Predigt aus dem Jahre 1987/ 88





08.09.2019

21. Sonntag im Jahreskreis (B) (Joh. 6, 60-69)

„Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“

Was wir soeben im Evangelium hörten, sind die letzten 10 Verse des 6. Kapitels des Johannesevangeliums, das von dem Brot spricht, „das vom Himmel herabgekommen ist als Speise der unsterblichen Seele".
Der zentrale Gedanke dieser Verse ist die Frage Jesu an die Apostel: „Wollt auch ihr gehen?"
Dieses Wort des Meisters will keine Anklage sein, o nein, es ist die bittere Klage seines blutenden Herzens, das sich zutiefst enttäuscht sehen muss.
Da hatte die Masse der Abertausenden am Abend zuvor ihm noch die Königskrone winden wollen, weil er ihnen das Brot brach, das für wenige Stunden den Hunger des Leibes zu stillen vermochte. Und heute in der Synagoge zu Karphanaum, da er ihnen das Brot versprach, das der Seele unsterbliches Leben zu schenken vermag, rebelliert die Masse des Volkes und verlässt ihn – „verließen ihn viele seiner Jünger und gingen nicht mehr mit ihm“.
Man wird einsehen müssen, dass kaum einer die Worte des Meisters hat verstehen können. Aber man hätte erwarten können, dass hinter diesen Worten doch eine göttliche Tiefe liegt, in die er sie noch einführen würde.
Hatten sie nicht oft gestaunt:
„Er redet wie einer der Macht hat, nicht wie die Pharisäer.“
„Selbst Sturm und Wellen gehorchen ihm.“
„Wer kann ihn einer Sünde zeihen?“
Aber all das ist vergessen. „Es rebelliert die Masse des Volkes - viele seiner Jünger gingen nicht mehr mit ihm.“ Und die Antwort unserer Zeit?
Es ist das gleiche Bild wie damals. Nur der Schauplatz hat sich gewandelt. Dort war es die Synagoge, heute ist es die Kirche. Man fragt nicht nach dem „Brot, das vom Himmel gekommen ist.“ Man schreit nach dem Brot, das die Begierden des Leibes stillt - und das verspricht der Fürst dieser Welt.
Und so verfällt die Masse der Menschen unserer Zeit, die nicht mehr bereit ist, den unsichtbaren, verborgenen Gott im Brot anzu¬beten und zu verehren der Versuchung, das Geld, den Fortschritt, die Technik anzubeten und zu verehren.
Ja, die Masse der Juden damals, wie die Masse der Christen heute, sie gleicht dem Raben, der nach der Sintflut nicht mehr in die Hand des Noah zurückkehrte. Er fand im Schlamm und Morast, wo¬nach die Gier seines Leibes suchte.
Die Masse des jüdischen Volkes wandert nun weiter auf der breiten Straße dieser Welt und mit ihr auch manch gutgesinnter Mensch. Aber der Meister will die Entscheidung bis zum Letzten durchtragen So ergeht die Frage an die Zwölf: "Wollt auch ihr gehen?“ Auch sie wird er gehen lassen, wenn sie es wollen. Doch, obwohl sie genau so wenig verstanden haben, was der Meister von dem "Brot des Lebens" gesagt hat, sie bleiben, halten fest seine Hand und Petrus sagt: "Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Heilige Gottes bist."
"Wollt auch ihr gehen?“ Diese Frage gilt auch uns.
Und welches ist unsere Antwort?