Tagesspruch

Katharina Emmerich
Das Leben der heiligen Jungfrau Maria



01.06.2021

Die selige Anna Katharina Emmerich (flämisch Emmerick) (* 8. September 1774, in Coesfeld; † 9. Februar 1824 in Dülmen, Bistum Münster) war eine stigmatisierte Augustinerin im Kloster Agnetenburg in Dülmen. Ihr liturgischer Gedenktag ist der 9. Februar.
Anna Katharina wuchs in einer äußerst armen Familie auf. Sie konnte deshalb zunächst nicht ins Kloster eintreten, da ihre Familie die hierfür notwendig Mitgift nicht aufbringen konnte. Von früher Kindheit an hatte sie Träume von Jesu Leben und Visionen von Christus.
Erst mit 24 Jahren wurde sie bei den Augustinerinnen aufgenommen, allerdings nur deswegen, weil eine Freundin, die aufgrund ihrer Fähigkeit, Orgelzu spielen, dem Konvent sehr willkommen war, darauf beharrte, nur ins Kloster einzutreten, wenn auch Katharina aufgenommen werden würde.
Katharinas Wunsch, in ihrem Leben Jesus ähnlich zu werden, wurde durch das viele Leid, das sie zu tragen hatte, verwirklicht. Freiwillig bevorzugte sie Bitteres vor Schönem. So geschah es einmal, dass sie in einer Vision Jesus aus dem Tabernakel zu sich kommen sah. Er hielt einen Blumenstrauß und eine Dornenkrone in den Händen und stellte sie vor die Wahl, eines der beiden Dinge für sich zu beanspruchen. Katharina nahm die Dornenkrone und drückte sie fest auf ihren Kopf, was ihr unsägliche Schmerzen bereitete, die sie von diesem Zeitpunkt an bis zu ihrem Lebensende begleiten sollten.
Durch ihre Bereitschaft für die Sünder Buße zu tun und das Leid anderer auf sich zu nehmen, litt sie Angst, größte Verlassenheit und schwere Schmerzen. Nur einer, ihr Bräutigam Jesus Christus, konnte sie trösten. So erschien er ihr des öfteren während der heiligen Kommunion oder während der Anbetung und spendete den Trost, den sie in ihren Qualen so dringend benötigte.
Das Kloster der Augustinerinnen wurde 1811 in Folge der Säkularisation aufgelöst, was Katharina schwer zu schaffen machte. Sie fand keinen Gefallen mehr an der Welt und stieß ebenso wie auf offene Herzen und Menschen, die bei ihr religiöse Hilfe suchten, auf Ablehnung und Spott.
Nachdem ihr am Fest des heiligen Augustinus auf wunderbare Weise Kreuze, zwei davon blutig, in die Brust eingebrannt worden waren, erschien ihr zu Weihnachten 1811 Jesus, der Seiner Dienerin seine fünf Wunden einprägte.
Die letzten zwölf Jahre ihres Lebens verbrachte Anna Katharina Emmerick auf dem Krankenbett, litt schwerste Schmerzen für Christus und die Sünden der Welt, ernährte sich fast nur mehr von Wasser und ertrug zu alledem noch Verleumdungen und Anfeindungen. Denn das Wunder ihrer Stigmatisierung war in die Öffentlichkeit gedrungen, und obwohl sie vom Erzbischof und Medizinern bald schon als übernatürlich erkannt worden waren, gab es viele Leute, die sich darüber lustig machten.
Vor ihrem Lebensende wurden die Visionen und Entrückungen immer länger und intensiver. So sah sie die Heiligen des alten und des neuen Bundes, sie wurde in das gelobte Land geführt, durchwanderte Hölle, Fegefeuer, das Paradies und den Vorhof des Himmels. Die Muttergottes soll ihr das Jesuskind überreicht haben und sie soll mit Engeln und Heiligen verkehrt sein. In ihren Visionen wurden ihr auch Ereignisse, die sich in der Welt soeben ereignet hatten, offenbart. Die begnadete Mystikerin starb am 9. Februar 1824. Ihr Seligsprechungsprozess wurde 1892 eingeleitet.
Im Jahr 2004 wurde sie durch Papst Johannes Paul II. selig gesprochen und damit zur Ehre der Altäre erhoben. Auch hinsichtlich der Aufzeichnungen durch Clemens Brentano ist, wie bei den anderen, leider weiterhin unklar, ob er in allem detailgetreu notiert hat, was Anna Katharina berichtete.
Der Herr sagte zur seligen Anna Katharina Emmerich: Ich gebe dir diese Gesichte nicht für dich, sondern sie sind dir geschenkt, damit du sie auffassen lassest. Du musst sie mitteilen... Ich gebe dir diese Gesichte und habe es jeder Zeit so getan, um zu zeigen, dass Ich bei Meiner Kirche bin, bis zum Ende der Tage.



22.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil XIV)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Als die Reisenden in dem Hause zusammen ankamen, fanden sie schon alles an Ort und Stelle und ganz eingerichtet, denn die alten Leute hatten vorher hingeschickt und alles ordnen lassen. Die Knechte und Mägde hatten alles so schön und ordentlich abgepackt und an seinen Ort gebracht, wie sie es beim Aufpacken getan hatten, denn sie waren so hilfreich und taten alles so still und verständig vor sich hin, dass man ihnen nicht immer, wie heutzutage, alles einzelne befehlen musste. So war dann bald alles in Ruhe, und nachdem die Eltern sie in das neue Haus eingewiesen hatten, nahmen sie nebst dem Töchterchen Annas, das mit seinen Großeltern zurückzog, von Anna und Joachim mit Segen und Umarmung Abschied und begaben sich auf den Heimweg. Ich sah diese Leute bei solchen Besuchen und ähnlichen Gelegenheiten nie schmausen, sie lagen zwar oft im Kreise und hatten ein paar Schüsselchen und kleine Krüge vor sich auf dem Teppich, aber sie redeten meist von göttlichen Dingen und heiligen Erwartungen.
Hier sah ich nun die heiligen Leute ein ganz neues Leben anfangen. Sie wollten alles Vorhergegangene Gott aufopfern und nun ganz denken, als kämen sie jetzt erst zusammen, und so strebten sie dann nun, durch ein Gott wohlgefälliges Leben jenen Segen auf sich herabzuflehen, nach welchem allein sie so heiß verlangten. Ich sah sie beide unter ihre Herden gehen und diese in drei Teilen, wie ich oben von ihren Eltern gesagt, zwischen dem Tempel, den Armen und sich verteilen. Das beste auserlesene Teil ließen sie zum Tempel treiben, ein gutes Drittel empfingen die Armen; den schlechtesten Teil aber behielten sie für sich selbst, und so taten sie mit allem dem Ihrigen. Ihr Haus war ziemlich geräumig, sie lebten und schliefen in abgesonderten Kämmerchen, wo ich sie sehr oft, jedes allein mit großer Innigkeit beten sah.
Ich sah sie lange Zeit so leben, sie gaben große Almosen; und sooft ich sie auch ihre Herden und Habe teilen sah, mehrte sich doch alles schnell wieder. Sie lebten sehr mäßig in Abbruch und Enthaltung. Ich sah sie wohl auch bei dem Gebet Bußkleider anlegen, und oft sah ich Joachim fern bei seinen Herden auf der Weide zu Gott flehend.



