09.09.2018

23. Sonntag im Jahreskreis 1987

„Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn zurecht!“

Es gibt Worte in unserer Sprache, deren tiefer Sinn uns verloren gegangen ist. Sie verfolgen eine gute Absicht, erfüllen einen hohen Wert, und doch hinterlassen sie schmerzliche Wunden im Herzen.

Ein solches Wort hörten wir im heutigen Evangelium. Es heißt: Zurechtweisung.

Und doch sind wir nicht dankbar, wenn wir nicht den rechten Weg im Gebirge kennen, wenn wir uns im Labyrinth der Straßen einer Großstadt verlaufen, wenn wir uns in völlig abwegige Gedanken verlieren, dass da jemand kommt und auf den rechten Weg weist?

Und solch eine Zurechtweisung tut uns nicht nur Not auf den Straßen des öffentlichen Lebens, solch eine Zurechtweisung ist uns in unserer Zeit weit nötiger im religiösen Leben.

Doch was wir dort dankbar hinnehmen, bereitet uns hier solch große Schwierigkeiten. Wir fürchten uns nicht nur zurechtgewiesen zu werden. Es fällt uns auch schwer, unseren Bruder, unsere Schwester zurechtzuweisen. So sagen wir gern: „Ein jeder kehre vor seiner Tür, dann ist es rein bei mir und dir.“ und berufen uns auch noch allzu leichtfertig auf: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Nächsten, den Balken im eigenen Auge aber siehst du nicht?“ Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“

Doch die Zurechtweisung ist das einem jeden obliegende Wächteramt dem Nächsten gegenüber. Und dieses Wächteramt fordert: Nicht hochmütig zu bevormunden, sondern dienend und helfend zur Seite zu stehen. Nicht zu urteilen und verurteilen, sondern zu versöhnen. Nicht aus der Gnadengemeinschaft auszuschließen, sondern inniger zu verankern.

Ja zu diesem Wächteramt sind wir verpflichtet durch die mitverantwortliche Nächstenliebe, die uns gebietet: „Einer trage des anderen Last!“

Und es geht eben nicht nur um die Pflicht zu den leiblichen Werken der Barmherzigkeit, sondern es gibt auch die geistlichen Werke der Barmherzigkeit, die uns verpflichten, „den Zweifelnden recht zu raten und die Sünder zurechtweisen“. Wir erfüllen gewiss nicht unser Wächteramt, wenn wir schweigen gegenüber all dem Spott und Hohn in Fernsehen, Illustrierten und Zeitungen gegen unsere religiöse Überzeugung, wenn wir blind sind, wenn unsere Kinder den schmalen Pfad der Tugend verlassen und die breite Straße des Verderbens gehen, wenn wir alles hinnehmen, was heute eben als modern gilt.

Vor einem halben Jahrhundert konnte man noch Kreuze an der Außenwand unserer Kirchen sehen, auf denen statt des Körpers Jesu Worte standen: „Rette deine Seele!“ Dies mochte wohl genügen in einer Zeit, da ein jeder Getaufte eingebunden war in den Gnadenstrom der Kirche. Heute dagegen ist einem jeden die Pflicht aufgegeben, dem Bruder, der Schwester, die sündigen, betend nahe zu treten: „Dann geh zu ihm und weise ihn zurecht!“

In der ersten Lesung des heutigen Sonntags stehen die Worte: „Wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um ihn von seinem Wege abzubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben. Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut.“ Ja, es wäre ein Leichtes für den Prediger, nur von der Herrlichkeit des Himmels zu sprechen und die Augen zu schließen vor aller Sünde und Schuld und das Wort „Hölle“ aus Rücksicht auf empfindliche Gemüter nicht über seine Lippen zu bringen.

Sind wir doch bereit, einander in Güte und Verstehen zu ertragen, und haben wir auch den Mut, in Offenheit die Wahrheit zu sagen bevor ein anderer es in Gehässigkeit tut.

Lasset uns beten:

„Herr Jesus Christus, du hast uns in deine Nachfolge gerufen und willst uns zu Jüngern haben.

Gib, dass wir diesen Auftrag nicht vergessen in unsrem Alltag, wenn wir zur Arbeit gehen, wenn wir im Zug sitzen, wenn wir die Schuld des anderen sehen.

Herr, dann lass uns da sein und Mut finden, deinen Frieden in die Tat umzusetzen und dein wunderbares Erlösungswerk weiterzutragen.“ (Peter Spangenberg)