Predigt aus dem Jahre 1988/ 89





20.09.2020

23. Sonntag im Jahreskreis (C): (Lk. 14, 25-33)

"Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein.“

„Wer nicht sein Kreuz trägt …“ -
Dieses Wort kann kaum eine Botschaft sein, die uns froh macht. Nein, sie reizt zum Protest, und man möchte fragen:
Ist dieses Wort nicht ein Faustpfand in den Händen der Ausbeuter, die dienende, hilfsbereite Menschen missbrauchen und versklaven, knechten und an das Kreuz schlagen?
Ist dieses Wort nicht ein allzu billiger Trost für all jene, die auf der Schattenseite des Lebens stehen müssen und hoffen sollen, dass Gott ihnen einmal jenseits dieser Erdenzeit die Tränen trocknen wird?
Ist dieses Wort nicht ein Widerspruch zur Sehnsucht im Menschen: "Wir sind zur Freud geboren und nicht zum Trauern hier, in Traurigkeit gehen wir verloren, in Freude siegen wir?"
Nun Jesus erwartet nicht, dass wir bereit, sind, sein Kreuz auf unsere Schultern zu nehmen. O nein, er hat sein Kreuz selbst zum Golgothahügel hinaufgetragen, ist an diesem seinem Kreuz verblutet, hat sein Kreuz zur Quelle des göttlichen Lebens gemacht,
Jesus erwartet aber wohl, dass wir bereit sind, unter das einem jeden auferlegte Kreuz willig den Rücken zu beugen:
Das Kreuz mit dem Nachbarn, der seinen Schmutz uns vor die Tür kehrt.
Das Kreuz, das in der Ehe einer dem anderen bereitet, weil ein jeder die "Nase vorn" haben will und niemand zurückstecken möchte.
Das Kreuz, das die Kinder ihren Eltern bereiten, wenn sie den Vergnügungen unserer Zeit nachjagen, taub für alle gutgemeinten Worte, blind für die Sorgenfalten und Tränen ihrer Eltern.

„Wer nicht sein Kreuz trägt …“ -
Mit diesem Wort vom Kreuztragen ist es ähnlich wie mit dem Wort von der Nächstenliebe. Beide Worte gehen leicht von den Lippen, lassen sich aber doch nur sehr schwer verwirklichen.
Die Nächstenliebe ist das Gegenteil von dem einem jeden eingeborenen Vergeltungstrieb: "Aug um Aug, Zahn um Zahn".
Die Nächstenliebe vermag nur der zu erfüllen, der willens ist, sich aus der Selbstliebe zu lösen und sich in die übernatürliche Sphäre zu erheben, um nach dem Beispiel Christi dem Nächsten zu dienen.
Die Nächstenliebe kann so radikal sein, dass sie die Hingabe des Lebens fordert.
Für den Einsatz für seine Brüder und Schwestern seiner Hautfarbe ist Martin Luther King erschossen worden.
Für den Einsatz für Menschenrechte seines russischen Volkes musste der Dichter Solschenizyn seine Heimat verlassen
Für die Treue zu seinem Meister Christus wurde der Kardinal Ungarns, Mindszenty, in die psychiatrische Anstalt gesteckt, seiner Identität beraubt und zum Verräter an seinem Volk gemacht.
Auch die Bereitschaft zum Kreuztragen steht im Gegensatz zu den Erwartungen und Wünschen des menschlichen Herzens.
Das hat Christus uns erschütternd erzeigt im Garten von Gethsemane, da er in der Vorausschau seines Kreuzes klagte:
"Meine Seele ist betrübt bis zum Tode. Vater, wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe."

„Wer nicht sein Kreuz trägt …“-
Diese Gethsemane-Szene zeigt klar, dass das Kreuz, das Jesus auf sich nimmt, durchaus kein selbstgewähltes Opfer ist. Nein, es wird ihm auferlegt als Sühneleistung für den Ungehorsam des Stammvaters des Menschengeschlechtes und auch als Stellvertretung für alle jene, die ihr Kreuz nicht zu tragen vermögen.
Paul Claudel sagt einmal:
"Gott ist nicht gekommen, das Leiden zu beseitigen. Er ist nicht gekommen, es zu verklären, sondern er ist gekommen, es mir seiner Gegenwart zu erfüllen." Ja, Gott ist der, der das furchtbare Kreuz auf sich nahm. Wäre er nur Mensch, dann wäre es ein Mensch mehr gewesen, der gelitten hat. Weil aber Gott zu uns gekommen ist, um unsere Leiden mit uns zu teilen, können wir ihm nicht entgegenhalten: "Du weißt ja nicht, wie das Kreuz drückt."
So sagt der große Gottesgelehrte Origenes im 3. Jahrhundert: "Wenn du also "dein Kreuz auf dich nimmst" und Christus nachfolgst. Wenn du sagst: "Ich lebe, jedoch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir." Wenn unsere Seele sich sehnt und danach dürstet, "heimzukehren und mit Christus zu sein, dann hat einer sich selbst, das heißt seine Seele, Gott zum Opfer dargeboten."
So wollen wir beten:
"Herr, ein anderes ist's, in guter Stunde zu sprechen: Ich bin bereit zu allem, was Gott will und ein anderes, auch wirklich bereit zu sein, wenn das Kreuz kommt. Da ist das Herz oft furchtsam und alle Bereitschaft ist vergessen.
So hilf mir festzustehen, wenn es gilt! Mach mich stark und großmütig, dass ich nicht jammere und mich vor dem, was nun einmal sein muss, nicht sträube. Ich will es tapfer ins Auge fassen und den Ruf des Vaters darin erkennen. Gib mir das feste Vertrauen, dass auch dieses Leid zu meinem Besten diene und stärke mich, dass ich es entschlossen auf mich nehme. Ist das gelungen, dann ist von seiner Bitterkeit bereits viel überwunden."
(Romano Guardini)