21.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil XIII)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Annas Mutter lebte nicht mehr, aber ich sah doch, dass die Eltern der beiden Eheleute sie nach ihrer neuen Wohnung begleiteten. Vielleicht hatte Eliud wieder geheiratet, oder es waren etwa von den Eltern Joachims dabei. Maria Heli, Annas erstes Töchterlein, ungefähr 6—7 Jahre alt, war auch bei dem Zuge. Die neue Wohnung lag sehr angenehm in einer hügeligen Gegend, von Wiesen und Bäumen umgeben, etwa anderthalb Stunden oder eine starke Stunde gegen Abend von Nazareth, auf einer Höhe zwischen dem Tal bei Nazareth und dem Tal Zabulon. Eine mit einer Allee von Terebinthen besetzte Schlucht führte von dem Hause gegen Nazareth zu. Vor dem Hause lag ein geschlossener Hofraum, sein Boden schien mir nackter Felsengrund. Er war von einer niederen Felsen- oder rohen Steinmauer und hinter oder auf dieser von einem lebendigen Flechtzaun umgeben. An einer Seite dieses Hofes befanden sich leichtere kleine Gebäude für das Gesinde und zur Aufbewahrung von mancherlei Gerätschaften, auch war ein offener Schoppen dort errichtet, um Vieh und Lasttiere da einzustellen. Es lagen mehrere Gärten umher, und in einem solchen Gartenraum nahe bei dem Hause stand ein großer Baum von eigentümlicher Art. Seine Zweige senkten sich zur Erde nieder, wurzelten und trieben wieder Bäume empor, die ebenso taten, wodurch ein ganzer Kreis von Lauben gebildet ward.
Die Türe in der Mitte des ziemlich großen Hauses drehte sich in Angeln. Das Innere war wohl von dem Umfange einer mittleren Dorfkirche und durch viele mehr oder weniger beweglich geflochtene Wände, die nicht bis zur Decke emporreichten, in die verschiedenen Wohnräume eingeteilt. Durch die Haustüre trat man in den ersten Teil des Hauses, einen großen Vorsaal, der die ganze Breite einnahm, und zu Festmahlzeiten gebraucht oder auch nach Bedürfnis bei vielen Gästen durch leichte bewegliche Schirmwände in viele kleine Schlafräume abgezeltet ward. Der Haustüre gegenüber trat man durch eine leichte Türe in der Mitte der Rückwand dieser Vorhalle in den mittleren Teil des Hauses, und zwar in einen Gang, welcher zwischen vier Schlafkammern zur Rechten und vier zur Linken dieses Hausteils hinlief. Diese Kammern waren auch von etwas mehr als mannshohen leichten Flechtwänden gebildet, die oben in offenem Gitterwerk endeten. Von hier führte der Gang in den dritten oder hinteren Teil des Hauses, welcher nicht viereckig, sondern nach der Gestalt des Hauses wie der Chor einer Kirche halbrund oder in einem Winkel endete. In der Mitte dieses Raumes, dem Eingange gegenüber, stieg eine Feuermauer bis zur Rauchöffnung oben in der Decke des Hauses empor; am Fuße dieser Mauer befand sich die Feuerstelle, wo gekocht wurde. Vor der Feuerstelle hing eine fünfarmige Lampe von der Decke nieder. Der Raum zur Seite der Feuerstelle und hinter derselben war in mehrere größere Kammern durch leichte Wände abgezeltet.
Hinter dem Herde waren durch mehrere Teppichwände die Schlafstellen, der Betwinkel, der Speiseraum und Arbeitsraum der Familie abgeteilt. Hinter den schönen Obstgärten bei dem Hause lagen Felder, dann ein Wald und hinter diesem ein Berg.



20.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil XII)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

So lebten sie bei dem Vater Eliud wohl sieben Jahre, was ich an dem Alter des ersten Kindes sehen konnte, als sie sich entschlossen, sich von den Eltern zu trennen, und ihren Wohnsitz in einem Haus und Feldgut aufzuschlagen, das von Joachims Eltern ihnen in der Gegend von Nazareth zugekommen war. Sie hatten die Absicht, dort in der Einsamkeit ihr eheliches Leben ganz von neuem zu beginnen und durch einen Gott noch gefälligeren Wandel Seinen Segen auf ihre Verbindung herabzuziehen. Ich sah diesen Entschluss in der Familie fassen und sah Annas Eltern die Ausstattung ihrer Kinder zurüsten. Sie teilten die Herden und sonderten für den neuen Haushalt Ochsen, Esel und Schafe ab, welche viel größer als bei uns zulande waren. Auf die Esel und Ochsen vor der Tür wurden allerlei Geräte, Gefäße und Gewände gepackt, und die guten Leute waren so geschickt, alles aufzupacken, als die Tiere es zu empfangen und fortzutragen. Wir können unsere Sachen kaum so geschickt auf Wagen packen, wie diese Leute es auf diese Tiere konnten. Sie hatten schönen Hausrat, alle Gefäße waren zierlicher als jetzt, es war, als hätte der Meister jedes mit anderer Gesinnung und Liebe gemacht. Ich sah, wie sie gebrechliche mit allerlei Bildwerk künstlich geformte Krüge mit Moos ausgefüllt und umwickelt und an beiden Enden eines Riemens befestigt, den Tieren über den Rücken hängten, auf den freien Rücken der Tiere aber allerlei Päcke von bunten Decken und Gewand legten. Ich sah auch, wie sie kostbare, mit Gold rohgestickte Decken aufpackten, und dass die Ausziehenden von den Eltern einen kleinen, schweren Klumpen in einem Beutel empfingen, als sei es etwa ein Stück edles Metall.
Als alles bereitet war, traten auch Knechte und Mägde zu dem Zug und trieben die Herde und Lasttiere vor sich hin nach der neuen Wohnung, welche wohl 5—6 Stunden von da entlegen war. Ich glaube, sie rührten von Joachims Eltern her. — Nachdem Anna und Joachim von allen Freunden und Dienern dankend und ermahnend Abschied genommen hatten, verließen sie ihren bisherigen Aufenthalt mit Rührung und guten Vorsätzen.



19.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil XI)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Das erste Kind, welches Anna im Hause ihres Vaters gebar, war eine Tochter, aber sie war das Kind der Verheißung nicht. Die Zeichen, welche geweissagt worden waren, traten nicht ein bei ihrer Geburt, die mit einigen betrübten Umständen verbunden war. Ich sah nämlich, dass Anna, die gesegneten Leibes war, Kummer durch ihr Gesinde hatte. Eine ihrer Mägde war durch einen Verwandten Joachims zu Falle gekommen. Anna sehr bestürzt, die strenge Zucht ihres Hauses so verletzt zu sehen, verwies dieser Magd ihren Fehler etwas streng, und diese nahm sich ihr Unglück nun so zu Herzen, dass sie vor der Zeit ein totes Kind gebar.
Anna war hierüber ganz untröstlich, sie fürchtete schuld daran zu sein, und es folgte, dass auch sie zu früh gebar. Ihre Tochter aber blieb am Leben.
Weil nun dieses Kind die Zeichen der Verheißung nicht hatte und zu früh geboren war, so hielt Anna dies für eine Strafe Gottes und war sehr betrübt, denn sie glaubte sich versündigt zu haben. Dennoch hatten sie eine herzliche Freude an dem neugeborenen Töchterlein, das auch Maria genannt ward. Es war ein ganz liebes, frommes und sanftes Kind, und ich sah es immer etwas dick und stark heranwachsen. Die Eltern hatten es auch sehr lieb, aber es blieb doch eine gewisse Unruhe und Betrübnis in ihnen, weil sie erkannten, dass es nicht die von ihnen erwartete heilige Frucht ihrer Verbindung sei. Sie büßten daher lange und lebten in Enthaltung voneinander; auch ward Anna unfruchtbar, was sie stets für eine Folge ihrer Versündigung ansahen und darum alle ihre guten Werke verdoppelten. Ich sah sie oft in eifrigem Gebete abgesondert und wie sie sich längere Zeit voneinander trennten, Almosen gaben und Opfer zum Tempel sendeten.



