Predigt aus dem Jahre 1988/ 89





29.03.2020

5. Fastensonntag (C) (Joh. 8, 1-11)

„Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster ein auf sie!“

In der Wallfahrtskirche zu Kevelaer ist die Begebenheit des heutigen Evangeliums in einem Bild dargestellt: Im Mittelpunkt stehen die Sünderin und Jesus. Die Sünderin mit aufgelöstem Haar, die Hände vor dem Gesicht, als wollte sie wenigstens nicht sehen müssen, wie die Steine ih-rem Körper Wunde um Wunde ''schlagen würden, an denen sie verbluten müsste. Jesus gebeugt zur Erde, mit seinen Fingern einige Worte in den Sand schreibend, anscheinend ungerührt von dem Drama, das sich hier abspielte. Und da steht noch in seinem Rücken die Meute der Männer, die be¬reits Steine in ihren Händen halten, um das Todesurteil an der öffentlichen Sünderin zu vollziehen.
"Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt'“, so lautet die Anklage der Schriftgelehrten und Pharisäer und sie berufen sich dabei auf ein Gesetz Mose, wonach eine solche Frau den Tod durch Steinigung erfahren müsse. Und voller Heimtücke fügen sie die Frage hinzu: „Nun, was sagst du?"
Der Meister befindet sich in einer schwierigen Lage: Dem Gesetz nach und dieses zu erfüllen, war er gekommen, musste er dieses Todesurteil bejahen. In seiner Liebe aber zu den Sündern musste er Gnade vor Recht ergehen lassen. Und der Herr weiß sich diesem Dilemma zu entziehen. "Er schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie." So waren sie, die dem Meister eine Falle legen wollten, selbst in diese Falle geraten, denn wer wollte sich schon ohne Sünde sehen, und "so ging einer nach dem anderen fort."
Nun waren sie allein. Sie, des Ehebruchs auf frischer Tat überführte Sünderin und er, der von sich sagen konnte: „Wer kann mich einer Sünde zeihen?“.
Diese Güte Jesu zur Ehebrecherin im heutigen Evangelium erleben wir auch bei Maria Magdalena, der öffentlichen Sünderin, wie bei der Frau am Jakobsbrunnen. Eine Güte, die ihm ja den Vorwurf einbrachte, "mit den Zöllnern und Sündern an einem Tisch zu sitzen". Und so gibt es ja in unseren Tagen nicht wenige Christen, die da meinen, sich über die strenge Leitung der Kirche hinwegsetzen zu dürfen und in Christus Verständnis zu finden in der Frage um das Verfügungsrecht über das Leben im Mutterleib.
Ja, Leben kommt aus Gottes Hand. Es ist Geist von Gottes Geist, es ist die unsterbliche Seele, die Gott von Ewigkeit gedacht hat und den Eltern anvertraut, die bereit sind, ihr einen Körper zu bereiten, in dem sie durch diese Erdentage wandert. Welch eine herrliche Berufung, als Mann und Frau an der Schöpferkraft Gottes teilnehmen zu können!
Doch was christlichen Eltern vor einem halben Jahrhundert noch heiligste Verantwortung gegenüber dem Willen Gottes war, diese Liebe ist gewichen ichbezogenen Wünschen, indem man den Schöpferwillen Gottes unterbricht und das Geschenk des Lebens ablehnt. Ach, wie klug glaubte sich doch der Mensch, das Wirken Gottes mit List umgangen und somit außer Kraft gesetzt zu haben. Aber: „Gott lässt seiner nicht spotten!".
Wer den Lebensrhythmus, den Gott dem Menschen eingegeben, stört, muss mit Schädigungen seiner Gesundheit rechnen.
Da man also so das gottgewollte Leben nicht verhindern konnte, es aber auf keinen Fall annehmen wollte, sah der Satan seine Chance gegeben, dem Menschen eine Alternative aufzuzeigen: Er machte den Menschen, den Gott zu seinem Mitarbeiter in der Bereitung des Lebens berufen hatte, zum Mörder an diesem Leben.
Und ach, wie frivol wird diesem Rat Satans heute Folge geleistet! Wie bedenkenlos kämpft man gegen den Paragraphen 218, der doch wenigstens ein gewisses Lebensrecht dem Kinde einräumt! Wie schamlos schreit man solche Morde in den Medien in die Welt hinein! Wie spottet man derer, die bereit sind, Gottes Anruf zu hören und dem Leben zu dienen!
Da ist noch ein Schlusswort im heutigen Evangelium des Johannes: „Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie ge¬blieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“
"Auch ich verurteile dich nicht." Dieses Wort des Herrn gilt all jenen, die -in welcher Notlage auch immer - sich dem Dienst Gottes entziehen zu können glaubten. Denn immer gilt das Wort des Herrn: „Habe ich etwa Gefallen am Tod des Sünders und nicht vielmehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt?“. Richten wir uns nach dem Wort des Paulus: "Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch durch ein neues Denken! Tut, was der Wille Gottes ist: Was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist."
Der Herr verurteilt dich nicht. Darum sage ihm deine Not und dann gehe hin in Frieden!