Tagesweisheit

Louis-Marie Grignion de Montfort
Das Goldene Buch




13.04.2021

Das Goldene Buch
Abhandlung von der Wahren Andacht zur allerseligsten Jungfrau
Zweiter Teil: Von der vorzüglichsten Andacht zur allerseligsten Jungfrau oder von der vollkommenen Hingabe an Jesus durch Maria

Fünftes Kapitel – Besondere Übungen dieser Andacht

Besondere Übungen für die, welche vollkommen werden wollen (Teil IV)

Man muss ferner bedenken, dass die allerseligste Jungfrau das Heiligtum der Gottheit, das Ruhegemach der heiligsten Dreifaltigkeit, der Thron Gottes, die Stadt Gottes, der Altar Gottes, der Tempel Gottes, kurz die Welt Gottes ist. Alle diese verschiedenen Titel und Lobsprüche sind vollkommen wahr wegen der verschiedenen Wunder und Gnaden, die der Allerhöchste an Maria gewirkt hat. O, welcher Reichtum! Welche Fülle von Glorie! Welch ein Glück, in Maria Einkehr nehmen und wohnen zu dürfen, wo Gottes Majestät den Thron ihrer höchsten Glorie aufgeschlagen hat! Aber wie schwer ist es für uns Sünder, den Vorzug und die Gnade zu erhalten und zu bewahren, dieses erhabene Heiligtum zu betreten, das nicht wie das alte, irdische Paradies von einem Cherub, sondern vom Heiligen Geist Selbst bewacht wird. Als unbeschränkter Herr desselben sagt Er Selbst: Hortus conclusus, soror mea, sponsa, hortus conclusus, fons signatus (Hl 4,12), „ein wohlverschlossener Gartenbist du, Meine Schwester, Meine Braut, ein wohlverschlossener Garten, ein versiegelter Quell!“ Maria ist verschlossen, Maria ist versiegelt; die elenden Kinder Adams und Evas, die aus dem irdischen Paradies vertreiben sind, können in diese Paradies nur Zutritt finden durch eine besondere Gnade des Heiligen Geistes, die sie sich verdienen müssen. Hat man aber durch treue Erfüllung aller Forderungen diese ausgezeichnete Gnade erlangt, dann muss man auch gern in diesem Heiligtum verbleiben, und vertrauensvoll in ihm Frieden und Hilfe suchen. In dieser Wohnung Gottes muss man sich verbergen und ohne Rückhalt verlieren, damit die Seele dort in dem jungfräulichen Schoße Mariä genährt werde von der Milch ihrer Gnade und ihrer mütterlichen Barmherzigkeit, dort befreit werde von Verwirrung, Ängsten und Zweifeln und gesichert sei gegen all ihre Feinde, die Welt, den Teufel und die Sünde, die in dieses Heiligtum niemals eindringen konnten. Deshalb versichert Maria selbst, dass jene, die in ihr ihre Werke vollbringen, nicht sündigen werden: Qui operantur in me, non peccabunt (Eccli. 24,30), d.h. wer geistig in der allerseligsten Jungfrau wohnt, wird nie eine schwere Sünde begehen. Schließlich soll die Seele in Christus gebildet werden und Christus in ihr, da nach den Worten der heiligen Väter ihr Schoß der Saal der göttlichen Geheimnisse ist, in dem Christus und alle Auserwählten gebildet worden sind: Homo et homo natus est in ea (Ps 86,5).