18.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil X)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Sie hatten beide etwas Ausgezeichnetes in ihrem Wesen; sie waren zwar ganz jüdisch, aber es war etwas in ihnen, was sie selbst nicht kannten, ein wunderbarer Ernst. Ich habe sie selten lachen gesehen, wenn sie gleich am Anfang ihrer Ehe nicht eigentlich traurig waren. Sie hatten einen stillen, gleichmäßigen Charakter und in ihrem frischen Alter schon etwas von alten gesetzten Leuten. Ich habe wohl in meiner Jugend schon solche junge Paare gesehen, die sehr gesetzt waren, und bei denen ich damals schon dachte, die sind gerade wie Anna und Joachim.
Die Eltern waren wohlhabend, sie hatten viele Herden, schöne Teppiche und Geschirre und viele Knechte und Mägde; den Acker bauen habe ich sie nicht gesehen, aber wohl Vieh treiben auf der Weide. Sie waren sehr fromm, innig, wohltätig, schlicht und recht. Sie teilten oft ihre Herden und alles in drei Teile und gaben ein Drittel des Viehs in den Tempel, und das trieben sie selbst hin, wo es von Tempeldienern empfangen wurde. Das zweite Drittel gaben sie den Armen oder begehrenden Anverwandten, deren meistens einige zugegen waren, die es wegtrieben. Das letzte und gewöhnlich geringste Drittel behielten sie für sich. Sie lebten sehr mäßig und gaben alles hin, wo begehrt ward. — Da habe ich oft schon als Kind gedacht: „Geben reicht aus; wer gibt, erhält doppelt wieder“; denn ich sah, dass ihr Drittel sich immer wieder mehrte, und dass alles bald wieder so vollauf war, dass sie wieder in drei Teile teilen konnten. — Sie hatten viele Verwandte, die bei allen feierlichen Gelegenheiten bei ihnen versammelt waren; da sah ich dann nie viel Schmauserei. Ich sah sie wohl in ihrem Leben hie und da einem Armen Speise reichen, aber eigentliche Gastmahle sah ich nie. — Wenn sie zusammen waren, sah ich sie gewöhnlich im Kreis an der Erde liegen und von Gott mit einer großen Erwartung reden. Ich sah auch oft böse Menschen aus ihrer Verwandtschaft dabei, welche das mit Unwillen und Erbitterung ansahen, wenn sie so voll Sehnsucht nach dem Himmel in ihren Gesprächen emporblickten. Aber sie wollten diesen Übelgesinnten doch wohl, versäumten bei keiner Gelegenheit, sie zu sich zu bitten, und gaben ihnen alles doppelt. Ich sah oft, dass diese mit Unwillen und stürmend das begehrten, was die guten Leute ihnen mit Liebe entgegenbrachten. Es waren auch Arme in ihrer Familie, und ich sah sie oft ein Schaf, auch mehrere hingeben.



17.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil IX)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Annas Eltern waren reich. Ich sah dies an ihrer großen Wirtschaft; sie hatten viele Ochsen, aber sie hatten nichts für sich allein, sie gaben alles den Armen. Ich habe Anna als Kind gesehen. Sie war nicht besonders schön, aber doch schöner als andere. So schön wie Maria war sie bei weitem nicht, aber ungemein einfältig und kindlich fromm; so habe ich sie allezeit gesehen, auch als Jungfrau, als Mutter und als altes Mütterchen; so dass, wenn ich eine recht kindliche alte Bauersfrau sah, ich immer denken musste, die ist wie Anna. Sie hatte noch mehrere Geschwister, Brüder und Schwestern, die wurden verheiratet. Sie aber wollte noch
nicht heiraten. Ihre Eltern hatten sie besonders lieb. Sie hatte wohl an sechs Freier, aber sie schlug sie aus. Sie erhielt, da sie sich wie ihre Vorfahren bei den Essenern Rats erholt hatte, die Weisung, Joachim zu heiraten, den sie damals noch nicht kannte, der aber, als ihr Vater Eliud in das Tal Zabulon zog, wo Joachims Vater Matthat wohnte, um sie freite.
Joachim war gar nicht schön. Der heilige Joseph, wenngleich nicht jung, war gegen ihn ein sehr schöner Mann. Joachim war von kleiner, breiter und doch magerer Gestalt, und ich muss lachen, wenn ich an seine Figur denke, aber er war ein wunderbar frommer, heiliger Mensch. Joachim war auch arm. Er war mit dem heiligen Joseph verwandt, und zwar folgendermaßen: Josephs Großvater stammte aus David durch Salomon und hieß Mathan.
Er hatte einen Sohn Jakob und einen Joses. Jakob war der Vater Josephs. Als Mathan starb, heiratete seine Witwe einen zweiten Mann Levi, der aus David durch Nathan stammte, und von diesem Levi gebar sie Matthat, den Vater Heli, denn so hieß auch Joachim. Die Freierei war damals ganz einfach. Die Freier waren ganz schüchtern und blöde. Man sprach zusammen und dachte nichts bei dem Heiraten, als es müsse so sein. Sagte die Braut ja, so waren es die Eltern zufrieden, sagte sie nein und hatte Gründe dazu, so war es auch recht. War die Sache bei den Eltern richtig gemacht, so geschah die Versprechung in der Synagoge des Ortes. Der Priester betete an der heiligen Stelle, wo die Gesetzrollen lagen, die Eltern an dem gewöhnlichen Ort. Die Brautleute aber gingen in einen Raum zusammen und beredeten sich über ihre Verträge und Absichten; waren sie einig, so sagten sie es den Eltern und diese dem Priester, der sich nun nahte und die Erklärung annahm. Am folgenden Tage wurden sie dann getraut; das geschah mit allerlei Zeremonien unter freiem Himmel.
Joachim und Anna wurden an einem kleinen Orte getraut, wo nur eine geringe Schule war. Es war nur ein Priester zugegen. Anna war etwa 19 Jahre alt. — Sie hausten bei Eliud, dem Vater Annas. Dies Haus gehörte zu der Stadt Sephoris, es lag aber eine Strecke davon ab, zwischen einer Gruppe von Häusern, worunter es das größere war. Hier lebten sie wohl mehrere Jahre.



