Predigt aus dem Jahre 1988/ 89





12.01.2020

2. Sonntag im Jahreskreis (C) ( Jo, 2, 1-12 )

„So tat Jesus sein erstes Zeichen – in Kana in Galiläa.“

Das heutige zweite Evangelium im Kirchenjahr führt uns nach Kana in Galiläa und lässt uns Gast sein bei einer Hochzeit, bei der Jesus - um die Freude dieses Festes nicht zu trüben - Wasser in Wein verwandelt und so seine Gottheit in der Öffentlichkeit offenbart.
Ein Wunder? - So fragt in unserer Zeit so mancher kritische Christ. Wie kann man so etwas glauben, die Wandlung von Wasser in Wein?
Nun, ich glaube, unsere Zeit neigt mehr zur Wundersucht als zu einer Wunderflucht.
Wundersucht, wenn es darum geht, seine selbstgemachten Wunder in der Wirtschaft, der Technik, in der Medizin zu bestaunen und doch, so müssen wir fragen: Haben diese Wunder das durststillende Wasser wirklich in wohl-schmeckenden Wein verwandelt oder rufen wir heute nicht immer wieder nach dem einfachen Wasser, das unseren Durst zu stillen vermag? -
Ja, hat dieser Wein unseren Verstand nicht allzu sehr geblendet, ja, verblendet, dass wir nur noch auf der Jagd sind nach mehr Reichtum, in der Furcht leben einer technischen Vergiftung und in der Sorge sind, die Grenzen der Medizin nicht mehr zu kennen? - Ja, unser Herz ist längst auf der Strecke geblieben. Unser Leben ist nur noch von den Sinnen bestimmt. Wer lässt sein Leben noch bestimmt sein von seinem Geist?
Diese Wundersucht steht gegenüber die Wunderflucht, jener Wunder, in denen sich Gott offenbart.
Sie sind das Licht des Sternes, das hineinleuchtet in unsere Fin¬sternis, sodass wir plötzlich wieder einen Weg unter unseren Füßen sehen. Sie sind die Hand, die sich uns entgegenstreckt, um uns die Energie zu schenken, die uns freimacht vom Rauschgift unserer Zeit. Sie heben den Blick über den Genuss des Augenblickes hin zu den Wer¬ten, die bleibend sind.
Ja, darin liegt das tiefe Geheimnis göttlicher Wunder. Sie suchen nicht die Sensation, sie berauschen nicht die Sinne, lassen den Menschen nicht außer sich geraten. O nein, sie sind ein Licht, dass das Dunkel des suchenden Menschen erleuchten will. Sie sind die Kraft, die befähigt, ein Glaubenshindernis zu überspringen. Sie sind der Stern, der in der dunkelsten Nacht plötzlich einen Weg erkennen lässt.
Haben wir nicht schon alle in unserem Leben solche Wunder erfahren? -Wir müssen das Wunder nicht suchen. Wir dürfen Gottes Wunder¬kraft erleben, nicht nur in der Herrlichkeit der Schöpfung, die uns umgibt, nein, auch in unserem persönlichen Leben.
Erleben wir nicht täglich die Wundermacht, die uns trägt durch dieses Tal der Tränen, sodass wir bekennen, müssen:
"Du hast in Treue auf uns acht, wir sind geborgen Tag uns Nacht im Schatten deiner Flügel. Bei dir, Herr, ist des Lebens Quell, der Trübsal Wasser machst du hell, tränkst uns am Bach der Wonnen."
Sein ganzes Leben hin beschäftigte sich der hl. Hieronymus mit dem Lesen und Deuten der Hl. Schrift. Nach seiner Predigt über die Hochzeit zu Kana fragte ein spöttischer Zuhörer - die gab es da¬mals schon: „500 bis 700 Liter Wein - eine ganz schöne Menge. Mich würde es interessieren, wie die Hochzeitsleute das geschafft haben." Und der große Gelehrte soll geantwortet haben: „Von dem Wein trinken wir heute noch.
Aber nicht jedes Wunder erfordert von uns die gleiche Glau¬benskraft:
Ist das Wunder zu Kana - die Wandlung von Wasser in Wein - noch im Bereich der natürlichen Erfahrung. Da heißt es ja im Vers 9: „Der Speisemeister kostete das Wasser, das zu Wein geworden war.“ So erleben wir in der Eucharistiefeier die Wandlung von Wasser und Wein in Christi Fleisch und Blut, Leib und Seele, Gottheit und Menschheit - so wie er einst auf Erden wandel¬te und nun verklärt in der Herrlichkeit des Himmels thront. Dies ist eines der tiefsten Geheimnisse unseres Glaubens, und darum sagt auch Thomas von Aquin:
„Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir; doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir. Was Gott Sohn gesprochen, nehme ich glaubend an; er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann."
Wie schnell sind doch die Wunder, die Menschengeist gewirkt hat, zu Wasser geworden. Gottes Wunder bleiben stets wohlschmeckender Wein den wir immer trinken können.