Predigt aus dem Jahre 1987/ 88





15.09.2019

22. Sonntag im Jahreskreis (B) (Mk. 7, 1-8, 14-15, 21-23)

„Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.“

Das heutige Evangelium hat recht wenig von einer frohmachenden Botschaft. Es ist vielmehr ein Streitgespräch des Meisters mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, denen er vorwirft: „Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen."
Bei diesem Streitgespräch geht es einerseits um die Tora, das Gesetz des Alten Bundes, das Moses nach der Anweisung Gottes niedergeschrieben hat, andererseits um die "Überlieferung der Alten", die 500 Jahre vor Christus entstand und mündlich weitergegeben wurde. Diese „Überlieferung der Alten" sollte gleichsam ein "Zaun um das Gesetz" sein, wurde aber leider im Laufe der Zeit zu einem Sta¬cheldraht, der den Zugang zum Gebot Gottes behinderte. So baute man um das Gebot „Gedenke, dass du den Sabbat heiligst." nicht weniger als 39 Hauptgebote und 1521 Nebengebote.
Zu der "Überlieferung der Alten" gehört auch die heutige Streit¬frage. Forderte das Gesetz des Alten Bundes die Händewaschung des Priesters bei seinem Opferdienst, so dehnte die "Überlieferung der Alten" die Händewaschung auch auf das Privatleben aus. Darum die Frage der Pharisäer: "Warum halten sich deine Jünger nicht an die "Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?"
Die Antwort Jesu ist ganz klar, sie ist ein Zitat des Jesajas: "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen."
"Es ist sinnlos, wie sie mich verehren."
Das war der Irrtum der Pharisäer und Schriftgelehrten, die Fröm¬migkeit darin zu erkennen, dass man die Unzahl von Gesetzesvor¬schriften ohne Abstriche erfüllte.
Wir kennen ja die Rechtfertigung des Zachäus gegenüber Jesus, der da sagt: „Ich bete, ich faste und ich gebe, wenn ich jemand betrogen habe, das vierfache wieder zurück.“
Nein, wir können weder das Glück der Zeitlichkeit noch das Heil der Ewigkeit mit all unseren Anstrengungen und Werken selbst erringen. Ja, es wäre Hochmut, zu glauben, aus eigener Kraft auch nur einen Schritt dem Himmel näher kommen zu können. Was wir tun können, ist die Bereitschaft, unser Herz der Gnade Got¬tes zu eröffnen, denn wir können nur alles in dem, der uns stärkt.
Ja, "wer so klein sein kann wie das Kind", sagt die Hl. Schrift, der ist im Himmelreich der Größte."
Man kann nicht Gottes Wohlgefallen finden, wenn man glaubt, dass es genügt, am Abend vor Gott hinzutreten und zu bekennen, ich habe meine Pflichtgebete getreu erfüllt, "Gebete mit den Lippen".
O nein, es ist schon nötig, während des Tages eine Nikodemusstunde zu halten, in der man sein Herz vor Gott ausbreitet, um sein Wort in sich aufzunehmen. Man kann nicht Gottes Wohlgefallen finden, wenn man glaubt, dass es genügt, seine Sonntagspflicht zu erfüllen, wie es nun einmal Väter¬brauch ist und zu einem anständigen Christen gehört. O nein, es ist schon nötig, in der Eucharistiefeier sein Herz auf die Patene des Priesters zu legen, um sich in den Opfertod Christi hineinnehmen zu lassen. Man kann nicht Gottes Wohlgefallen finden, wenn man glaubt, dass es genügt, zum Tisch des Herrn hinzutreten zu können, weil man ja keine Sünde getan hat. O nein, es ist schon nötig, mit dem Verlangen und der Demut des Herzens zu sprechen: „Ich bin zwar nicht würdig", aber du willst ja der Arzt meiner Seele sein.
Ja, was nicht aus deinem Herzen kommt, dringt auch nicht zum Herzen Gottes.
So wollen wir beten:
"Herr, lass uns doch spüren, dass es dir bis ins einzelne und kleinste hinein um unser Herz, um die Liebe zu Gott und den Menschen geht und nicht um unsere Ordnungen, die wir ängstlich verteidigen.
Jesus, Bruder der Sünder, reiße uns die Herzen auf, wenn du uns heute zeigst, wo sich hinter göttlichem Recht mensch¬liches Unrecht verbirgt.
Nicht Angst willst du uns machen, sondern Freude, es mit Gott zu wagen, der es so gnädig mit uns riskiert." (Theo Brüggemann)