16.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil VIII)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Anna ward mit ihrem fünften Jahre, wie später Maria, in die Tempelschule gebracht. Sie lebte dort 12 Jahre und ward in ihrem 17. Jahre nach Hause gesendet, wo sie zwei Kinder fand, nämlich ein nach ihr geborenes Schwesterchen Maraha und ein Söhnlein ihrer älteren Schwester Sobe, welches Eliud hieß. Ein Jahr nachher erkrankte Ismeria tödlich. Sie ermahnte alle die Ihrigen auf ihrem Sterbelager und stellte ihnen Anna als die künftige Hausmutter vor. Dann sprach sie noch mit Anna allein, sagte ihr, dass sie ein auserwähltes Gefäß der Gnade sei, heiraten müsse und sich bei dem Propheten auf Horeb Rats erholen solle. Dann starb sie.
Sobe, die ältere Schwester Annas, war mit einem Salomo verheiratet. Sie hatte außer dem Sohne Eliud noch die Tochter Maria Salome, die mit Zebedäus die Apostel Jakobus Major und Johannes erzeugte. Sobe hatte noch eine zweite Tochter, welche eine Tante des Bräutigams von Kana und die Mutter dreier Jünger war. Eliud, der Sohn der Sobe und des Salomo, war der zweite Mann der Witwe Maroni von Naim und der Vater des von Jesus erweckten Knaben. Mahara, Annas jüngere Schwester, erhielt, da der Vater Eliud in das Tal Zabulon zog, das Gut in Sephoris. Sie heiratete und hatte eine Tochter und zwei Söhne Arastaria und Cocharia, welche Jünger wurden. Anna hatte noch eine dritte Schwester, welche sehr arm, eines Hirten Weib auf Annas Trift war. Sie war viel in dem Hause Annas.
Annas Urgroßvater war ein Prophet. Eliud, ihr Vater, stammte aus Levi, ihre Mutter Ismeria aber aus Benjamin. Anna ist in Bethlehem geboren. Ihre Eltern zogen aber dann nach Sephoris, vier Stunden von Nazareth, wo sie ein Haus und dabei ein Gut hatten. Sie besaßen aber auch Güter in dem schönen Tal Zabulon, anderthalb Stunden von Sephoris und drei von Nazareth. Annas Vater war oft mit seiner Familie in der schönen Jahreszeit im Tale Zabulon und zog nach dem Tode seiner Ehefrau ganz dahin, wodurch die Berührung mit den Eltern des heiligen Joachim, der Anna heiratete, entstand. Joachims Vater hieß Matthat und war der zweite Bruder von Jakob, dem Vater des heiligen Joseph, der erste Bruder hieß Joses.
Matthat hatte sich im Tale Zabulon niedergelassen. Ich sah Annas Vorfahren sehr fromm und andächtig mit an der Bundeslade tragen und sah, das sie Strahlen aus dem Heiligtum derselben empfingen, die sich auf ihre Nachkommenschaft, auf Anna und die heilige Jungfrau Maria bezogen.



15.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil VII)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Es war nicht mehr vollkommen in der neuen Bundeslade des von Herodes hergestellten Tempels. Es war kein Werk von Menschenhänden bereitet, es war ein Mysterium, ein heiligstes Geheimnis des göttlichen Segens zur Ankunft der heiligen Jungfrau voll der Gnade, aus welcher durch Uberschattung des Heiligen Geistes das Wort Fleisch angenommen hat und Gott Mensch geworden ist. Ich sah einen Teil dieses Heiligtums, das vor der Babylonischen Gefangenschaft ganz in der Bundeslade gewesen, jetzt hier bei den Essenern in einem braunen glänzenden Kelch, der mir wie aus einem Edelstein schien, bewahrt. Auch aus diesem Heiligtume weissagten sie. Es schien manchmal wie kleine Blüten zu treiben. Als Archos in die Höhle des Elias getreten war, schloss er die Tür, kniete nieder und betete. Er schaute empor nach der Lichtöffnung in der Decke und warf sich auf sein Angesicht zur Erde. Ich sah nun eine prophetische Erkenntnis, die er hatte. Er sah nämlich, als wachse unter dem Herzen der um Rat fragenden Emorun ein Rosenstock mit drei Zweigen hervor und an jedem dieser Zweige eine Rose. Die Rose des zweiten Zweiges war mit einem Buchstaben, ich glaube mit einem M bezeichnet. Er sah noch mehreres. Ein Engel schrieb Buchstaben an die Wand. Ich sah, daß Archos sich erhob, als erwache er, und dass er diese Buchstaben las. Ich habe das einzelne vergessen. Er begab sich hierauf aus der Höhle hinab und verkündete der fragenden Jungfrau, daß sie heiraten solle, und zwar ihren sechsten Freier. Sie werde ein auserwähltes, mit einem Zeichen bezeichnetes Kind gebären, welches ein Gefäß des nahenden Heils sein werde. Emorun heiratete hierauf ihren sechsten Freier, einen Essener, der Stolanus hieß; er war nicht aus der Gegend von Mara und erhielt durch seine Ehe und die Güter seiner Frau einen anderen Namen, den ich nicht mehr bestimmt vorbringen kann; er wurde verschieden ausgesprochen und klang ungefähr wie Garescha oder Sarzirius und dergleichen. Stolanus und Emorun hatten drei Töchter, von welchen ich mich der Namen Ismeria, Emerentia und einer späteren Tochter erinnere, die, wie ich meine, Enue hieß. Sie lebten nicht lange mehr in Mara, sondern zogen später nach Ephron. Doch sah ich, dass auch noch ihre Töchter Ismeria und Emerentia sich nach Weissagungen des Propheten auf Horeb verehelichten. Ich kann immer nicht begreifen, dass ich so oft gehört, Emerentia sei die Mutter der heiligen Anna geworden, da ich doch immer gesehen, daß es Ismeria gewesen.
Ich will in Gottes Namen erzählen, was mir noch von diesen Töchtern des Stolanus und der Emorun gegenwärtig ist. Emerentia heiratete einen Aphras oder Ophras, einen Leviten. Aus dieser Ehe stammt Elisabeth, die Mutter Johannes‘ des Täufers. Eine andere Tochter von ihnen ward, wie die Schwester ihrer Mutter, Enue genannt. Sie war bei Mariä Geburt bereits Witwe. Eine dritte Tochter von ihnen war Rhode, deren Tochter unter anderen jene Mara war, die ich bei dem Tode der heiligen Jungfrau gegenwärtig gesehen. Ismeria verehelichte sich mit einem Eliud. Sie lebten in der Gegend von Nazareth, ganz in der Weise der verehelichten Essener. Von ihren Eltern war die hohe eheliche Zucht und Enthaltsamkeit auf sie gekommen. Aus ihnen stammte unter anderen Anna. Enue, die dritte Tochter des Stolanus, wohnte verheiratet zwischen Bethlehem und Jericho. Ein Nachkomme von ihr war bei Jesus.
Ismeria und Ehud hatten eine erstgeborene Tochter Sobe. Da bei dieser aber das Zeichen der Verheißung nicht eingetreten, waren sie sehr betrübt und zogen wieder zu dem Propheten auf dem Berge Horeb, um sich Rats zu erholen. Archos ermahnte sie zu Gebet und Opfer und verhieß ihnen Trost. Ismeria war hierauf wohl während 18 Jahren unfruchtbar. Als Gott sie aber wieder segnete, sah ich, dass Ismeria nachts eine Offenbarung hatte. Sie sah, dass ein Engel neben ihrem Lager einen Buchstaben an die Wand schrieb. Ich meine, dass es wieder jenes M war. Ismeria sagte es ihrem Manne, dieser aber hatte dasselbe gesehen, und sie sahen nun beide erwacht das Zeichen an der Wand. Sie gebar aber nach drei Monaten die heilige Anna, welche jenes Zeichen auf der Magengegend mit zur Welt brachte.



