewiss nicht!
Dieses Wort vom Kreuztragen will nicht, mehr und nicht weniger sagen, als das einem jeden zugedachte Kreuz in Ergebung auf sich zu nehmen, das Kreuz mit dem Ehegatten und den Kindern, das Kreuz mit seinen Freunden und Nachbarn, das Kreuz mit dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer und nicht zuletzt das Kreuz mit sich selbst.
„Für wen halten mich die Leute, für wen haltet ihr mich?", so fragt im Evangelium Jesus seine Jünger. Diese Frage gilt auch einem jeden von uns:
Wer sich zu den „Leuten“ zählt, der gleicht dem Stein, der Jahr um Jahr vom Wasser umspült, nur äußerlich nass ist, innerlich aber trocken, ja vertrocknet ist. Er entzieht sich der Kreuzesnachfolge. Wer sich aber "Jünger" nennt, weiß, dass Christus der Messias Gottes ist, berufen durch seinen Tod am Kreuz, uns das Leben zu bereiten und als Jünger ist er auch bereit, das Kreuz auf sich zu nehmen.
"Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglichsein Kreuz auf sich und folge mir nach." Dieses "sein Kreuz auf sich nehmen" ist nicht freiwillige Bereitschaft zu einer Aszese, nicht großzügig geleisteter Verzicht, nicht ein selbst aufgelegtes Opfer. O nein, es ist die Bereitschaft, das uns aufgetragene Kreuz in Ergebung in den Willen Gottes zu tragen, wie Christus es tat.
Mit dem Wort vom Kreuztragen ist es so wie mit dem Wort der Nächstenliebe: Wie Nächstenliebe nicht ein augenblickliches Mitleid ist mit der Not des Nächsten, sondern die Bereitschaft, das Elend des anderen zu seinem eigenen zu machen, so ist das "ja" zum Kreuz kein tragischer Heldenmut, eine Selbstvernichtung, sondern die Teilnahme an dem Sterben des Herrn.
Wer "täglich sein Kreuz auf sich nehmen" will, muss sich selbst voll verleugnen, darf sein eigenes Leben nicht schonen, nicht absichern. Er muss sich verbrauchen im Dienst am anderen, ohne Angst, in seinem eigenen Leben etwas zu versäumen, nicht auf seine Kosten zu kommen.
Die bitterste Not unseres Lebens ist aber nicht das Kreuz, das wir tragen. Nein, es ist das Kreuz, das uns einmal tragen wird. Ja, es ist schon erschütternd, wenn der Herr im Anblick dieses Kreuzes klagt:
„Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem. Dort wird man mich geißeln, mit Dornen krönen und an das Kreuz schlagen.“
„Vater, wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch vorübergehen, aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Und dennoch nimmt Jesus den Kreuzestod aus freien Stücken auf sich. Ja, er sehnt sich danach, diese Bluttaufe am Kreuz zu empfangen, denn so sagt er: „Wenn ich droben erhöht bin, werde ich alles an mich ziehen.“
Und da steht noch ein Wort:
„Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.“
Ist es nicht töricht, nach dem Fallobst, das dieses Leben uns bietet, sich zu bücken, statt nach den Früchten sich zu sehnen, die uns einmal der Raum im Paradies überreich schenken wird?
„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Christus hat unser aller Sündenlast auf sich genommen. Wir tragen nur das uns zugedachte und von uns verschuldete Kreuz. Wer wollte ihm dann entgegenhalten: "Du weißt ja nicht, wie hart mein Leben ist."
Lasset uns beten:
„Herr, ein anderes ist´s, in guter Stunde zu sprechen: Ich bin bereit zu allem, was Gott will, und ein anderes, auch wirklich bereit zu sein, wenn das Kreuz kommt. Gib mir das feste Vertrauen, dass jedes Leid zu meinem Besten ist und stärke mich, dass ich es entschlossen auf mich nehme! Ist das gelungen, dann ist von seiner Bitterkeit bereits viel überwunden." (Romano Guardini. )