14.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil VI)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Annas Großmutter war von Mara in der Wüste, wo ihre Familie zu den verehelichten Essenern gehörte und Güter hatte. Ihr Name klang mir auf die Art wie Moruni oder Emorun.
Es wurde mir gesagt, es heiße so viel wie eine gute Mutter oder erhabene Mutter.
Als die Zeit kam, dass sie sich verehelichen sollte, hatte sie mehrere Freier, und ich sah sie zu dem Propheten Archos am Horeb gehen, auf dass er ihre Wahl bestimme. Sie begab sich in einen abgesonderten Raum an dem großen Versammlungssaale und sprach mit Archos, der in dem Saale war, durch ein Gitter, als ob sie ihm beichte. Nur auf diese Weise nahten sich hier die Frauen. Ich sah hierauf den Propheten Archos seinen großen Ornat anlegen und in diesem viele Stufen hinan zur Spitze des Horebs steigen und dann durch den kleinen Eingang einige Stufen hinab in die Höhle des Elias gehen. Er schloss die kleine Tür der Höhle hinter sich und öffnete ein Loch in der Wölbung, wodurch Licht hereinfiel. Die Höhle war inwendig reinlich ausgearbeitet. Es herrschte eine Dämmerung in ihr. Ich sah an der Wand einen kleinen Altar aus dem Fels gehauen und bemerkte, jedoch nicht ganz deutlich, auf demselben mehrere heilige Gegenstände. Es standen auf dem Altare einige Töpfe mit niedrig wachsenden Kräuterbüschen. Es waren von jenen Kräutern, die so hoch wuchsen, als der Saum des Rockes Jesu von der Erde abstand. Dieses Kraut kenne ich, es wächst auch, doch schwächer, bei uns; diese Kräuter zeigten durch ihr Welken oder Grünen bei prophetischen Erkenntnissen des Archos irgend etwas an. In der Mitte zwischen diesen kleinen Kräuterbüschen sah ich etwas wie ein höheres Bäumchen, die Blätter kamen mir gelblich und wie ein Schneckenhäuschen gedreht vor. Es erschienen mir auf diesem Bäumchen wie kleine Figürchen. Ich vermag jetzt nicht gewiss zu sagen, ob dies Bäumchen lebendig oder ein gemachtes Kunstwerk gleich einer Wurzel Jesse war. — (Am folgenden Tage sagte sie): An diesem Bäumchen mit den gedrehten Blättern war gleichwie an einer Wurzel Jesse oder einem Stammbaume zu sehen, wie weit die Herannahung der heiligen Jungfrau schon fortgeschritten war. Es erschien mir wie lebendig und doch auch wie ein Behälter, denn ich sah einen blühenden Zweig, ich glaube, den Stab Aarons darin bewahrt, der ehemals in der Bundeslade gewesen. Wenn Archos um eine Offenbarung bei einer Verehelichung unter den Voreltern der heiligen Jungfrau in der Höhle des Elias betete, nahm er diesen Stab Aarons in die Hand. Sollte diese Ehe zu dem Stamme der heiligen Jungfrau beitragen, so trieb der Stab Aarons einen Sprossen und dieser wieder eine oder mehrere Blumen, worunter manchmal einzelne mit dem Zeichen der Auserwähltheit bezeichnet waren. Einzelne bestimmte Sprossen bedeuteten schon bestimmte Vorfahren Annas, und kamen diese nun zur Verehelichung, so beobachtete Archos die sie bedeutenden Sprossen und weissagte, nachdem diese sich weiter entwickelten. Es war aber auch noch ein anderes Heiligtum im Besitze der Essener auf Horeb in der Höhle des Elias, und zwar ein Teil des eigentlichen heiligsten Geheimnisses der Bundeslade, das in den Besitz der Essener gekommen, als die Lade einmal in die Hände der Feinde fiel. (Sie sprach hierbei unbestimmt von einem Streit, einer Spaltung unter den Leviten.) Dieses mit dem Schrecken Gottes in der Bundeslade verhüllte Heiligtum kannten nur die Heiligsten der Hohenpriester und einige Propheten. Ich meine jedoch, erkannt zu haben, es sei einiges davon in nur wenig bekannten geheimnisvollen Büchern alter tiefsinniger Juden erwähnt.



13.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil V)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Hierüber legte er ein Kleidungsstück an, das Ähnlichkeit mit einem Messgewand hatte und auch von gezwirnter weißer Seide gearbeitet war. (Sie schnitt die Form dieses Kleidungsstückes in ausgebreiteter Lage aus.) Die hintere Seite war schmal und lang bis zur Erde und hatte zwei Schellen am unteren Saume, deren Klang, wenn der Priester ging, zum Gottesdienst rief. Die vordere Seite war kürzer und breiter und vom Halsloche bis herab offen. Es hatte dieser vordere Teil durch zusammenhaltende, mit Buchstaben und Edelsteinen verzierte Haften unterbrochene große Lücken auf Brust und Leib, wo die Stola und das Unterkleid durchsahen. Die vordere und hintere Seite dieses Kleides war unter den Armen mit Querbahnen verbunden. (Sie gab diese bei dem Ausschneiden des Musters nicht an.) Das Halsloch umschloss ein aufrechtstehender, vorn zugehäkelter Kragen. Der über dem Kinn geteilte Bart des Priesters fiel über diesen Halskragen herab. Über dies alles legte er zuletzt ein kleines Mäntelchen von weißer gezwirnter Seide. Es schimmerte und glänzte und war vorn mit drei Krampen, die mit Edelsteinen, worin etwas eingeschnitten, verziert waren, geschlossen.
Von jeder Schulter dieses Mäntelchens hingen auch Fransen, Quasten und Früchte nieder. Er trug außerdem an dem einen Arme noch einen kurzen Manipel. Die Kopfbedeckung war, wie ich meine, auch von weißer Seide und gewirkt und gewulstet wie ein Turban, näherte sich aber auch dem Barett unserer Geistlichen, denn sie hatte oben solche Erhabenheiten und auch einen seidenen Busch. Vor der Stirn war eine goldene Platte, mit Edelsteinen besetzt, angeheftet. Die Essener lebten sehr streng und mäßig, sie aßen meist nur Früchte, die sie häufig in Gärten zogen. Archos sah ich meist gelbe bittere Früchte essen.
Etwa 100 Jahre vor Christi Geburt sah ich bei Jericho einen sehr frommen Essener, er hieß Chariot. Archos oder Arkas, der alte Prophet am Berge Horeb, hat die Essener 90 Jahre regiert. Ich sah, wie die Großmutter der heiligen Anna ihn bei ihrer Verehelichung fragte. Es ist merkwürdig erschienen, dass diese Propheten immer auf weibliche Kinder weissagten, und dass die Voreltern Annas und Anna selbst meist Töchter hatten. Es war, als sei es die Aufgabe all ihres Gebetes und frommen Wandels, von Gott einen Segen an frommen Müttern zu erflehen, aus deren Nachkommenschaft die heilige Jungfrau, die Mutter des Heilandes selbst, und die Familien Seines Vorläufers, Seiner Diener und Nachfolger hervorgehen sollten. Der Gebets- und Weissagungsort des Oberhauptes am Berge Horeb war die Höhle, in welcher Elias sich hier aufgehalten. Man ging viele Stufen zu ihr am Berge empor und dann durch einen kleinen unbequemen Eingang in die Höhle ein paar Stufen hinab. Der Prophet Archos ging allein hinein. Es war dieses den Essenern, als wenn der Hohepriester im Tempel in das Sanktissimum ging, denn hier war ihr Allerheiligstes. Es befanden sich hier einige geheimnisvolle Heiligtümer, welche schwer auszusprechen sind. Was ich noch davon vorzubringen vermag, will ich erzählen. Ich habe es gesehen, als Annas Großmutter sich bei dem Propheten Archos Rats erholte.



12.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil IV)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Ich sah auch, dass die Essener Kranke durch Handauflegung heilten oder auch, indem sie sich mit ausgebreiteten Armen ganz über sie hinstreckten. Auch sah ich sie in die Entfernung auf eine wunderbare Weise heilen, indem sie Kranken, welche nicht selbst kommen konnten, einen Stellvertreter sendeten, an welchem alles geschah, was man an dem Kranken getan haben würde. Man merkte sich die Stunde, und der ferne Kranke war zur selben Zeit genesen.
Ich sah, dass die Essener auf Horeb in den Wänden ihrer Höhlen vergitterte Räume hatten, in welchen alte heilige Gebeine, sehr schön in Baumwolle und Seide gewickelt, bewahrt wurden. Es waren Gebeine von Propheten, die hier gewohnt, und auch von Kindern Israels, die dort umher gestorben. Es standen kleine Töpfe mit grünenden Kräutern dabei. Sie steckten Lampen davor an, ehrten die Gebeine und beteten vor ihnen.
Alle unverheirateten Essener, welche am Berge Horeb und anderwärts in Klöstern zusammen wohnten, waren von großer Reinlichkeit. Sie trugen lange weiße Kleider. Das Oberhaupt der Essener auf Horeb trug bei feierlichen Gebetshandlungen einen wunderbaren priesterlichen Ornat, auf die Weise des Hohenpriesters in Jerusalem, nur kürzer und nicht so prächtig.
Wenn er in der Höhle des Elias auf dem Berge Horeb betete und weissagte, war er immer in dieser heiligen Kleidung, welche etwa aus acht Stücken bestand. Es befand sich ein großes Heiligtum darunter, eine Art Überwurf oder Skapulier über Brust und Rücken, welches Moses auf bloßem Leibe getragen hatte, und das von ihm an Aaron und später an die Essener gekommen war. Der Prophet Archos, ihr Oberhaupt am Berge Horeb, trug diesen Überwurf immer auf bloßem Leibe, wenn er mit dem ganzen Ornat bekleidet um prophetische Erkenntnis betete. Er hatte den Unterleib mit einer Binde bedeckt und Brust und Rücken mit diesem heiligen Überwurf, den ich so genau beschreiben will, als er mir noch erinnerlich ist. Es wird wohl deutlicher werden, wenn ich eine Art Muster davon von Papier ausschneide.
(Nun schnitt sie die Figur von zusammengelegtem Papier flüchtig aus.) Ausgebreitet hatte dieses heilige Skapulier ungefähr diese Gestalt. Der Stoff war starr wie ein Gewebe von Haaren gewirkt. In der Mitte des Brustteils und des Rückenteils war eine dreieckige, doppelte wie gesteppte Stelle. Ich kann jetzt nicht recht bestimmt sagen, was dazwischen war.
An dem Halsloch des Skapuliers war vorn ein Dreieck eingeschnitten und oben die Trennung durch ein Band oder Riemchen verbunden. Dieses Dreieck hing an seiner unteren Spitze mit dem Stoffe noch zusammen und konnte auf eine andere Öffnung, die vor der Brust war, niedergelassen werden, welche es alsdann vollkommen bedeckte. Die oben erwähnte doppelte Stelle war gerippt wie gesteppt, es waren Buchstaben hineingesteckt mit kleinen Stiften, welche auf der anderen Seite mit spitzen Häkchen hervorragend die Brust stechend berührten. Auf dem oben am Halsloch ausgeschnittenen, ebenfalls doppelten Dreieck war auch etwas gleich Buchstaben. Was diese Dreiecke enthielten, weiß ich jetzt nicht. Wenn der Priester dieses heilige Kleid anlegte, bedeckte das obere Dreieck genau das untere. Auf der Mitte des Rückenteils befand sich auch eine solche doppelte durchnähte, mit Buchstaben und Stacheln versehene Stelle. Über dieses Skapulier trug das Oberhaupt der Essener ein grauwollenes Hemd und über diesem ein großes weites Hemd von weißer gezwirnter Seide, welches in der Mitte durch einen breiten, mit Buchstaben bezeichneten Gürtel gegürtet war.
Er hatte eine Art Stola um den Hals, die sich über der Brust kreuzte und vom Gürtel überfasst bis zu den Waden hinabhing. Die Stola war über und unter der Stelle der Kreuzung mit drei Riemen verbunden.



11.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil III)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Um ein Mitglied des strengen Ordens zu werden, musste man 14 Jahre alt sein. Schon erprüfte Leute hatten nur ein Probejahr, andere zwei zu bestehen. Sie hatten keine Art von Handel und tauschten nur ihre Bedürfnisse gegen die Erzeugnisse ihres Ackerbaues ein. Hatte sich einer unter ihnen schwer versündigt, so wurde er durch den von dem Oberhaupte über ihn ausgesprochenen Bann von ihnen ausgestoßen. Dieser Bann hatte eine Kraft wie jener des Petrus über Ananias, der von ihm getroffen starb. Das Oberhaupt erkannte auf prophetische Weise, wer gesündigt hatte. Ich sah auch einige Essener, welche nur Bußstrafen bestanden, und zum Beispiel in einem starren Rock, dessen ausgebreitete, unbewegliche Ärmel inwendig voll Stacheln waren, stehen mussten.
Der Berg Horeb war voll von kleinen Höhlen, welche die Zellen bildeten, worin sie wohnten.
An einer größeren Höhle war von leichtem Flechtwerk ein Versammlungssaal angebaut. Hier kamen sie um 11 Uhr mittags zusammen und aßen. Jeder hatte ein kleines Brot und einen Becher vor sich. Der Obere ging von Stelle zu Stelle und segnete das Brot eines jeden. Nach der Mahlzeit kehrten sie in ihre einzelnen Zellen zurück. Es befand sich in diesem Versammlungssaal ein Altar, worauf verdeckte geweihte Brötchen standen, sie waren eine Art von Heiligtum, und ich meine, sie wurden den Armen verteilt. Die Essener hatten viele Tauben, die zahm waren und ihnen aus den Händen fraßen. Sie aßen Tauben, hatten aber auch religiöse Gebräuche mit ihnen. Sie sprachen etwas über sie und ließen sie fliegen. Ich sah auch, dass sie Lämmer in die Wüste laufen ließen, über welche sie etwas ausgesprochen, als sollten sie ihre Sünden auf sich nehmen. Ich sah sie alle Jahre dreimal nach Jerusalem zum Tempel gehen. Sie hatten auch Priester unter sich, denen besonders die Besorgung der heiligen Kleider oblag, die sie reinigten, zu denen sie beisteuerten, und deren sie auch neue bereiteten.
Ich sah sie Viehzucht und Ackerbau, besonders aber Gartenbau treiben. Der Berg Horeb war zwischen ihren Hütten voll von Gärten und Obstbäumen. Viele von ihnen sah ich weben und flechten und auch Priesterkleider sticken. Die Seide sah ich sie nicht selbst gewinnen, sie kam in Bündeln zum Verkauf, und sie tauschten sie gegen andere Produkte ein. Sie hatten in Jerusalem eine getrennte Wohngegend und auch im Tempel eine abgesonderte Stelle.
Die anderen Juden hatten eine Art Abneigung gegen sie wegen ihrer strengen Sitten. Ich sah auch, dass sie Geschenke zum Tempel sendeten, zum Beispiel ganz große Trauben, welche zwei Leute zwischen sich an einer Stange trugen. Auch Lämmer sendeten sie, aber nicht zum Schlachten, man ließ sie nur, ich glaube, in einem Garten hinlaufen.
Ich habe nicht gesehen, dass die eigentlichen Essener in der letzten Zeit blutige Opfer brachten. Ich sah, dass sie sich, ehe sie zum Tempel reisten, immer erst sehr streng durch Gebet, Fasten und Buße, ja selbst durch Geißelungen vorbereiteten. So aber einer mit Sünden beladen und ohne sie durch Buße gesühnt zu haben, zum Heiligsten, zum Tempel ging, pflegte er meistens plötzlich zu sterben. Fanden sie auf der Reise oder in Jerusalem auf ihrem Wege irgendeinen Kranken oder sonst Hilflosen, so gingen sie nicht zum Tempel, bis sie ihm alle mögliche Hilfe geleistet hatten. Ich sah überhaupt, dass sie sich mit Heilung beschäftigten.
Sie sammelten Kräuter und bereiteten Tränke. Ich sah jetzt auch, dass jene heiligen Leute, von welchen ich vor einiger Zeit gesehen habe, dass sie kranke Menschen auf eine Streu von Heilkräutern betteten, Essener waren.



10.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil II)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Es gab später auch noch eine dritte Gattung von Essenern, welche alles übertrieben haben und auf große Irrtümer gekommen sind, und ich habe gesehen, dass die anderen sie nicht unter sich duldeten. Die eigentlichen Essener hatten besonders mit prophetischen Dingen zu tun, und ihr Oberhaupt am Berge Horeb ward dort öfter in der Höhle des Elias göttlicher Offenbarungen teilhaftig, welche sich auf die Ankunft des Messias bezogen. Er hatte Erkenntnisse von der Familie, aus welcher die Mutter des Messias hervorgehen solle, und wenn er den Voreltern der heiligen Anna in Sachen der Ehe weissagte, sah er auch, wie die Zeit des Herrn sich nahte. Wie lange aber die Geburt der Mutter des Heilandes durch Sünde noch verhindert oder verzögert werde, wusste er nicht, und er mahnte daher zu Buße, Abtötung, Gebet und innerlichem Opfer, in welchen gottgefälligen Übungen alle Essener immer zu gleichem Zwecke von je das Beispiel gaben. Ehe Jesaias diese Leute sammelte und ihnen eine geregeltere Verfassung gab, lebten sie als fromme, der Abtötung beflissene Israeliten zerstreut.
Sie trugen immer dieselben Kleider und flickten sie nicht, bis sie ihnen vom Leibe fielen. Sie kämpften vorzüglich gegen die Unsittlichkeit und lebten mit gegenseitiger Einwilligung oft in langer Enthaltung in weitentfernten Hütten von ihren Ehefrauen getrennt. Wenn sie aber in ehelicher Gemeinschaft lebten, geschah es allein in der Absicht einer heiligen Nachkommenschaft, welche der Ankunft des Heils förderlich sein möge. Ich sah sie getrennt von ihren Frauen essen; wenn der Mann den Tisch verlassen hatte, kam die Frau, ihre Mahlzeit einzunehmen. Schon in jenen Zeiten waren Vorfahren der heiligen Anna und anderer heiligen Leute unter den verehelichten Essenern.
Jeremias stand auch in Beziehung mit ihnen, und jene Menschen, die man Prophetenkinder nannte, waren aus ihnen. Sie wohnten häufig in der Wüste, um die Berge Horeb und Karmel, auch in Ägypten sah ich später ihrer viele. Ich habe auch gesehen, dass sie durch Krieg eine Zeitlang vom Berge Horeb vertrieben waren und von neuen Oberhäuptern wieder gesammelt wurden. Die Makkabäer waren auch unter ihnen. Sie hatten eine große Verehrung vor Moses und besaßen ein heiliges Kleidungsstück von ihm, das er dem Aaron gegeben, von welchem es auf sie gekommen war.
Es war dieses ihr großes Heiligtum, und ich habe eine Anschauung gehabt, wie etwa 15 aus ihnen in Verteidigung dieses Heiligtums umgekommen sind. Ihre prophetischen Oberhäupter hatten Wissenschaft von den heiligen Geheimnissen der Bundeslade. Die eigentlichen jungfräulich lebenden Essener waren von unbeschreiblicher Reinheit und Frömmigkeit. Sie nahmen Kinder auf und erzogen sie zu großer Heiligkeit.



09.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria

Die Voreltern der Heiligen Anna Essener (Teil I)
(Mitgeteilt im Juli und August 1821)

Ich hatte eine ausführliche Anschauung von den Voreltern der heiligen Anna, der Mutter der heiligen Jungfrau. Sie lebten zu Mara in der Gegend des Berges Horeb und hatten einen geistlichen Zusammenhang mit einer Art sehr frommer Israeliten, von welchen ich vieles gesehen habe; was ich noch davon weiß, will ich erzählen. Ich war gestern fast den ganzen Tag unter diesen Leuten, und hätte mich nicht so viel Besuch bedrängt, so würde ich nicht das meiste vergessen haben. Man nannte jene frommen Israeliten, die auf die Voreltern der heiligen Anna Bezug hatten, Essener oder Essäer. Sie haben aber dreimal andere Namen gehabt, zuerst hießen sie Eskarener, dann Chasidäer und endlich Essener oder Essäer. Der erste Name Eskarener kam von dem Namen Eskara oder Askara, wie man den Teil des Opfers nannte, der Gott zukommt, und auch den duftenden Weihrauch des Weizenmehlopfers.
Der zweite Name Chasidäer heißt soviel als die Barmherzigen. Woher der Name Essener entstand, weiß ich nicht mehr. Die Art dieser frommen Leute stammte aus der Zeit Moses‘ und Aarons, und zwar von den Priestern her, welche die Bundeslade trugen; sie erhielten aber erst in den Zeiten zwischen Jesaias und Jeremias ihre bestimmte Lebensverfassung. Anfangs waren ihrer nicht sehr viele; nachher aber wohnten sie im gelobten Lande in einem Raum von 48 Stunden in der Länge und 36 in der Breite in Versammlungen. Später erst kamen sie in die Gegend des Jordans. Sie wohnten hauptsächlich an dem Berge Horeb und dem Berge Karmel, wo Elias sich aufgehalten. Die Essener hatten zu Zeiten der Großeltern der heiligen Anna auf dem Berge Horeb ein geistliches Oberhaupt, einen alten Propheten wohnen, er hieß Archos oder Arkas. Ihre Verfassung hatte sehr vieles von einem geistlichen Orden. Die Aufzunehmenden mussten ein Jahr Prüfungen bestehen und wurden nach höheren prophetischen Eingebungen für kürzere oder längere Zeit aufgenommen. Die eigentlichen Glieder des Ordens, welche zusammenwohnten, heirateten nicht, sie lebten jungfräulich. Es gab aber Leute, die aus dem Orden ausgegangen waren oder ihm anhingen, welche heirateten und in ihren Familien eine in vieler Hinsicht ähnliche Zucht mit ihren Kindern und Hausgenossen wie die eigentlichen Essener hielten. Es war ein Verhältnis zwischen ihnen und den eigentlichen Essenern, wie es heutzutage die weltlichen Leute der Dritten Regel, die sogenannten Terziaren, zu den katholischen Ordensgeistlichen haben; denn diese verehelichten Essener suchten in betreff aller wichtigen Angelegenheiten, besonders bei der Verheiratung ihrer Angehörigen, Belehrung und Rat bei dem Oberhaupt der Essener, dem Propheten am Berge Horeb. Die Großeltern der heiligen Anna gehörten zu dieser Gattung verehelichter Essener.



08.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria
Allgemeines von den Voreltern der heiligen Jungfrau (Teil II)
(Mitgeteilt am Morgen des 27. Juni 1819)

— Solche Betrachtungen hatte ich wohl, wenn ich als Kind oder als junges Mädchen einsam auf der Viehweide bei der Herde oder nachts auf den höchsten Feldern unserer Bauerschaft kniend zu Gott flehte, oder wenn ich im Advent um Mitternacht durch den Schnee 3/4 Stunden weit von unserer Hütte in Flamste nach Coesfeld in die Jakobikirche zu der Rorate-Andacht ging. — Abends vorher und auch wohl in der Nacht betete ich dann fleißig für die armen Seelen, die, weil sie vielleicht die Sehnsucht nach dem Heile in ihrem Leben nicht genug erweckt und sich anderer Begierde nach Kreaturen und Gütern der Welt hingegeben hatten, in mancherlei Mängel gefallen waren, und jetzt in Sehnsucht nach der Erlösung schmachteten, und ich opferte mein Gebet und meine Sehnsucht nach dem Heiland Gott für sie auf, als wolle ich für ihre Schuld bezahlen. — Ich hatte aber doch auch einen kleinen Eigennutz dabei, denn ich wusste, dass die lieben armen Seelen mich aus Dank dafür und aus stetem Verlangen nach Gebetshilfe zur rechten Zeit wecken würden, um nicht zu verschlafen. Sie kamen dann auch, wie kleine stille, schwache Lichter an mein Bett herangeschwebt und weckten mich so zur rechten Minute, dass ich noch mein Morgengebet für sie aufopfern konnte, dann besprengte ich mich und sie mit Weihwasser, kleidete mich an und begab mich auf den Weg und sah die kleinen armen Lichtlein wie in einer Prozession mich ganz ordentlich begleiten. Da sang ich dann mit rechtem Herzensverlangen auf dem Wege:
Himmel! Tauet den Gerechten,
Wolken regnet Ihn herab!
und sah hin und wieder in der Wüste und dem Felde jene Voreltern der heiligen Jungfrau voll großer Sehnsucht laufen und nach dem Messias schreien und tat wie sie, und kam immer zur rechten Zeit in Coesfeld zur Rorate-Messe an, wenn die lieben Seelen mich gleich manchmal einen großen Umweg durch alle Stationen des Kreuzweges geführt hatten.
Wenn ich nun diese lieben Voreltern der hl. Jungfrau so nach Gott hungernd flehen sah, erschienen sie mir in Tracht und Wesen so fremd, und waren mir doch so deutlich und nah, dass ich noch jetzt alle ihre Gesichtszüge und Gestalten vor Augen habe und kenne; und ich dachte dann immer bei mir, „was sind das nur für Leute? Es ist alles nicht wie jetzt, und doch sind diese Leute da, und alles ist geschehen!“ und so hoffte ich dann immer, noch zu ihnen zu kommen. — Diese guten Leute waren in allem Tun und Reden und in ihrem Gottesdienst sehr bestimmt und genau, und hatten keine Klage, als über das Leid ihres Nächsten.



07.06.2021

Das Leben der heiligen Jungfrau Maria
Allgemeines von den Voreltern der Heiligen Jungfrau (Teil I)
(Mitgeteilt am Morgen des 27. Juni 1819)

Heute Nacht ist mir Alles, was ich als Kind so oft aus dem Leben der Voreltern der heiligen Jungfrau Maria gesehen, in einer Reihe von Bildern ganz auf dieselbe Weise abermals vor die Seele getreten. — Könnte ich nur alles so erzählen, wie ich es weiß und vor Augen habe, es würde den Pilger gewiss erfreuen. Ich selbst bin durch diese Betrachtung in meinem Elende ganz erquickt worden. — Als Kind war ich in diesen Dingen so sicher, dass ich jedem, der mir etwas von diesen Geschichten auf andere Weise erzählte, gerade heraussagte: „Nein, es ist so und so“ und ich hätte mich wohl dafür umbringen lassen, dass es so und nicht anders sei. Später machte mich die Welt unsicher, und ich schwieg. Die innere Gewissheit ist mir aber immer geblieben, und ich habe heute Nacht alles bis in die kleinsten Umstände wieder gesehen.
Ich war als Kind in meinen Gedanken immer mit dem Krippchen und dem Jesukind und der Mutter Gottes beschäftigt, und war oft sehr verwundert, dass man mir nichts von den Leuten der Mutter Gottes erzählte, und konnte gar nicht begreifen, warum man so wenig von ihren Voreltern und Verwandten aufgeschrieben habe. In dieser großen Sehnsucht erhielt ich dann eine Menge Anschauungen, von den Voreltern der hl. Jungfrau. —
Ich sah ihre Voreltern wohl bis in das vierte oder fünfte Glied aufwärts, und sah sie immer als wunderbar fromme und einfältige Leute, in denen eine ganz außerordentliche, heimliche Sehnsucht nach der Ankunft des verheißenen Messias lebte. — Ich sah diese guten Leute stets zwischen anderen Menschen wohnend, die mir im Vergleich mit ihnen roh wie Barbaren erschienen; sie selbst aber sah ich so still, sanft und mildtätig, dass ich oft in großer Sorge um sie in Gedanken sagte: „Ach! wo sollen diese guten Leute nur bleiben, wie sollen sie sich nur vor den bösen rohen Menschen retten? ich will sie aufsuchen, ich will ihnen dienen, ich will mit ihnen fort in einen Wald fliehen, wo sie sich verbergen können; ach! Ich finde sie gewiss noch!“ — So bestimmt sah ich sie und glaubte ich Sie, dass ich immer ganz bang und voll Sorgen um sie war.
Stets sah ich diese Leute in großer Entsagung lebend. Oft sah ich die Verehelichten unter ihnen sich zu gegenseitiger Enthaltung von einander auf eine Zeitlang verloben, was mich dann sehr freute, ohne dass ich doch bestimmt sagen konnte, warum. — Solche Absonderungen beobachteten sie meistens, wenn sie allerlei Gottesdienst mit Räucherungen und Gebeten vorhatten, aus welchen Handlungen ich erkannte, dass Priester unter ihnen waren. — Ich sah sie oft von einem Ort an den anderen ziehen, indem sie, um nicht von bösen Leuten in ihrem Leben gestört zu werden, große Güter verließen und sich auf kleinere zurückzogen.
Sie waren so innig und voll Sehnsucht nach Gott, dass ich sie oft einsam im Felde am Tage oder auch zur Nachtzeit mit so heftigem Verlangen nach Gott flehend und schreiend laufen sah, dass sie sich aus Herzenshunger die Kleider vor der Brust aufrissen, als werde Gott mit den heißen Sonnenstrahlen sich in ihr Herz einbrennen, oder mit dem Mondlicht und dem Sternenschein ihren Durst nach Erfüllung der Verheißung ersättigen.